Im Moment ist die Frage, was schlimmer ist: Der Papst, der vor dem Bundestag spricht oder die Piraten, die künftig im Berliner Abgeordnetenhaus das Wort an sich ziehen dürfen werden? Die Hauptstadt kennt im Moment nur diese beiden Themen: Darf so was wie der Papst überhaupt vor dem Hohen Haus, dem Parlament sprechen? Und: Wohin geht die Politik in Deutschland, wenn so was wie die Piraten am öffentlichen Gerät alimentiert ihre Ein-Themen-und-Spaß-Partei beatmen lassen können?
Also arbeiten wir uns an diesen beiden Themen ab. Wir? Pluralis modestiae versteht sich, nicht majestatis. Das wird noch einmal entscheidend werden. Also gut: Der Papst. Der SPIEGEL (dessen wöchentliche Kritik eigentlich meinem geschätzten Kollegen Martin Eiermann obliegt) titelt diese Woche „Der Unbelehrbare“ und spannt damit den Bogen zum Unfehlbaren. Der Papst ist nicht als solcher und insoweit unfehlbar als er seine persönlichen Meinungen und Wünsche kundtut („Wir entscheiden: Ab morgen ist das Wasser grün“), sondern in der Weise, wenn er mit der Kirche, in ihrer Tradition und der kollegialen Verbundenheit mit dem höchsten Gremium in der Kirche, dem Konzil, eine Glaubenswahrheit verkündet.
Großes und erhabenes Spaghetti-Monster
Deswegen sagt er dann „wir“, weil es ja nicht um ihn alleine geht. Der Papst ist, übrigens anders als der hierzulande so beklatschte Dalai Lama, keine Emanation des Göttlichen. Der Papst wird bisweilen genannt „Statthalter Christi“ oder „Stellvertreter Gottes“. Beide Bezeichnungen weisen deutlich darauf hin, dass er der Platzhalter, die Erinnerung an Gott in der Welt wach hält und sich nicht selber für Gott oder gar göttlich hält.
Nun kommt Benedikt XVI. auf Einladung in den Deutschen Bundestag. Alltagsgeschäft für den Pontifex. Vor den Vereinten Nationen war er, wie sein Vorgänger auch schon. Dort sind ja nun weiß Gott/Allah/Krischna/Jahwe/Spaghettimonster mehr Religionen vertreten als in unserem Parlament. Von einer ähnlichen Erregung ob der Ansprache des Bischofs von Rom ist nichts überliefert, von einer rhetorischen Aufmunitionierung, dass in New York die Trennung von Kirche und Staat aufgehoben worden wäre, war nichts zu hören. Und das auf dem Boden eines Landes, in dem man sich aus lauter religiöser PC-igkeit nicht „Frohe Weihnachten“, sondern „Frohe Feiertage“ wünscht.
Deutschland annektieren!
Wladimir Putin hat auch vor dem Bundestag gesprochen. Oh my God! Hat er Berlin damit für Russland als Territorium reklamiert. Genau. Hat er nicht. Wird der Papst morgen im Bundestag stehen und rufen „Gehört alles mir hier“? Ähm, nein. Also ihr peinlichen Jungs und Mädels von der SPD, den Grünen und der Linken: Geht doch heim und nervt nicht. Die Behauptung, Benedikt brächte mit seiner Rede die Grundfesten der freiheitlichen Gesellschaft zum Einsturz, ist grotesk. Vielleicht spricht er ja von der Freiheit. Da kann die FDP sicher was lernen im Hinblick auf ihren ehemaligen Markenkern, den Liberalismus. Und die Mauer-und-Diktatur-Gedächtnis-Partei kann etwas erfahren von dem, was echte Freiheit bedeutet. Vielleicht wollen sie ja deswegen nicht zuhören, weil es für sie unangenehm werden kann.
Und die SPD? Träumt von rot-grün, so bald wie möglich, vielleicht noch in diesem Jahr. Diesen Traum wird ihnen nicht der Papst nehmen, sondern die Piratenpartei. Die Spontis sind weiter gewandert, weg von den Grünen und den Sozialdemokraten. Bei den Piraten entsteht, das sehen Wahlforscher so, ein neues Milieu, eine eigene Gruppe mit einem eigenen Lebensgefühl, ein neuer Weg. So hieß das Christentum in seinen Anfängen auch einmal: Neuer Weg. Es geht hierbei nicht darum, dass die Piraten nur das Thema Internet hätten, sondern dass mit dem Internet ein umfassender Wandel des Lebens einer bestimmten Gruppe einhergegangen ist, der so viele eigene Merkmale in sich bindet, dass von einem neuen „wir“ die Rede ist. Zu „wir“ siehe oben.
