Tal der Tränen

von Alexander Görlach18.04.2013Wirtschaft

Viel Feind’, viel Ehr’ – diese Wahrheit gilt auch im Standortkampf um die besten Köpfe der Start-up-Industrie. Das zeigt die neue Kontroverse, die zwischen Berlin und dem Silicon Valley ausgebrochen ist.

Das meiste davon ist satirisch und man muss auch mal gönnen können: Das, was “whenyouliveinberlin”:http://whenyouliveinberlin.tumblr.com/ und “whenyoureallyliveinberlin”:http://whenyoureallyliveinberlin.tumblr.com/ aufbereiten, ist Spaß vom Feinsten. Da werden die nervigsten Seiten der deutschen Hauptstadt durch den Kakao gezogen. Vor allem mit den Hipstern wird hart ins Gericht gegangen, jenen szeneerprobten Wesen, die sich berufen fühlen, die neusten Entwicklungen in der Stadt gekonnt und reduziert in Gestik, Mimik und Sprache zu kommentieren. Zu diesen eher satirischen Attacken auf das Gemüt des Berliner Start-uppers kam diese Woche noch ein “ernster Zwischenruf von Mike Butcher”:http://techcrunch.com/2013/04/14/as-berlin-awaits-its-big-tech-exit-satirical-tumblr-blogs-spawn-about-the-hype/, dem Mann des Magazins „TechChrunch“, das die Entwicklungen der Start-up-Industrie auf der ganzen Welt im Blick hat: Berlin sei aus Gründen, auf die ich weiter unten eingehen möchte, noch lange kein Silicon Valley.

Palo Alto ist auch nicht spannend

Doch zuerst einmal zu dem Satirischen: Ok, unser Wetter in Berlin ist scheiße. Ich gebe zu bedenken, dass die Bay Area vielleicht in Kalifornien liegt, aber im kalten Teil des Bundesstaats. Wer im März oder April in San Francisco im T-Shirt auf die Straße will, wird häufig herbe enttäuscht. Ja und des Nachts: In den nicht isolierten Holzbuden in Frisco wird es ziemlich kalt. Frisco und fresco (ital. kalt) liegen sprachlich nahe beieinander. Es ist gut, wenn man dann noch einen Drittpullover oder einen Jogginganzug dabeihat, in dem man pennen kann. Ein Schal ist auch nicht schlecht.

Gerne aufs Korn genommen wird aus den USA auch das ach so Metropolige, mit dem sich die Hauptstadt schmückt. Nur kein Neid! Denn Palo Alto, also da, wo Google und Facebook sitzen, ist nichts als eine Hauptstraße mit angeschlossenem Industriepark. Kulturell gibt es nix, kulinarisch ist es ein Reinfall. Wir in Berlin mögen uns vielleicht aufregen, dass schon wieder am Ort unserer Lieblingsbar ein 24-Stunden-Chinese aufgemacht hat. Aber das „schon wieder“ im Satz erklärt am deutlichsten den Unterschied zu Palo Alto. Da kommt das alle fünf Jahre vor und ist wochenlang Talk of Main Street. Überhaupt hat das Valley, also Palo Alto, überhaupt gar nichts, worin es sich über Berlin erheben könnte. Kronzeuge dafür ist der dort aufgewachsene Schauspieler James Franco. Er hat im vergangenen Jahr Palo Alto Kurzgeschichten aus seiner Feder gewidmet und in einem Buch zusammengefasst herausgegeben. Sogar Kai Diekmann hat auf Facebook verkündet, dass er das Buch gelesen habe.

Francos Jugend beziehungsweise die Jugend der Menschen in Palo Alto bestand zu seiner Zeit aus Kiffen gegen die Langeweile, Saufen gegen die Langeweile und gelegentlichen sexuellen Eskapaden gegen die Langeweile. Klingt nach Berlin – nur dass die Leute, die sich in der Hauptstadt paaren, in der Regel nicht miteinander verwandt sind – Großstadt eben. Das zum Satirischen.

Berlin ist dreißig Jahre hinterher

Was Mike Butcher zur Berliner Start-up-Szene zu sagen hat, klingt zu erst einmal richtig: Es gab hier in den vergangenen Jahren in Deutschland keine großen Exits, die Geschäftsmodelle, die im E-Commerce Erfolg versprechen, sind Klone erfolgreicher Vorbilder aus den USA. Er vermisst das technologische Alleinstellungsmerkmal der Berliner Start-up-Industrie. Aber nur weil es schön klingt, ist es noch lange nicht richtig: Die amerikanische Start-up-Branche ist dreißig Jahre älter als die hiesige, sie hat dadurch einen Vorteil, der nun durch neue, aufstrebende Metropolen wie Berlin oder Tel Aviv in Gefahr ist. Klar, dass einem guten Standort-Marketing von Städten wie den beiden genannten von Seiten des Valley etwas entgegnet werden muss.

Das darf nicht verschleiern, dass große Player der US-Branche wie Groupon und Facebook auch Herausforderungen zu meistern haben. Der Börsengang, den Butcher bei Soundcloud und Wooga vermisst, ist nicht das Beste, was Groupon und Facebook in ihrer Firmengeschichte passiert ist. Vielleicht wartet man auch einfach mit einem solchen Schritt einen Zacken länger oder denkt bei einem Latte Macchiato im “Berliner Café St. Oberholz”:http://www.theeuropean.de/ansgar-oberholz/5639-das-sankt-oberholz-in-berlin ausgedehnter und gründlicher darüber nach? Mike Butcher hat mit einer Sache recht: In den nächsten zehn Jahren muss in Berlin bewiesen werden, dass einige der Akteure des Start-up-Clusters, das in Berlin im Moment immer größer wird, auch den Sprung schaffen und im internationalen Vergleich bestehen können.

_Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte
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