Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein. Andrea Kamphuis

Ideeale gesucht

Nie waren wir Menschen so smart und nie hatten wir so wenig Muße, unser Spezialwissen an den Mann zu bringen. Es ist höchste Zeit, über Ideen zu debattieren.

Neulich beim Arzt gewesen. Er, der Doktor, weiß, was ich arbeite, und spricht: „Ich komme zu keiner anderen Literatur mehr als zur medizinischen Fachliteratur.“ Das sei bedauerlich,­ aber träfe auch auf seine Freunde zu. Egal, ob sie nun ebenfalls Mediziner seien oder anderen Berufen nachgingen. Wissen vermehrt sich rasant. Spezialwissen. ­Dadurch wird das Gesamtwissen zwar größer, aber die Menschen können dennoch nicht über mehr Themen kompetent sprechen als früher.

Im Gegenteil: Spezialisierung führt zu Vereinzelung. Immer mehr Menschen sind durch die Partikulardiskurse, die ihr Leben bestimmen, nicht mehr anschlussfähig an die großen Debatten der Zeit. Ein Beispiel: Politik ist inhaltlich wie formal zu komplex, als dass sich viele Menschen neben ihrem eigentlichen Beruf an ihr beteiligen könnten.

Kleine Kreise mit großer Wirkung

Anstelle von tiefergehenden Debatten nimmt die Verunsicherung bei den Gebildeten zu: Kann ich dazu etwas sagen? Darf ich dazu etwas sagen? Die vom britischen Soziologen Colin Crouch beschriebene Post-Demokratie bedeutet genau das: Politik ist so vielschichtig, dass nur noch wenige mitsprechen können. Weil sie sich durchgeboxt haben, die Verfahren kennen, wissen, wie man inhaltlich Akzente setzt, weil sie eben Berufspolitiker sind oder Berufslobbyisten.

Wenn ein Anliegen erst einmal von einem System – der Politik, der Wissenschaft oder einer anderen gesellschaftlichen Gruppe – vereinnahmt wurde, ist es den Gesetzmäßigkeiten dieses Systems unterworfen. Dann ist es zu spät für kreatives Chaos und neue Ansätze. Es bleibt das Thema von Wenigen, meist mit großen Auswirkungen für die Vielen.

Noch nie waren so viele Menschen auf ihrem Gebiet so smart und brillant. Und noch nie haben sie so wenig Zeit und Muße gehabt, mit anderen darüber zu sprechen, ihre ­Erkenntnisse zu teilen oder mit den Erkenntnissen von anderen ins Verhältnis zu setzen. Nie waren die Wege so kurz und die Schwellen so niedrig, um in großem Stil interdisziplinär und international zu debattieren.

Es grüßt das Wir

In der gegenwärtigen Situation werden die Debatten in der Gesamtgesellschaft flacher anstatt tiefer, damit es überhaupt noch gefühlte gemeinsame Themen in der Gesellschaft gibt. Diese Debatten kreisen um oberflächliche Dinge: Tattoos von Präsidentengattinnen, Umarmungen von Boulevard-Chefredakteuren, die gegelten Haare eines Verteidigungsministers.

Diese letzten gemeinsamen Themen werden von den immer gleichen Akteuren in den immer gleichen Talkshows diskutiert. Es grüßt das letzte Wir, das unsere Diskursgemeinschaft aufzubieten hat.

Kleingeister, so sagt eine Sentenz, deren Urheber nicht ganz geklärt ist, diskutieren über Menschen, mediokre Personen über Ereignisse, große Geister aber sprechen über Ideen. Damit ist alles gesagt. Das Diskursniveau hierzulande reißt oft genug selbst die niedrigste Latte.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

Sie können es hier direkt bestellen.

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