Griechenland ist am Ende. Das Land hat abgewirtschaftet. Ein Freund, der eine Griechin geheiratet hat, berichtet heute noch von seiner Hochzeit in einer griechischen Kleinstadt: Alle seien mit großen (deutschen) Autos vorgefahren, alle Männer hatten eine dicke Uhr am Handgelenk, die Frauen waren auf das Feinste gekleidet. Die deutschen Gäste hätten nicht schlecht über die zur Schau getragenen Reichtümer gestaunt. All das war auf Pump. Das Kartenhaus ist zusammengefallen. Die elf Millionen Griechen haben sich kollektiv dem Geliehenen verschrieben. Das Land steht deshalb zu Recht vor dem Aus.
Nun könnten wir mit dem Finger auf sie zeigen und sie als faule Säcke titulieren, denen es recht geschähe. Die Griechen haben einen Fehler gemacht; ihr Land liegt in Trümmern. Sie ächzen unter der Schuldenlast, weil ihr Land Kredite bedienen muss. Werden die Kredite bedient, kann das Land vielleicht noch weitere Kredite aufnehmen – zu höheren Zinsen. Der Staat ist im Prinzip pleite, von den Hilfsmilliarden kommt nichts bei der Bevölkerung an.
Lasst die Prasser büssen!
Was nun tun mit einem zerstörten Staat? Morgenthau oder Marshall? Morgenthau: Die Griechen haben es doch nicht anders verdient. Sollen sie sehen, wie es weitergeht. Marshall: Die Griechen bekommen eine zweite Chance. Wie sollen wir elf Millionen Menschen mit sich und dem Ruin alleinlassen? Wie können wir die Kinder und Kindeskinder der Verprasser für die Sünden ihrer Väter büßen lassen?
Es ist gut, dass das nun auch die Politik gemerkt hat und sich zu Marshall durchringt. Wichtiger als konkrete Summen und nötige Zusagen – auch deutscher Unternehmen und Konzerne, in Griechenland zu investieren – ist dabei die solidarische Note, die der Marshallplan hat. Europa ist nicht nur ein Wirtschafts- und Währungsraum in spe oder eine politische Einheit, die aus pragmatischen Gründen nicht mehr Krieg gegeneinander führt, sondern eine solidarische Wertegemeinschaft. Wir, und das ist die Botschaft an die Welt, lassen elf Millionen unserer europäischen Mitbürger nicht im Stich.
Solidarität wird zur Schicksalsfrage
Diese Solidarität gilt für diejenigen Griechen, die nichts zu dem Untergang ihres Landes beigetragen haben ebenso wie für die noch nicht geborenen Nachfahren dieser Finanzartisten. Denn so wie Gott wegen eines Gerechten Sodom nicht untergehen lassen würde, so können wir sicher sein, dass in Griechenland nicht nur Hallodris am Werk sind. Eine auf genetischer Disposition fußende Verurteilung aller Griechen verbietet sich – allein schon aus Gründen der Vernunft. Sarrazin für Hellas braucht kein Mensch.
Solidarität ist ein großer Wert. Er hat etwas mit Empathie und Sympathie zu tun. Wir Deutschen haben 1945 und 1989 diese Werte erfahren dürfen. Europa als solidarische Schicksals- und Wertegemeinschaft muss sich in diesen schweren Stunden beweisen. Wir sind solidarisch aufgrund eines mitmenschlichen Gefühls und nicht, weil es sich rechnet. Manche meinen, dass diese christlich anmutende Argumentation allenfalls tauge, wenn wir nicht Abermilliarden in die Rettung Griechenlands oder der Banken steckten. Genau das ist im Moment nicht der Punkt. Der Marshallplan hat mit dem bail out von Griechenland nichts zu tun. Er kommt on top.
Eine Papstrede für Europa
Wir brauchen eine Rechtfertigung für Europa als Wertegemeinschaft. Wir brauchen eine Vision, was wir wie mit dem Kontinent anfangen wollen: Wo geht die alte Welt hin? Im 20. Jahrhundert starrten alle auf uns, weil wir aufgrund unserer Macht in der Lage waren, die ganze Welt zu beherrschen und im schlimmsten Fall zu verheeren. Am Ende dieses Jahrhunderts werden nur noch fünf Prozent aller Menschen in Europa leben. Wir sind nicht mehr das Maß aller menschlichen Vergemeinschaftung und müssen dennoch nach innen klären, wer wir sind und was wir sein wollen.
Der Friedensordnung, die in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nach außen wirkte, muss nun ein Entwurf einer Werte-, Freiheits- und Lebensordnung korrespondieren, die nach innen wirkt. Wer hält die große Europa-Rede, die der Union Denkanstoß und Orientierung gibt für die kommenden Jahre? Bislang hat sich noch kein Politiker hervorgetan. Vielleicht überrascht uns Papst Benedikt XVI. mit seiner Rede im Deutschen Bundestag im September.


















vielen dank für diesen artikel. hoffentlich wird er viel gelesen.
Eine große europapolitische Rede vom Papst – das wäre wirklich eine Überraschung. So unwahrscheinlich diese Rede ist: es wäre auch der falsche Absender. Denkanstoß und Orientierung für die Union müssen von innen kommen, der Vatikan gehört aber nicht zur Union – und ist auch jenseits der EU innerhalb Europas als absolute Wahlmonarchie eher Kuriosum denn Vorbild.
Hallo Raketenprinz, toller Name,
meinen Sie nicht auch dass es gleich ist, wer die richtigen Worte und damit die nötigen Inhalte in seiner Rede zum Ausdruck bringt.
Ich finde, Sie tauchen mit Ihren Bemerkungen über “Absender, Vatikan und sonstige Herkunft” ab in die Abgründe, die uns immer wieder dorthin stoßen, wo wir uns eigentlich nicht finden wollen.
Unser Kontinent steht vor der zweiten bitter notwendigen Aufklärung. Diesmal über die Möglichkeit des guten Zusammenlebens. Nur, wer bitte stößt sie an wenn, wie in Ihrem Artikel, der Redner schon wieder nach seiner Herkunft usw. klassifiziert wird.
Diese Art des Umganges erleben wir doch täglich mit unserer Politgilde. Wenn ein guter Vorschlag aus einer anderen Partei kommt ist dieser bereits deshalb falsch, weil man den Gedanken nicht selbst hatte. Aus diesem Gerangel bestehen wesentlich die Streitereien im Bundestag. Deshalb ist auch unser Land wo es ist.
Suchen wir deshalb den Redner, dessen Rede die Grundlagen der zweiten europäischen Aufklärung bietet.
Sind sie allen Ernstes der Meinung der Absatz mit Sarrazin würde passen? Es ist geradezu kindisch wie sie immer wieder versuchen ihn als bösen Menschen darzustellen. Verletztes Ego?