Zottelig und angeranzt
Also: Diese neue Bewegung hat bei der letzten Bundestagswahl knapp zwei Prozent gemacht. Wenn sie bei der nächsten Wahl drei oder vier Prozent holen, woher kommen die Stimmen dann? Richtig: Von SPD und von den Grünen. Dann war’s das mit der Traum-Koalition, der Neuauflage von 1998 unter der Ägide von Agenda2010-Politikern. Not lehrt beten. Vielleicht gehen die Abgeordneten dieser beiden Fraktionen dann nach der Rede mit dem Heiligen Vater noch mal auf einen Abstecher in die Kapelle des Bundestages, um übernatürlichen Beistand zu erflehen. Von den Linken kommt bestimmt keiner mit, aber ohne die wird es dann nicht gehen, wenn es für Öko-Sozial nicht reicht.
Die Piraten und der Heilige Vater, sie haben doch mehr gemeinsam, als sich beide Seiten auf den ersten Blick zutrauen. Bei beiden wird es laut im Raum, wenn sie sagen „wir“. „Religion privatisieren“ war eine der Forderungen auf den Wahlplakaten der Piraten. Immerhin Ihr Piraten: Der Stifter der Kirche, Jesus Christus, hatte auch lange zottelige Haare. Und ein Sponti soll er bisweilen auch gewesen sein.
Leserbriefe
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Was für ein Journalisten-Geschwätz! Meine Güte, eigentlich will ich doch gar nicht so unhöflich sein, aber so ein Wortgequirl wie das hier, wo völlig verschiedene Sachen völlig sinnfrei, aber mit halt irgendeiner Reflektions-Attitüde ineinanderverschwurbelt werden, genau das also, sage ich, ist das, was einen dazu bringt, Journalisten “Schreiberlinge” zu nennen. Tut mir wirklich leid, aber das ist alles so grauenhaft sinnlos und bescheuert, dass es wirklich langsam anfängt, weh zu tun.
Sehr geehrte/r Herr/ Frau Zlotoff,
den grund Ihrer Erregung verstehe ich nicht, außer dass Sie das Geschriebene vielleicht nicht verstehen und es daher als Geschreibsel abqualifizieren? Schön aber, dass Sie merken, dass Sie unhöflich sind.
Beste Grüße,
Ihr
Alexander Görlach
Sehr geehrter Herr Görlach…
…ein Artikel, der Parallelen zwischen Papst und Piraten ausmacht? Ein wagemutiges Unterfangen, das Neugier weckt. Doch leider musste ich feststellen, dass trotz einiger durchaus notwendiger Klarstellungen, wie z.B.der Verweis auf die Nicht-Göttlichkeit des Papstes, ihr Artikel überwiegend von Polemik getragen wird, die aus meiner Sicht manchmal die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet. Ihre Meinung zum Papstbesuch in allen Ehren. Doch kam ich nicht umhin zu bemerken, dass Ihr gesamter Artikel eben nicht ansatzweise so etwas wie ein schlüssiges Argument enthält, das mir plausibel machen würde, warum Menschen, die sich von den Positionen des Papstes diskrimminiert fühlen, von ihrem demokratisch zugesicherten Grundrecht des Demonstrierens, Abstand nehmen sollten.(???)
Im Gegenteil! Diese Komponente des Protests blenden Sie komplett aus, dabei ist gerade die überholte Geschlechter- und Moralpolitik des Papstes, für viele am Protest beteiligte Organisationen, das Hauptanliegen. Ein seriös recherchierter Artikel, darf dies nicht übergehen…Überhaupt beschränkt sich der Widerstand nicht auf die parteiliche Ebene, sondern geht in großem Maße von außerparlamentarischen Vereinigungen aus, die sich auch bei anderen Gelegenheiten, durchaus gegen Diskrimminierung aussprechen. Ein weiterer Punkt, der bei Ihnen leider keine Erwähnung findet. Wäre Ihnen dies nicht entgangen, so hätten Sie vielleicht auch auf den wenig passenden Vergleich mit dem Dalai Lama verzichtet. Den dieser verscherzte sich gerade nicht die Symphatien, weiter Teile der Öffentlichkeit, durch reaktionäre Äußerungen, bezüglich Homosexualität, Zölibat, Kindesmißbrauch, Holocaustleugnug (Bischoff Williamson) usw.
