Jede Demokratie, die ihre Konflikte nicht austrägt, hört auf, demokratisch zu sein. Günter Grass

Nation der Weltmeister

Wir können stolz sein: Deutschland ist vielfältig und bildet diese Vielfalt in seiner Fußballnationalmannschaft ab. Der Gewinn für die Gesellschaft kann nicht unterschätzt werden.

Miroslav Klose wird, da er der älteste Spieler der DFB-Auswahl ist, von seinen Mannschaftskollegen „Opa“ genannt. Was für eine erfrischende Anekdote vom Rande des Turniers. Seit dem Sommermärchen von 2006 sind acht Jahre vergangen. Eine Zeitspanne, in der die jungen, frischen Spieler, die damals in der WM im eigenen Land angetreten waren, zu reifen Männern geworden sind.

Der Bogen des gestrigen WM-Sieges spannt sich zurück bis zu jenem schönen ersten „Schland“-Sommer, in dem die Temperaturen in der Hauptstadt besser waren als heuer. Die Spieler, die damals schon dabei waren und von denen einige mit diesem Turniersieg ihre Karriere im Profifußball krönen, waren die Katalysatoren eines Wandels, an dessen Ende die Deutschen selbst von sich überrascht waren. Heute, acht Jahre später, kann man nicht nur in englischen Zeitungen lesen, dass die Deutschen sympathisch geworden seien. Das war vor 2006 bei weitem nicht so.

Gewinn für die Gesellschaft

Es ist interessant zu betrachten, wie eine Fußballmannschaft eben nicht nur den Nationalstolz befördern, sondern ihm durch einen neuen Kern seine Bedrohlichkeit nehmen kann. Denn im Prinzip wirkt der Wettkampf Nation gegen Nation wie ein Ruf aus einer längst und Gott sei Dank untergegangenen Zeit. Da der Profisport aber national organisiert und auch kein anderes griffiges Ordnungsprinzip in Sicht ist, ist der einzige Ausweg aus dem Dilemma, den Begriff der Nation und den Begriff des Stolzes mit neuem Inhalt zu füllen.

Die Nation: Was für viele Mannschaften wahr ist, gilt für die deutsche im Besonderen: Ihre Spieler sind nicht nur so genannte Einheimische, sondern die Sprösslinge von Einwanderern. Was also die neue Nation ausmacht, wird schon an den Namen und dem Aussehen der Spieler manifest. In einer Gesellschaft, in der Fußball nach wie vor der beliebteste Sport von allen ist, gehört es zu den größten Leistungen der Nachwuchsförderung, die durch den DFB angestoßen und finanziert wird, hier inklusiv tätig zu sein. Der Gewinn für die Gesellschaft kann nicht unterschätzt werden.

Der Stolz: 2006 wurde konstatiert, dass die Jugend der Welt entspannt damit umgehe. Man konnte das auf der Berliner Fanmeile gut beobachten: Dort saßen etliche länger auf den Landesflaggen als dass sie geschwenkt wurden. Der Boden war staubig und man mochte sich nicht die Hose einsauen. Potenziell plumpen Nationalstolz eliminiert man aber nicht, in dem man seine klassischen Utensilien, zu der die Fahne gehört, umfunktioniert. Die Teams repräsentieren Länder, es treten die besten Spieler eines Landes gegen die eines anderen an. Deswegen wehen Fahnen und werden Hymnen gesungen. Wer Fahnen zu Sitzflächen umwidmet, ist daher eher ein ignoranter denn ein aufgeklärter Zeitgenosse. Zum Nationalismus kann man sich nämlich weder lethargisch noch agnostisch verhalten. Ihn muss man aushebeln – verniedlicht werden kann er nicht.

Deutschland ist vielfältig

Wir können am Tag nach dem Titelgewinn stolz sein: auf die Arbeit, die in den Fußballvereinen geleistet wird, auf die ehrenamtliche, auf die bezahlte und auch auf die der oft geschmähten so genannten Funktionäre. Deutschland ist vielfältig und bildet diese Vielfalt in seiner Fußballnationalmannschaft ab. Jogi Löw ist es gelungen, nach 2006 den Geist jener WM aufzunehmen und etwas darauf aufzubauen, etwas Neues zu formen.

Die beste Fußballer-Mannschaft aus Deutschland hat gegen ihr Pendant aus Argentinien in einer unfassbar nervenaufreibenden Partie gewonnen. Die Arbeit, die mit der WM 2006 begann, wurde nun belohnt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Alles richtig gemacht

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