Unsere Fehlschläge sind oft erfolgreicher als unsere Erfolge. Henry Ford

Nackt mit Fahne

Die Gedenkstätte am Ground Zero ist schon am Tag drei ihrer Öffnung ein beliebtes Ausflugsziel. Die Touristen haben sich der Gegend bemächtigt und posieren winkend vor allem, was nach Tod und Verderben von 9/11 riecht. Woher soll angesichts von so viel Einfalt die Kraft kommen, unsere Werte zu verteidigen?

Ich habe es gehalten wie Stefan Gärtner: Ich bin nicht am 11. September nach New York geflogen. Mein Flieger ging am 12. September, am frühen Nachmittag. Ich habe mir es vorgestellt, wie es sein würde, meinen Kolumnisten in der großen Stadt zu treffen, vielleicht mit ihm die Gedenkstätte am Ground Zero zu besuchen. Daraus wurde nichts. Wir hätten es aber auch wirklich schwer gehabt. Dem, was Gärtner vergangene Woche über die mediale Ausweidung von 9/11 ausgeführt hat, hätte ich meine Beobachtung des touristischen Betriebs beigestellt. Er wird es lesen und mir, da bin ich sicher, ausnahmsweise einmal recht geben.

Das Gelände ist umstellt von praktisch gekleideten Pauschal-Touristen aus der ganzen Welt. Tickets für das Gedenk-Gelände sind bis Mitte Oktober vergriffen, sie sind kostenlos, müssen aber vorab bestellt und ausgedruckt werden. Ein Glück, sonst würde dieser Friedhof überrannt werden wie die benachbarten Gottesacker der Trinity Church und der St. Paul’s Chapel. Was haben die Menschen nur mit Friedhöfen?

Posieren vor Grabplatten

Der neue Turm, der nicht Freedom Tower heißen darf, überragt die Szenerie am Ground Zero. Noch lässt sich nicht erahnen, wie groß er einmal sein soll. Wenn das Hochhaus eine Seele hätte, könnte es mancherlei Betrübliches sehen: Touristen, Schaulustige, die sich vor den Gedenktafeln, den Blumen und Kerzen für die Getöteten aufbauen und fotografieren lassen: „Ich war hier, Mami!“ Denen, die bei diesem Nicht-Schnappschuss noch in die Kamera winken, möchte man gerne eins in die Fresse geben. Es ist einfach nur eines: unfassbar pietätslos.

Über der Szenerie hängt die amerikanische Fahne! „Yet we go forward to defend freedom“, sagte US-Präsident George W. Bush in seiner Rede an die Nation am Abend nach den Anschlägen. „Wir werden voranschreiten, die Freiheit zu verteidigen.“

Ein Angriff auf unsere Werte, nicht auf das Territorium der USA

Ich möchte mich nicht an den Äußerlichkeiten aufhalten, was die Leute anhatten, wie ihre körperliche Statur war. Ich frage mich, ob die Menschen, die Ground Zero besuchen, in ihrer Mehrheit verstehen, was das für ein Monument ist. Mein Besuch dort fängt einen Augenblick ein, sicher. Aber der subjektive Eindruck trügt nicht. Er taugt nur nicht als Basis einer gültigen Verallgemeinerung.

Gerhard Schröder hat am 11. September gesagt, dass unser aller Werte mit dem terroristischen Angriff auf die USA angegriffen wurden. Um was geht es da? Es geht um die freie, offene, tolerante, säkulare, wertorientierte, christlich-humanistische, aufgeklärte, parlamentarisch verfasste, soziale Gesellschaft, die die westliche Kultur hervorgebracht hat. Diese freiheitliche Grundordnung ist etwas für jeden Menschen, egal welche Religion er hat. Gott sei Dank hat der Arabische Frühling dies gezeigt! Die Freiheit des Christenmenschen ist etwas anderes als eine freie Gesellschaft. Das eine betrifft die Seele, das andere die Herrschaftsform, unter der Menschen leben. Dieses Zweite ist das, worum es letztlich geht: vor 20 Jahren nordöstlich des Mittelmeers, dieses Jahr südlich davon.

Der Arabische Frühling legt Zeugnis ab für die universellen Menschenrechte

Der Westen bringt diese freiheitliche Ordnung nicht per Krieg einfach irgendwo hin, auch das zeigt der Arabische Frühling, sondern sie ist immer schon angelegt in dem Wesen des Menschen, der nach Freiheit strebt und nicht nach Einengung.

Der Narrativ, dass die Amerikaner die Welt mit Krieg überziehen, um ihre Werteordnung zu etablieren und damit wirtschaftliche Interessen zu schützen, greift deshalb zu kurz. Wegen des Strebens nach Freiheit, das allen Menschen gleichermaßen eigen ist, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist evident, dass Energiesicherheit, Lebensmittelsicherheit, Zugang zu Wasser, sichere Handelswege nichts ist, was die Amerikaner allein als Gut zum Leben definieren. Das ist für jede Nation von elementarer Bedeutung.

Zynischer Anti-Amerikanismus

Der Anti-Amerikanismus wurde nach 9/11 bisweilen so zynisch, dass er nicht einmal vor der Unterstellung halt machte, dass die Amerikaner hier die Quittung bekämen für das, was sie politisch angerichtet haben. Nun, ich möchte hier Amerikas „Engagement“ in Vietnam, in Korea, in Lateinamerika nicht schön reden! Aber die, die die Flugzeuge ins World Trade Center und ins Pentagon gelenkt haben, wollten nicht nur die USA treffen, sondern alle Menschen in der westlichen Welt.

Die Angriffe auf freiheitliche Gemeinwesen wird für al-Qaida und Konsorten jetzt umso aussichtsloser, da sich, mit Allahs Hilfe, auch im Morgenland die Gesellschaften öffnen werden, die sich der Ewiggestrigen, die von einer absoluten Wahrheit fabulieren, der sich jeder und jede unterzuordnen habe zu erwehren wissen werden.

Und wir Satten im Westen? Vielleicht sind die jungen Populationen in der arabischen Welt oder der Türkei nicht nur unsere Rentenzahler von morgen oder qualifizierte Fachkräfte an unseren Wirtschaftsstandorten. Vielleicht sind sie es, an die unsere überalterten, bequemen und fetten Gesellschaften das Staffelholz der Freiheit weiter reichen werden. Junge, selbstbewusste, smarte, sportliche und alerte Muslime und Muslima habe ich am Ground Zero jedenfalls gesehen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Görlach: „Ich geh' mit meiner Laterne“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: New-york, Demokratie, Islam

Kolumne

Medium_3e8cf5ce0b
von Christopher Gohl
28.09.2014

Gespräch

Medium_60b2b4cedd

Kolumne

Medium_3e8cf5ce0b
von Christopher Gohl
13.09.2014
meistgelesen / meistkommentiert