Es sind die Bürger, die dem Staat die Einschränkung ihrer Freiheitsrechte zugestehen. Sebastian Blumenthal

Die Fassenacht ist aus

Das schwule Netzwerk im Vatikan soll ausgehebelt werden – vom Papst persönlich. Gibt es wirklich so viele homosexuelle Priester?

Ende der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts habe ich im Bischöflichen Priesterseminar in Mainz gelebt. Es war und ist im alten Augustinerkloster der Stadt, genannt „der Kasten“. Das tägliche Leben hatte etwas von einem Jungeninternat. Vieles allzu Menschliches kam vor, nichts Wildes, aber auch häufig nichts wirklich Erwachsenes. Die monatlich stattfindenden „Hausversammlungen“ waren Versuche basisdemokratischen Auskommens miteinander. Sie waren sehr mühsam, weil oft sehr lange und inhaltlich redundant.

Man rühmte sich in Mainz, dass dieses Seminar schon in den 60er-Jahren an seine Seminaristen eigene Hausschlüssel ausgegeben habe. Im Geiste jener Zeit wurde auch das Leben der angehenden Priester liberalisiert. Gut, es war, um der Vollständigkeit zu genügen, kein richtiger Hausschlüssel. Es war ein Schlüssel zum Fahrradschuppen, mit dem man auch ins Seminar gelangen konnte. Ein kasuistischer Trick, das gewandte Umgehen von Umständen. Darin sollen die Katholiken ja besonders gut sein.

Heterosexuelle waren die kleinste Gruppe

Der Zölibat war natürlich ein Thema, eigentlich täglich, denn das Studium fand an der Johannes-Gutenberg-Universität statt, zusammen mit denen, die ReligionslehrerIn werden wollten, GemeindereferentIn oder sich aus anderen Gründen in diesen Studiengang verirrt hatten. Die Konfrontation mit dem anderen/eigenen Geschlecht und den eigenen Wünschen war unumgänglich. Es war im Prinzip bekannt, wer im Seminar homosexuell war und wer nicht. Es gab noch eine dritte Gruppe, die nur als Asexuelle bezeichnet wurden. Das mag medizinisch unspezifisch oder nicht richtig gewesen sein, gemeint waren damit aber jene jungen Männer, die sich noch nie Gedanken über Sexualität gemacht zu haben schienen. Sie waren zahlenmäßig ungefähr gleichauf mit den Homosexuellen. Die kleinste Gruppe waren die heterosexuellen Seminaristen.

Ich habe in dieser Zeit viel Ringen um die zölibatäre Lebensweise erlebt. Viel ehrliches Ringen. Viele, die mit mir im Seminar waren, sind, so wie ich auch, zu dem Entschluss gekommen, dass die zölibatäre Lebensweise nichts für sie ist. Dem heiligen Ringen der einen stand das sündige Treiben der anderen gegenüber. Das waren Einzelfälle, aber doch gravierende: Mitbrüder, so nannte man sich im Seminar, die ausgiebig Sex hatten und Partnerschaften pflegten. Manches war der Hausleitung bekannt, manches andere nicht. Manchmal wurden Disziplinarmaßnahmen ergriffen, manchmal nicht.

Messe kein Tuntenballett

Nun soll Papst Franziskus gesagt haben, dass der Vatikan – im Prinzip, um im Bild zu bleiben, ein großes, immerwährendes Priesterseminar – ein Laden voller Tunten, ein Käfig voller Narren, sei. Seilschaften, sich gegenseitig Jobs zuschanzend und dergleichen. Der Papst möchte aufräumen und soll, als Ankündigung quasi, gesagt haben: „Der Karneval ist aus.“ Der „FAZ“-Journalist Daniel Deckers beschreibt die homosexuellen Priester im Vatikan so:

„Der Kult um kostbare Gewänder und üppige Spitzen, das von allerlei erotischen Konnotationen umgebene heilige Spiel, die asexuellen Darstellungen der Gottesmutter Maria und eine überbordende Reliquienverehrung sind das öffentliche und seit Benedikt XVI. wieder päpstlich approbierte Gegenstück zu einer privaten Parallelwelt, in der den Reliquien allerlei Fetische entsprechen: der Marienverehrung der Kult um Magermodels und mädchenhafte Schlagersängerinnen; dem frauenfreien Altarraum die Männersauna und der Darkroom; und dem levitierten Hochamt mit Goldbrokat, Manipel und Spitzenrochetts das Tuntenballett.“

