Zu Risiken im Militärischen ist Deutschland bereit, zu Abenteuern nicht. Gerhard Schröder

Ein Penis macht noch keinen Menschen

Der Geist macht den Menschen einzigartig, nicht sein Sex. Homosexualität ist also keine Krankheit, sondern Teil der Vielfalt. Eine wütende Gegenrede auf Matthias Matussek.

Lieber Matthias,

zuallererst: Es gehört zur Debattenkultur, dass man mit Menschen diskutiert, die eine andere Auffassung haben. Du kannst Dir denken, dass meine Erwiderung hier auf Dich wenig Zustimmung verströmen wird. Gleichzeitig sei Dir und anderen schreibenden Querulanten versichert, dass „The European“ als Debatten-Magazin für Euch offen bleibt und wir nicht daran denken, Dir einen Maulkorb zu verpassen. Schweigen, das kannst Du Dir nur selber verordnen.

Relativismus als größte Gefahr

Nun zu Deinem Text: Die Naturwissenschaften haben keine „flüchtigen Tagessiege“ errungen, wie Du schreibst. Unser Weltbild, das sich jenseits konkreter Zahlenkolonnen und Laborergebnissen formt, wird unter anderem geprägt – so habe ich das geschrieben – von dem, was die Naturwissenschaft zu Tage fördert. Die Naturwissenschaft selber ist sich, so scheint mir, in vielen Fällen ihrer eigenen Vorläufigkeit und ihrer Grenzen bewusst. Sie allein ist – auch das werden sicher viele Naturwissenschaftler unterschreiben – nicht in der Lage, ausreichend zu beschreiben, was Menschsein heißt. Menschsein meine ich nicht metaphysisch, sondern phänomenologisch: Die verschiedenen Disziplinen arbeiten alle an dem, was die Wirklichkeit sein könnte und wie der Mensch sich in dieser Wirklichkeit sieht. Es steht außer Frage, dass Philosophen, Theologen, Soziologen, Historiker – also die Nicht-Naturwissenschaftler, die Geisteswissenschaftler – einen wichtigen, in vielerlei Fällen auch den entscheidenden Beitrag zu den Fragen unserer Existenz leisten.

Was wir aus diesen wissenschaftlichen Ergebnissen ableiten, hat Modellcharakter. Das, was wir heute wissen, wird in zehn Jahren überholt sein. Das, was die Menschen vor fünfzig Jahren glaubten, ist überholt. Für Dich ist der Relativismus die größte Gefahr. Welcher Relativismus? Du schreibst, dass die jeweils Modernen immer auf die Vorangegangenen herabschauen und hast als Beispiele die Malerei und die Musik angeführt. In diesen beiden Künsten gibt es, wie in allen anderen Bereichen, über die wir sprechen, Kontinuität und Disruption zur gleichen Zeit. Wer würde bestreiten, dass ein Picasso von Caravaggio inspiriert sein könnte und ein Mendelsohn von Bach? Und die Spätergeborenen danach trachteten, sich von ihren Idolen zu unterscheiden.

Das gilt für die Theologie und die Philosophie gleichermaßen: Ein Urs von Balthasar hatte einmal eine Gegenwart, in die hinein er geschrieben hat. Ein Karl Rahner auch. Heute gehören sie und ihre Ideen schon zur Kirchen- beziehungsweise zur Theologiegeschichte. Vor einem halben Jahrhundert waren sie brandaktuell. Und sie waren Teil einer Gruppe von Dissidenten, zu der auch einmal, das ist für Heutige fast nicht denkbar, Joseph Ratzinger gehörte.

Das heißt, und diese Wahrheit fürchten die konservativen Religiösen aller Richtungen am meisten: Auch die Religion unterliegt dem Wandel. Wer heute Christ ist, ist dies anders als vor hundert Jahren. Wer heute Muslim ist, ist es anders als vor hundert Jahren. Die Religion ist immer nur behauptete Wagenburg, in deren Innerem offenbarte, ewig gültige Schätze liegen. Es ist ein Unbehagen an der Gegenwart, das Menschen erfassen kann und für das sie sich eine eigene Bewältigungsmaschine bauen. Ich sage das nicht überheblich: Vieles verändert sich schnell, Prägung wird schwierig, Urteile halten nicht lange, Modelle auch nicht. Der Glaube an sich spricht mit einer Kontinuität der Geschichte und ist somit Korrektiv in einer Welt, die so schnell voranschreitet, dass die Zeit für Reflexion oft nicht da ist. Aber: Dieses Kontinuum hat nur deshalb eine Autorität, weil es ihm gelungen ist, im Laufe der Zeit Neues mit Altem zu verbinden. Wenn Religionen anders agieren, nicht mehr diese Synthese schaffen, versteinern sie und sterben am Ende aus.

