Letztendlich ist die Wahrheit Gottes Sache. Margot Käßmann

Gefährliche Abwärtsspirale

Wenn man als Medienschaffender Medien kritisiert, kritisiert man das System, von und indem man lebt. Trotzdem.

Der Fall Hoeneß ist nur der jüngste in einer ganzen Reihe von Fällen. Brüderle und Kachelmann gehören dazu, Andreas Türck, auch wenn das schon lange her ist. Christian Wulff sowieso. Herr Zumwinkel darf sich ebenfalls hier einreihen. Margot Käßmann war die Einzige, die sich klug entzogen hat. Wer sich als Prominenter etwas zuschulden (vermeintlich oder wirklich) kommen lässt, der hat nichts mehr von dieser Gesellschaft zu erwarten..

Die Medien sind hinter ihm her. Und zwar nicht zwingend in einer richtenden Weise – auch in den Medienhäusern ist klar, dass die Unschuldsvermutung gilt. Es geht um die Zyklen und die Themen darin, mit denen wir Medien machen. Es geht um das Zuschauer-Leser-Interesse, auf dem sich alles aufbaut, was in einem ökonomischen Sinne als ein Medium betrachtet werden will. Was am Ende dieses Zueinanders von Medienmachern und Medienkonsumenten steht, ist klar. Beide zeigen mit dem Finger aufeinander: „Der war’s.“

Der Zeitgeist ist gefährlich

Eleanor Roosevelt, die Frau des amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, soll den Ausspruch getätigt haben: „Kleingeister reden über Menschen, mittelmäßige Zeitgenossen sprechen über Ereignisse, große Geister diskutieren über Ideen.“ Es ist klar, was uns da ins Stammbuch geschrieben wird. Die voyeuristische Obsession mit dem Leben unserer Zeitgenossen im Allgemeinen, ihren Verfehlungen im Besonderen, weist unsere Nation als ein Volk von Kleingeistern aus.

Journalisten sind auch Teil der Bevölkerung, sie schweben ja nicht über den Dingen. Somit spiegeln sie den Zeitgeist. Das gilt nicht nur bei Steuerverfehlungen oder Dirndl-Gate: Der politische Journalismus hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr zu einer Berichterstattung über Personen entwickelt, weg von einer an den Sachthemen orientierten Auseinandersetzung.

Die sieben Todsünden

Dieser Zeitgeist ist nicht nur flach, er ist auch gefährlich. Er ist besonders erbarmungslos mit den Prominenten, die automatisch irgendwie als mächtig gelten und die sich ja ohnehin zu helfen wissen. Da darf es noch eine Extra-Schippe Unbarmherzigkeit mehr sein. Es ist doch bezeichnend, wenn führende Kirchenvertreter in der Causa Wulff die durch sie repräsentierte Herde des Herrn ermahnen muss, Christian Wulff einen letzten Rest an Menschenwürde zu lassen. Der entfesselte Mob hat dem Mann alles genommen.

Der Motor für diesen Zeitgeist ist der Neid. Dieser ist ja, ähnlich wie der Geiz, in ungeheurer Mode. Beides sind Todsünden, nun gut, religiöser Kitsch, aber dahinter steckt die Erfahrung der mittelalterlichen Gesellschaft: Es gibt Eigenschaften, die, so sie weite Teile der Gemeinschaft anstecken, ein gemeinschaftliches Leben unmöglich machen. Die sieben Todsünden zersetzen den gesunden Menschenverstand und mit ihm die Rationalität. Nur so lassen sich die Spiralen erklären, die, von den Medien einerseits abgebildet und dadurch andererseits wieder befeuert, die Gesellschaft in einen destruktiven Strudel hinabziehen. Bislang konnten wir uns als Gemeinschaft immer wieder davon erholen – nur wie lange noch?

Deutschland: zugig und kalt

Der fehlende Zusammenhalt in unserer Gesellschaft hat erst mal nichts mit stagnierenden Löhnen oder einem Auseinander von Arm und Reich zu tun. Es hat etwas mit der fehlenden Empathie für den Nächsten zu tun, der ein Mensch ist, so wie ich, egal ob er daneben am Tegernsee wohnt, der Präsident des F.C. Bayern ist oder Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche oder Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion oder Bundespräsident oder TV-Moderator.

Diese alles zersetzende Haltung wird bei Prominenten besonders augenfällig, sie gibt es aber, in jeder messbaren Form auf der Skala der Grausamkeiten, in all unseren Gemeinschaften: auf dem Dorf, im Kiez, in den Vereinen, den Gewerkschaften, den Parteien, den Kirchen. Je salonfähiger das wird, und hier sind die Medien der Verstärker einer bereits existierenden gesellschaftlichen Tendenz, umso mehr frisst es uns den Kitt aus den Fenstern – und in unserer Behausung, in Deutschland, wird es erst zugig und dann bitterkalt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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