Wenn Staaten vor großen Schwierigkeiten stehen, liegt es meistens an einem Versagen der Eliten. Wolfgang Schäuble

Russland hat fertig

Ein Artikel des US-Magazins Politico sieht den Westen am Ende. Seine Geldgier habe seine Werte ausgehöhlt. Putin habe daher keinen Respekt mehr vor uns. Eine Gegenrede.

Der Westen hat seine Werte verraten. Deswegen haben die Russen auch keine Angst mehr vor uns. Das ist die zentrale These eines Artikels des US-amerikanischen Magazins „Politico“, mit dem der Autor Ben Judah zu erklären versucht, warum Wladimir Putin auf der Krim einen Krieg vom Zaun brechen lassen will. Die Russen, so heißt es, hätten gelernt, dass für die Menschen im Westen Geld alles sei. Denn: Wir nehmen das Geld der Russen an, in unseren Kaufhäusern, in unseren Privat-Schulen, als Sponsoren-Geld für unsere Fußballvereine.

„Back in the 1980s, the USSR talked about international Marxism but no longer believed it. Brussels today, Russia believes, talks about human rights but no longer believes in it. Europe is really run by an elite with the morality of the hedge fund: Make money at all costs and move it offshore.

Mag sein, dass man von der anderen Seite des Atlantiks aus klarer auf unsere Verhältnisse hier schauen kann. Und es wäre sicher nur ein Ablenkungsmanöver, wenn man in die Argumentation einbrächte, dass russische Gas-Millionen auch auf amerikanischen Konten lagern. Russland ist aber in einer Weise mit der europäischen Geschichte verwoben, die einen absoluten und unumkehrbaren Bruch in der Vorstellung der europäischen Eliten unmöglich macht beziehungsweise bisher gemacht hat. Es gab hier ein Interesse an Russland auch jenseits des Gases.

Herr Putin hat sich verkalkuliert

Wenn die Analyse des Artikels zutrifft, dann wird der Autor feiern, dass Außenminister Kerry ins Gespräch gebracht hat, russisches Vermögen im Ausland einzufrieren und das Reisen für russische Staatsbürger zu erschweren. Das würde die Russen am meisten treffen, denn auch die glauben nur an ihr Geld. Russland ist von innen ausgehöhlt durch einen maximalen (Neu-)Reichtum für eine minimal kleine Gruppe von Personen. Die anderen sind abgehängt von gesellschaftlichem Leben und politischer Partizipation. Für diese Masse gibt es heute wieder zur Benebelung und Beweihräucherung des sogenannten Russentums die orthodoxe Kirche, die wegen der Vergottung lebender Herrscher 1918 schon einmal in der Versenkung verschwinden musste und die nichts dazugelernt hat. Die, die Geld haben, leben im Heute und Jetzt. Geben das Geld aus und denken nicht an die Zukunft. Was soll bitte schön angesichts einer solchen Elite aus Russland werden, einem schönen Land mit Geschichte und Kultur?

Herr Putin hat sich verkalkuliert. Unseren Eliten mag es auch ums Geld gehen, seinen Co-Machthabern geht es nur ums Geld. Ohne dieses Geld sind sie nichts. Der russische Aggressor beschwört einen Krieg in Europa herauf. Sollte es zu einer Annektierung von Teilen der Ukraine kommen, werden sich die beiden Armeen Gefechte liefern. Es wäre der erste Krieg dieses Typus seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Herr Putin hat sich dafür entschieden, mit dem Beinamen „der Schreckliche“ in die Geschichtsbücher einzugehen. Sein derzeitiges Vorgehen, Kanzlerin Angela Merkel hat das so richtig benannt, stellt einen Verstoß gegen das Völkerrecht dar. Der UN-Sicherheitsrat hat nicht aus Langeweile zweimal getagt.

Im Westen läuft nicht alles rund. Aber alles läuft im Westen wegen der rule of law, der Herrschaft des Rechts. Wir wissen, dass dies in Russland nicht der Fall ist. Russland gehört daher heute nicht zum Westen und tut alles, auf absehbare Zeit nicht dazu zu gehören. Der „Politico“-Text spricht über den Westen, als sei er eine leere Hülle wie die UdSSR kurz vor ihrem Zusammenbruch. Der Westen hat durch die Institutionen, die ihn markieren, und das Recht, das ihn formt, eine Spannkraft, die die jeder anderen Macht in der Geschichte übertrifft und die ihn zu einer dauerhaften Existenz befähigt. Der Westen ist deshalb noch lange nicht am Ende. Russland hingegen hat fertig.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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