Es gibt wissenschaftliche (Teil-) Erkenntnisse und die, ebenfalls wissenschaftlich sauber mögliche, Einordnung dieser Erkenntnisse. An einer bestimmten Stelle gibt es den Übergang von den „Seins-Aussagen“, also der Beschreibung, wie etwa sei, hin zu „Sollen-Aussagen“, wie etwas zu sein hat. Das erste ist deskriptiv, das zweite normativ.

Kranke Homos wegsperren?

Du sagst, Homosexualität sei ein Fehler der Natur. Es sei ein Fehler, wie die Rot-Blind-Krankheit, oder eine Erb-Krankheit wie die Ahornsirupkrankheit. Das ist in jedem Fall eine normative Aussage. Denn in der reinen Beschreibung des Phänomens Homosexualität ist kein Mangel ersichtlich. Stelle zwei Frauen nackt nebeneinander, eine hetero- und eine homosexuelle, und Du wirst keine Unterschiede in ihrer körperlichen Verfasstheit sehen.

Nun zum Mangel an Nachwuchs: Du sagst, Homosexuelle erleben den Mangel selbst, indem sie das Ausbleiben von Nachwuchs als Verlust erleben. Also: Dann ist die „Krankheit“ Homosexualität eine Krankheit des Geistes oder der Psyche, nicht aber eine des Leibes, wenn sie aus dem Erleben des Betroffenen resultiert. Denn, das wirst Du ja in den Kommentarspalten zu Deinen Texten schon mitbekommen haben, besteht rein körperlich auch für homosexuelle Menschen die Möglichkeit, sich fortzupflanzen. Ich bin mir nicht sicher, ob Geisteskrankheiten vererbbar sind oder nicht – von einer erblichen Homosexualität habe ich zumindest nichts gehört.

Nun die spannende Frage: Was machen wir mit Deinem normativen Befund, dass Homosexualität eine Krankheit sei? Aus normativen Befunden werden Sollens-Aussagen. Das trifft ja nicht nur für Deine Aussagen zu, sondern für viele andere, die, wenn sie von vielen Menschen geteilt wird, gesellschaftliche Veränderung hervorrufen: Unser ökologisches Bewusstsein hat dazu geführt, dass wir aus der Beschreibung „Kühe werden in Ställen mies behandelt“ abgeleitet haben „Iss Fleisch von glücklichen Kühen“.

Was ist also Deine Sollens-Aussage? Die kranken Homos wegsperren? Mit Deiner diskriminierenden Argumentation öffnest Du genau an dieser Stelle die Möglichkeit für die Wiederkehr der Diskriminierung. Und das nehmen Dir viele zu recht übel. Das ist es auch im Kern, was intellektuell weit unter Deinem Niveau liegt und was mich kolossal ärgert.

Ich glaube, dass es dir eigentlich nicht um die Homosexuellen geht. Es geht Dir darum, dass in Deinem Erleben die heterosexuelle Mehrheit mit ihren Anliegen nicht mehr zu Wort kommt. Es ist die Argumentation von jemandem, der sich zu kurz gekommen fühlt. Oder von jemandem, der für die schreibt, die von sich sagen, dass sie zu kurz kommen oder gekommen seien.

In diesem letzten Fall würde es ja noch schlimmer, da du ein Ressentiment befördern würdest, dass Du auf dem Rücken einer Minderheit austrägst. Denn eines ist doch mal klar: Wenn, sagen wir, circa fünf Prozent der Menschen homosexuell sind, dann kann eine Minderheit dieser Größenordnung nicht eine Mehrheit von 95 Prozent terrorisieren – eine Beschreibung, die von Dir kommt. Zumal in meiner Wahrnehmung diese fünf Prozent nicht ein gemeinsames politisches Ziel eint. Wer – Dein Lieblingsbeispiel Baden-Württemberg – die Grünen an die Macht wählt, der bekommt dann das, was grüne Politik ist. Das schließt die Schule mit ein, denn, ich verrate hier kein Geheimnis, das jeweilige Bundesland ist Träger der meisten Schulen auf seinem Territorium.

Sexualität wird in der Gemeinschaft verabredet

Du findest es einen Skandal, dass ein 13-Jähriger gefragt wird, was er meint, woher seine Sexualität kommt. Ich finde das die schlüssigste Art und Weise, um über die Frage zu diskutieren, ob Sexualität etwas Natürliches, also Angeborenes sei oder nicht. Der Hetero Deines Kalibers wird sagen „Jajajaja ganz toll das mit der Frau“, aber meinst Du allen Ernstes, ein Homosexueller erlebt die Sexualität nicht als etwas Ursprüngliches, was auf ihn kommt, das von ihm Besitz ergreift, das etwas Schönes ist?

