Ausnahme oder Regel?

Alexander Görlach9.10.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Abtreibung ist ein Übel. Die aktuelle Diskussion markiert einmal mehr, wie sehr der Mensch bereit ist, sich selbst zur Ware zu deklassieren.

Abtreibung ist ein Übel. Denn eine Gesellschaft muss immer darüber diskutieren, wie ihre Kinder geboren werden, auf- und heranwachsen. Keine Gemeinschaft wird sich darüber definieren können, wie sie am besten die Geburt des Nachwuchses verhindert.

Von dieser generellen Aussage unberührt bleiben die Fälle, die es auch gibt und die, weil sie real sind, auch Wirkmacht haben: Wer möchte einer vergewaltigten Frau sagen, dass sie das Kind, gezeugt von ihrem Peiniger, austragen soll? Keiner. Es wird immer Abtreibungen geben, die juristisch legitim und menschlich verständlich sind.

Es ist die Frage, ob wir sie als Ausnahme von einer Regel begreifen oder die Ausnahme als Grundlage für neue Regeln.

Als Spinner verspottet

Die Deutschen haben diese Debatte schon einmal geführt, vor einem Vierteljahrhundert, genauer gesagt, die Westdeutschen haben sie geführt. Damals wurde erbittert gestritten. Selbstbestimmung der Frau gegen das Recht des ungeborenen Kindes auf Leben. Die Befürworter der Abtreibung haben ihr ganzes Engagement auf das Argument gelegt, dass die Verschmelzung von Ei und Samenzelle noch längst nicht einen Menschen konstituiere.

Die Debatte, die nun neu entfacht ist, scheint sich dieser komplizierten Fragestellung erst gar nicht mehr annehmen zu wollen. Die Selbstbestimmung der Menschen (also der Männer und der Frauen) über das ungeborene Leben scheint der neue Konsens zu sein, der das ungeborene Leben als untergeordnet betrachtet. Nach einem Vierteljahrhundert hat sich ein mühsam errungener Vertrag aufgelöst und ein neuer ist am Entstehen.

Vor 25 Jahren konnte die katholische Kirche auf der Grundlage ihres Menschenbildes den Diskurs dominieren und am Ende auch gewinnen. Heute werden einige tausend Menschen, die sich, mit weißen Kreuzen ausgerüstet, zu einem Marsch für das Leben zusammenfinden, von vielen Seiten verunglimpft und als Spinner verspottet.

Damals läuteten am 28. Dezember, dem im katholischen Kalender für die von König Herodes ermordeten unschuldigen Kinder von Bethlehem gewidmeten Gedenktag, die Glocken von den Kirchtürmen – Sterbeglocken für die Kinder, die nicht geboren werden durften. Heute werfen Gegner der Abtreibungsgegner Kreuze in die Spree und markieren damit das Ende einer Gesellschaft, in der Schwache auf Empathie hoffen dürfen.

Denn der Erosionsprozess bezieht sich ja nicht nur auf den Lebensanfang, sondern auch auf das Lebensende. Über den Umgang mit den alten Menschen, über die Zustände in manchen Pflegeheimen, kann viel nachgelesen werden.

Im erbärmlichen Abwärtsstrudel

Wir liegen, das wird deutlich, im Unfrieden mit den Zeiten des Lebens, die sich nicht dadurch auszeichnen, dass wir voll im Saft stehen. Am Anfang des Lebens, am Ende – und zunehmend auch in der Mitte: Kranke waren früher Patienten, das kommt aus dem Lateinischen und hat was mit Geduld zu tun. Geduld von Ärzten, Pflegepersonal und den Kranken selber. Heute heißen die Kranken Klienten, das kommt auch aus dem Lateinischen und hat etwas mit einem Abhängigkeitsverhältnis als Höriger und ganz sicher etwas mit Geld zu tun.

Wir befinden uns in einem erbärmlichen Abwärtsstrudel, in dem Menschen sich selbst und mit sich alle anderen als Ware betrachten, mit der man, von Fall zu Fall, nach Belieben verfahren kann. In den Ideologien des 20. Jahrhunderts vergottete der Mensch sich selbst. Heute deklassiert er sich wohlfeil selbst und ohne Not zu einem Konsumgut, das man genießen und wegwerfen kann.

Wer kann die grassierende Durch-Ökonomisierung des Menschen durch sich selbst stoppen? Ich würde sagen, es ist der große Auftrag an die Christenheit in dieser Zeit. Andere mögen, ebenso legitim, weitere Akteure ins Feld führen. Je größer die Allianz am Ende ist, desto besser. Eine humanistische und humane Gesellschaft muss ihr Ziel sein.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Boyan Slat ist die bessere Greta Thunberg

Die Schwedin Greta Thunberg gilt als Klimaikone. Aber bei genauer Betrachtung ist die Klimakaiserin nackt! Der smarte Niederländer Boyan Slat hingegen ist weniger bekannt, aber Greta gegenüber mit seinem Klimapragmatismus weit voraus. Aber wer ist der junge Mann aus Delft? Und viel wichtiger: Waru

Kevin Kühnert wird der (über)nächste SPD-Vorsitzende

Ich wette, Kevin Kühnert wird den (noch nicht gewählten) SPD-Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und seine Partnerin Saskia Esken ablösen. Sie glauben das nicht? Immerhin hatte ich schon öffentlich eine Wette angeboten, dass die beiden bei der Stichwahl zum SPD-Vorsitz als Sieger hervorgehen,

Was bedeutet der Sieg von Walter-Borjans und Esken?

Der frühere nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind von der SPD-Basis zum neuen Duo an der Parteispitze gewählt worden. In der Stichwahl setzten sich die beiden Kandidaten klar mit 53,06 Prozent gegen den Vizekanzler Olaf Scholz

Warum das grüne Glaubenssystem stabiler als das der Kommunisten ist

Seit dem Fall der Berliner Mauer beobachten Medienwissenschafter eine Inflation der Katastrophenrhetorik. Offenbar hat das Ende des Kalten Krieges ein Vakuum der Angst geschaffen, das nun professionell aufgefüllt wird. Man könnte geradezu von einer Industrie der Angst sprechen. Politiker, Anwälte

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener

Besserverdienende sind deutlich zufriedener mit ihrem Sexleben als Geringverdiener, wie eine aktuelle Studie belegt

Hinter den Klima-Alarmisten steht die Staatsmacht

Ich meine, die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, was in dieser Republik geschieht. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist dieser Anspruch nichts Besonderes, sondern Normalität.

Mobile Sliding Menu