Mikrofone sind das einzige, was Politiker sich gerne vorhalten lassen. Frank Elstner

Der neue Neue Markt

Wider den Bedenkenträgern. Philipp Röslers Vorstoß, ein neues Instrument zur Finanzierung von Start-ups zu schaffen, ist richtig. Denn die Industrie ist ein Wachstumstreiber.

Der Bundeswirtschaftsminister bringt einen neuen Neuen Markt ins Spiel. An der Skepsis, die Philipp Rösler (FDP) dafür im Gegenzug bisweilen entgegen gebracht wurde, zeigt sich, dass es sich tief in die Psyche – zumindest einiger – deutscher Anleger eingebrannt hat, dass man durch großflächiges Zocken vor fünfzehn Jahren viel Geld an der Börse verzockt hat.

Damit meine ich nicht die überbewerteten Unternehmen in der sogenannten dotcom-Industrie in den USA. Dazu später. Damit meine ich im Rückblick die Zeit, in der jede Hausfrau an der Börse spekulierte, Aktien kaufte, um sie schnell wieder zu verkaufen.

Euphorische Stimmung

Das schien damals ein „sicheres Geschäft“. Wir haben sogar mit der Kohle Aktien gekauft, die wir mit unseren Jobs in den Semesterferien gemacht haben. Das ging mal gut und mal ging alles perdu. Damals haben selbst sonst solide Berater von Sparkassen und Volksbanken bisweilen über Anlagen in spekulative Aktien gesprochen und Angebote an ihre ebenso soliden Kunden gemacht. Sicher wurde dabei immer auch ordnungsgemäß das Risiko erwähnt. Aber die Stimmung war grundsätzlich eine euphorische. Irgendwann wurde dann klar, dass große Gewinnchancen immer mit großen Risiken korrespondieren. Und viele Ottonormal-Anleger haben Geld verloren.

Dass im dotcom-Bereich in den USA damals alles sehr überhitzt war, daran besteht heute kein Zweifel mehr. Das ist nun alles schon sehr lange her, die neuen Modelle sind vielfach solider. Es gibt auch nicht für jede Idee viel Investorengeld. Das Gegenteil ist der Fall.

Wir haben in den USA – genauso wie in Deutschland – eher das Problem, dass die Geldgeber zurückhaltend geworden sind. Die Idee über einen aktienbasierten Neuen Markt Geld in die Industrie zu leiten, ist daher vollkommen zweckmäßig und nötig. Wenn wir in Deutschland nicht ähnliche Strukturen schaffen wie in den USA, dann hat diese Industrie nicht die idealen Rahmenbedingungen, um an Wachstumskapital zu gelangen.

Start-up-Industrie ist Wachstumstreiber

Bei den Bewertungen von Unternehmen wird heute im Vergleich zu damals um ein Vielfaches genauer und elaborierter hingeschaut als zu Zeiten des „alten“ Neuen Marktes. Die Börse ist eine regulierende Größe. Wer von den Anlegern dort Geld möchte, der unterzieht sich einem umfangreichen Massnahmenpaket zur Bewertung seines Unternehmens.

Ob und wie viele Unternehmen davon im Moment profitieren könnten, bleibt abzuwarten. Aber ein neues Instrument zu schaffen, dass dieser Industrie, die in der Tat ein Wachstumstreiber ist, mehr Kapitalzufluss zu bescheren, ist richtig. Eine Zahl: In Berlin erwirtschaftet die Start-up-Industrie nach einer neuen Untersuchung inzwischen mehr als der Bau-Sektor. Wer einmal gesehen hat, wie viele Baustellen es hier in der Stadt gibt, der kann ermessen, dass das nicht wenig sein kann.

Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte.

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