Was ich allerdings wirklich als grenzwertig erachte, ist Ihre Rhetorik, wenn Sie von der LINKEn, als “Mauer-und-Diktatur-Gedächtnis-Partei” sprechen. Ohne Leugnen zu wollen, dass es noch handfeste Stalinisten in den Kreisen der LINKEn gibt, bleibt wohl unbestritten, dass ein Großteil der Mitglieder, zumindest die ab Bj. Mitte der Siebziger und wahrscheinlich auch weite Teile der West-LINKEn, nicht aus geschichtsrevisionistischen Erwägungen, in dieser Partei aktiv sind. Dieser von Ihnen ausgesprochene Generalverdacht ist, entschuldigen Sie, absurd! Im Übrigen stehen, aus meiner Sicht, die marktradikalen Kreise innerhalb der FDP, dem von mir präverierten Freiheitsgedanken, nicht ein Stück näher. Das ich damit vermutlich nicht allzu weit von der Auffassung des Otto-Normal-Verbrauchers entfernt bin, könnte man aus den Wahlergebnissen der jüngsten Zeit, für o.g. Partei schließen. Obendreien wäre es noch sehr kurzsichtig, davon auszugehen, dass nach der Wende nicht genauso viele (Ex-) Genossen eine neue politische Heimat, in den bürgerlichen Parteien der Bundesrepublik gefunden hätten, wie in der SED-Nachfolgepartei. Nur der Vollständigkeit halber, sei abschließend noch erwähnt, dass die Stimmenzuwächse der Piraten eben nicht nur von SPD und Grünen kommen, sondern eben gerade von Nichtwählern. Wenn Sie also Wert darauf legen, in Zukunft Artikel zu verfassen, deren Tenor sich zumindest durch einen gewissen Charme, von der regierungstreuen Propaganda der Springer-Presse abhebt, hoffe ich Ihnen etwas hilfreich gewesen sein zu können.
Mit freundlichen Grüßen, Ihr Gold Mund…
Lieber Herr Görlach,
Ich muss mich da Zlotoff anschließen. The European hat über weite Strecken interessante Meinungsbeiträge zu Sachthemen zu bieten. Oft fernab des Tagesgeschehen. Da braucht es nicht Kolumnen, die ohne Sinn und Verstand tagesaktuelle Themen “verschwurbeln”. Die bekomme ich auch in der Kommentarspalte meiner Lokalzeitung.
Sehr geehrter Herr Valentin,
schicken Sie mir bitte den Link / die Links zu den zahlreichen Kolumnen in den Tageszeitungen, von denen Sie sprechen, die sich mit dem Papst und den Piraten auseinandersetzen. Da bin ich interessiert, was die Schar der Kollegen so geschrieben haben.
Mit bestem Dank und herzlichen Grüßen
Ihr
Alexander Görlach
Lieber Herr Görlach,
vielen Dank für den überaus amüsanten und auch informativen Text.
Meinen 3 Vorrednern kann ich ganz und garnicht zustimmen.
Machen Sie bitte weiter so !
Schöne Grüße an alle.
Lieber Herr Mund!
ein ganz deutliches Halt! Nirgendswo habe ich geschrieben, dass der Protest gegenüber dem Papst unterbinden werden sollte! Protest wurde ja nun vorab schon genug laut, es wird während des Besuches so sein und danach sicherlich auch. Protest ist ein Teil demokratischer Kultur.
Was ich in meiner Kolumne angegriffen habe ist die Haltung einzelner Parlamentarier, sich vorher und hinterher über die Haltung des Papstes beschweren, dann aber nicht einmal hingehen wollen und zuhören. Und die als Begründung so etwas murmeln wie “Trennung von Staat und Kirche”. Gerade weil es diese Trennung in Deutschland gibt, müssen Vertreter von Staat und Religion einander zuhören. Am Donnerstag Nachmittag sind eben einmal die Parlamentarier dran mit zuhören. Sie haben den Papst ja schließlich auch eingeladen!
Ihr Hinweis zu den Stimmgewinnen der Piraten bei den Nichtwählern ist richtig. Ich habe ihn hier in diesem Kontext nicht eingebracht, weil das unerheblich war für das Szenario rot-grün, über das ich geschrieben habe.
Besten Dank Ihnen für die kritische Sichtung meines Editorials.
Freundliche Grüße
Ihr
Alexander Görlach