In Deutschland heisst es Jugend forscht. In England heisst es Petting. Harald Schmidt

Es lebe Italien!

Die Italiener haben einen Despoten gestürzt. Das Ausmaß der Zerstörung seiner Herrschaft tritt nun zutage. Italien muss die Kraft finden, sich von innen heraus zu erneuern. Hommage an ein Land, das ich liebe.

Als ich 1994 das erste Mal in Rom war, fuhren die orangefarbenen Stadtbusse noch mit offenen Türen und die Fahrer legten sich in die Kurven, was das Zeug hielt. Die Ewige Stadt hielt noch das, was ihr Ruf versprach: chaotische Zustände. Südlich von Florenz beginnt Afrika war dazu nördlich von Florenz zu hören.

Auch während meiner Studienzeit an der Päpstlichen Universität Gregoriana 1998 und 1999 hatte sich daran noch nicht viel geändert. Es gab ungefähr gefühlte 100 Gewerkschaften für Bus- und U-Bahn-Fahrer. Mal streikten die der Linie A, das andere Mal die der Linie B. So einfach war die Welt in der Metropole am Tiber. Rot oder Blau, Linie A oder B. Entweder man war Kommunist oder man hielt zur Kirche. Entweder man pries die Demokratie oder sehnte den König zurück. Die Regierungen kamen und gingen. Die Italiener im Allgemeinen ließen sich von nichts umhauen. Waren sie doch auf einer Halbinsel von nervigen Einflüssen von Nachbarländern gänzlich frei. Lampedusa war damals noch eine unbedeutende Insel im Mittelmeer.

Puta, troia, miniota

Die Römer im Besonderen behielten ihren inneren Frieden, denn je blasser die Republik und die Gestalten, die sie prägten, waren, umso eher wandten sie sich an den eigentlichen Lenker ihrer Stadt, den Pontifex Maximus, den obersten Bischof der universalen Kirche, ihren Bischof, den sie – gleich wie ihre Cäsaren dereinst – als Licht der Stadt und des Erdkreises sahen.

Die Italiener sind ein abergläubisches Volk; sie rufen ihre Heiligen an, glauben an den bösen Blick, sie fluchen. Noch bevor ich die ersten unregelmäßigen italienischen Verben konjugieren konnte, waren mir drei römische Ausdrücke für „leichtes Mädchen“ bekannt: puta, troia, miniota. Ok. Man weiß sich auszudrücken am Tiber, wo Heiliges und Profanes sehr nahe nebeneinander existieren.

Insulare Inzucht

Der insularen Abgeschiedenheit des italienischen Stiefels korrespondiert die konservierte Sprache. Nicht ohne Stolz verweisen die Italiener darauf, dass das heutige Italienisch mit dem von Dante nahezu identisch sei. Der Dichter der „Divina Commedia“ könne sich also auch heute noch in der Ewigen Stadt nach einem Ziel seiner Wahl durchfragen, Martin Luther, dem Choreografen des modernen Deutschs, würde das nicht gelingen. Wenn es um komplexere Sachverhalte als die Beschimpfung der Mutter oder der Schwester des Lieblingsfeindes geht, ist es spätestens sehr lose, das Band, das das Mittelhochdeutsche und das heutige Deutsch miteinander verbindet.

Rom – die Hure Babylon. So nannte Luther die Stadt, als sie noch ausschließlich Hauptstadt des Kirchenstaates war. Nach meiner Studienzeit, spätestens 2003, als ich wegen eines Praktikums bei Radio Vatikan wieder länger in der Stadt war, dämmerte es der Mehrheit der Stadtbewohner, wahrscheinlich auch Italiens, dass der Leibhaftige nunmehr nicht dem Vatikan, sondern der Regierung vorsteht. Silvio Berlusconi hat da seine Fratze schon gezeigt und die Proteste gegen ihn waren damals schon deutlich im Land vernehmbar. Und Gott schickte seine Strafen: Es brannte der Dom von Turin, der das Grabtuch des Herrn beherbergt, ein Erdbeben zerstörte Assisi, der Müll verschluckte Süditalien. Berlusconi konnte die Krisen nicht managen und wurde dennoch wiedergewählt.

Lieber Bunga-Bunga als eine Schwuchtel

An seine Erwählung glaubte er unbeirrt. Als der greise Johannes Paul II. ein letztes Mal nach Assisi aufbricht zum Gebet mit den anderen Weltreligionen, gelingt es dem Vatikan nur unter Aufbietung aller Kräfte zu verhindern, dass Berlusconi mit dem Pontifex in den Zug steigt. Und dabei muss doch ein Berlusconi mit dem Papst reisen – dachte er.

In meine Studienzeit in Rom fiel das Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton. Er konnte im Amt bleiben, obwohl sich Ejakulat auf dem Kleid von Monica Lewinsky finden ließ. Zwischenzeitlich konnte man den Eindruck gewinnen, Berlusconi glaube, man müsse eben dieses finden, um sich eines solchen Amtes würdig zu erweisen: lieber Bunga-Bunga als eine Schwuchtel.

Eine Renaissance, eine Renaissance!

Das Land steht vor dem Kollaps. Die stolze Nation ist gedemütigt. Das hat sie zu einem großen Teil Berlusconi zu verdanken. Und ihrer eigenen Unfähigkeit, ihn loszuwerden. Jede Nation bekommt die Regierung, die sie verdient. Die Italiener sollen es ihrer Kirche nachtun: Sie hat vor nunmehr einem halben Jahrhundert gemerkt, dass es keinen Sinn hat, nur italienische Kardinäle zu haben.

Der polnische Papst fand zuerst auch ein eisiges Echo. Was?!? Kein Italiener?!? Die Halbinsel-Stunden sind nun endgültig vorbei. Inzucht löst keine Probleme. Darin liegt nun auch die Gefahr der Experten-Regierung, die auch wieder zu einem nicht unerheblichen Teil bei ihren Entscheidungen von den alten Kadern abhängen wird. Italien braucht einen frischen Geist und neue Gedanken:

Ihr braucht nicht weniger als eine Renaissance! Damit solltet ihr euch doch auskennen. Es lebe Italien!

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Görlach: Menschen, die auf Hitler starren

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