Sexualität ist keine Sache, die wir optimieren müssen. Ariadne von Schirach

Mutige Entscheidungen

Pfadabhängigkeit zu durchbrechen, ist nicht ganz einfach. Die Neuigkeiten aus dem Papst-Valley geben Hilfestellung.

Nun ist also ein Argentinier Papst geworden. Die Inszenierung um die Wahl und der erste Auftritt des neuen Pontifex haben deutlich gemacht, dass es hier um mehr geht als um die Ernennung eines CEO. Dennoch kann die katholische Kirche für Start-ups eine Vorlage sein, wenn es um die Internationalisierung eines Produkts, die Weiterentwicklung einer Marke und die Etablierung von Strukturen und Prozessen geht. Und auch jedem Unternehmer Mut machen, von vertrauten Pfaden abzuweichen. Die Pfadabhängigkeit ist ja ein Terminus, den jeder Start-up-Unternehmer kennt: Man hat eine bestimmte Richtung eingeschlagen, eine bestimmte Entscheidung getroffen, auf die weitere Entscheidungen folgen. Wenn die erste Entscheidung nicht ganz richtig war, dann sind es die auf ihr aufbauenden auch nicht. Es entsteht die sogenannte Pfadabhängigkeit.

„Das haben wir schon immer so gemacht“

Wie kommt man von diesem falschen Weg wieder ab? Wie korrigiert man sich? Die hier bezeichneten Entscheidungen betreffen ja nicht nur eine Person, sondern die Struktur einer gesamten Firma, betreffen Prozesse, an denen viele MitarbeiterInnen beteiligt sind. Sind sie einmal losgelaufen, bedarf es manageriellem und kommunikativem Geschick, sie wieder einzuholen und auf die neue Perspektive und Arbeitsweise einzustimmen. Profan gesagt, geht es um die Dinge, von denen man selbst sehr schnell in jungen Unternehmen wie Start-ups sagt: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Die katholische Kirche ist eine marmorne Tafel, auf der dieser Satz in goldenen Lettern eingemeißelt ist: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Die Fleischwerdung der beständigen Verharrung, die sich nicht scheut, die Kontinuität, das So-wie-es-ist-passt-alles zu verherrlichen. Mit dieser Haltung lebt es sich vielleicht eine Weile ganz gut, aber dann schon ziehen andere Anbieter vorüber. In Lateinamerika, dem Heimatkontinent des neuen Pontifex, sieht die katholische Kirche genau, was damit gemeint ist: Evangelikale Sekten aus den USA nehmen den katholischen Hirten reihenweise die Schäfchen weg. Die reiben sich die Augen, dachten sie doch, dass in dieser so sehr von der katholischen Religion durchdrungenen Weltgegend keine Gefahr, keine Konkurrenz für sie besteht. Der neue Papst weiß also aus eigener Anschauung, dass ein zu langes Verharren auf der bekannten Position Marktanteile kostet.

Von der katholischen Kirche überholt

Aber auch die Kardinäle, die den neuen Papst gewählt haben, wussten, dass nicht alles beim Alten bleiben kann. Das Board der Kirche hat also einen Außenseiter an die Spitze gewählt. Einen, der – wie er selbst sagt – vom Ende der Welt kommt. Das ist ein radikaler Schnitt. Denn die Päpste kamen schon immer aus Italien. Der Blickwinkel wurde mit Benedikt XVI. und Johannes Paul II. von den Italienern auf dem Stuhl Petri geweitet, aber letztlich waren die beiden Nicht-Italiener immer noch Europäer: gleiche Sprache, gleiche Gesten, gleiches Selbstverständnis. Der Lateinamerikaner wird alleine schon wegen seiner anderen Herkunft eine neue Unternehmenskultur etablieren.

Was heißt das nun für Start-ups? Was heißt das für klassische Unternehmen? Dass manchmal ein radikaler Wechsel nötig ist, um alte Pfade zu verlassen. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte einmal auf einem Panel sehr selbstsicher, dass der Vatikan die Bundesregierung in Sachen Twitter überholt habe und fügte an, dass es sehr herbe ist, wenn man in Sachen Aktualität und Modernität von der katholischen Kirche überholt werde. Was für die Politik gilt, gilt auch für die Wirtschaft. Egal ob alte oder neue.

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