Ich habe in meiner Zeit im Priesterseminar niemanden sagen hören, dass er die Messe als ein Tuntenballett empfindet, das ihn auf die eine oder andere Weise sexuell stimuliert. Der Hinweis auf die Reliquien lässt eher auf Nekrophilie denn auf Homophilie schließen. Und warum homosexuelle Männer sich um magere Models scheren sollten, habe ich ebenso nicht in Deckers’ Artikel verstanden. Oder meint er eher androgyne Typen, für die es Vorlieben geben mag? Im Prinzip strotzt diese Passage nur so von homophoben Klischees.

Homosexuelle fanden Schutz vor Diskriminierung

Im akademischen Jahr 1998/99 habe ich mein Studium in Rom fortgesetzt. In der Päpstlichen Universität Gregoriana. Homosexualität war dort kein Fremdwort. Anders als in Mainz, wo es ja, der 68er-Revolution geschuldet, im Seminar Stuhlkreise gab (die mein Freund Matthias Matussek vom „Spiegel“ eigentlich in jedem seiner Postings auf Facebook schmäht), wusste man damit am Tiber aber nicht wirklich umzugehen. Ich habe in der Zeit in der Capella Giulia am Petersdom gesungen, immer am Sonntag die Vesper. In Italien war Schwulsein Ende der 90er-Jahre noch ein gesellschaftliches Tabu. Einzig in dem Chor konnten sich, so schien mir das, viele der Sänger überhaupt gegenseitig versichern, dass sie schwul sind. Die, die nicht schwul waren, hatten sich damit arrangiert.

Das war schon eine verkehrte Welt: Im Raum der Kirche finden in Italien Homosexuelle eine Art Schutz vor Diskriminierung, obwohl ihre Lehre offiziell ablehnend gegenüber dieser Homosexualität ist. So wie ich diese Männer erlebt habe, ging es ihnen nicht darum, wie Deckers vermutet, sich an Brokat und Spitze zu berauschen, sondern sich irgendwie Mut zu machen, bevor es zurück in ein Leben mit Frau und Kindern ging, in ein Leben, das eigentlich nur aus Lügen bestand. In der Gregoriana soll es bisweilen hingegen im wahrsten Sinne des Wortes handfest zugegangen sein. Zumindest hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass das eine oder andere WC nicht zum Verrichten der Notdurft verwendet werde.

Das Priesterkleid schützt vor Fragen

Warum sind so viele Männer von der Priestersoutane so angezogen? Keinesfalls, weil sie an den Rock erinnert, den sie eigentlich gerne tragen wollen, wie Herr Deckers insinuiert. Das priesterliche Kleid schützt sie vielmehr vor den Fragen der Nachbarn, der Familie und der Freunde, warum sie keine Freundin haben, warum sie nicht heiraten. Nicht jedes Land ist so tolerant wie Deutschland. Russland beispielsweise hat gerade seine Gesetzgebung gegenüber Homosexuellen (wie das alleine schon klingt) verschärft. Und selbst hier in Deutschland ist das Schimpfwort „Schwuchtel“ ganz gut im Rennen.

Was passiert mit der Kirche, wenn, um es mal im Mainzer Duktus zu sagen, „die Fassenacht aus“ ist? Sie wird noch weniger Priester haben. Zu den Attributen des Katholischen gehört leider, dass man sich als praktizierendes Kirchenmitglied mit diesen Umständen viel zu leicht abfindet, Augen und Ohren verschließt. Umstand im Sinne von Kasuistik, in diesem Falle eine Synonym für Bigotterie. Wir Katholiken werden damit groß: Pfarrer, die etwas mit ihren Haushälterinnen haben – es gibt ein Arsenal an Witzen zu dem Thema, bei deren Vortrag sich das Kirchenvolk die Bäuche vor Lachen hält. Ein Witz kann auch entspannen, weil er ja bekanntlich das Loch ist, durch das die Wahrheit pfeift. Und die Wahrheit, so spricht der Herr, macht frei (Joh 8,32). Am Ende wäre ein Stuhlkreis in Rom nicht das Verkehrteste.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Alles richtig gemacht

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