Wir alle wissen das doch, da bist du zwölf und spielst mit deinen Kumpels noch tagaus, tagein und Mädchen sind doof. Und ein Jahr später sitzt du im dunklen Kino und hast zum ersten Mal eine Brust in der Hand und denkst so: Krass. Geil. Schön. Mehr davon.

Du kritisierst, dass die Genderforschung von sozialen Rollen spricht, auch wenn es um Sexualität geht. Ich bin kein ausgewiesener Freund von jeder Form der Gender-Spekulation und somit unverdächtig, Teil einer bestimmten Gender-Lobby zu sein, gleichzeitig ist es doch vollkommen richtig: Was in Sexualität geht oder nicht geht, moralisch geboten oder verboten ist, wird in der Gemeinschaft, also in der sozialen Wirklichkeit menschlichen Zusammenlebens, verabredet. Das ist eine solche Binse, dass es schon etwas wehtut, dagegen an zu argumentieren.

Was ein Junge zu tun hat oder nicht und was ein Mädchen, das sind Rollenzuschreibungen und nichts anderes. Es kann auch Bestatterinnen geben genauso wie Kindergärtner. Da schütten gerne auch einige mal das Kind mit dem Bade aus, wenn man nun immer „-innen“ sagen sollen muss oder historische Texte wie die Bibel in eine angeblich geschlechtergerechte Sprache umgemodelt werden. Was ein Mann kann und darf und eine Frau kann und darf: Auch da ist die Geschichte ein Bilderbuch für meine Erzählung von Kontinuität und Disruption.

Nur katholische Priesterin kann eine Frau nicht werden, weil sie, da kann sich sich bei den Homos einreihen, ja auch einen Defekt von Natur aus hat, der verhindert, dass sie in persona Christi am Altar agieren könnte. Wenn man eine lesbische Katholikin ist, die eine Berufung spürt, Priesterin zu werden, dann hat sie in Deiner Weltsicht den „Jackpot Morborum“ geknackt – doppelt krank. Mehr geht nicht.

Der Vollständigkeit halber gibt es auch im Kirchenrecht biologistische Ungerechtigkeit gegenüber Männer. Dort heißt es, dass ein Mann ganz gesund sein muss, um Priester zu sein. Mir sagte einmal ein Interpretateur, dass dies sogar bedeutet, dass ein Priester keinen deformierten Daumen haben oder einen Daumen verloren haben dürfte, da er damit ja die Hostie hält. Ich glaube, dass jede Form von Biologismus und, in der Konsequenz, Darwinismus, in der Kirche nichts verloren hat.

Terror durch die homosexuelle Minderheit

Das Christentum ist der Sieg des Geistes über die Natur. Nietzsche ist deswegen der größte Kritiker dieser Religion, da es dem Schwachen und Kranken, also all dem, was die Natur ausmerzen würde (seiner Auffassung nach: zwingend ausmerzen muss), einen Ehrenplatz gibt. Warum: Weil die Größe des Geistes entscheidend ist für das Menschsein und nicht die Größe des Penis’. Alle Kreaturen pflanzen sich nämlich fort.

Das ist es also nicht, was den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet und ihn, theologisch gesprochen, zum Adressaten der Offenbarung Gottes macht. Der Mensch partizipiert an Gottes Natur über den Geist, den freien Willen, die Liebesfähigkeit und die Schaffenskraft. Diese Schaffenskraft ist nicht sexuell zu verstehen, den Gott erschafft die Welt aus dem Nichts und dabei zeugt er sie nicht, sondern er spricht. Deswegen heißt es in der Schrift „Es werde“ und „Im Anfang war das Wort“.

All Deine Argumente fußen auf einem diffusen Erleben. Du sprichst für eine Gruppe, der Du Dich anscheinend zugehörig fühlst – einer von einer homosexuellen Minderheit terrorisierten heterosexuellen Mehrheit.

Homosexualität wird von der WHO nicht als Krankheit geführt. Sind die auch von der Homo-Lobby durchseucht? Was soll nun Deiner Meinung nach mit den Kranken gemacht werden? Therapie? Schockbehandlung? Kastrierung? Oder gar Euthanasie? Du schreibst, ich habe Dich mit meiner Erwiderung auf Dich ratlos gemacht. Das kann ich nur zurück geben – Du denkst das, was Du zu Liebe und Sexualität schreibst, nicht zu Ende. Bei Deiner Argumentation bedienst Du Dich an Denkfiguren, die nicht nur die Schönheit des Christentums entstellen, sondern die von Christen als diabolische Irrlehren absolut zurückzuweisen sind. Wie möchtest Du so in den Himmel kommen?

Fragt Dich Dein Freund

Alexander Görlach

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