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Bitte kein Italiener

In Rom tagt das Konklave und dieses Mal hat auch ein Italiener die Chance, Papst zu werden. Die katholische Kirche – aber auch die anderen Weltreligionen – könnte daran zugrunde gehen.

Der größte Feind des Papsttums ist die römische Kurie. Sie führt ein solches Eigenleben, dass sie zwei Päpste vergrault hat. Den einen, den aus Polen, trieb es in die Welt hinaus. Der andere, der aus Deutschland, hat den Weg in die tiefste Innerlichkeit angetreten. Johannes Paul II. hat dem Papsttum ein mediales Charisma verliehen, Benedikt XVI. der Kirche theologische Schriften geschenkt, die sein Leben lange überdauern werden. Beide haben sich daran versucht, die Kurie zu reformieren. Beide sind daran gescheitert.

Beide waren europäische Päpste, die das Papsttum, das die Italiener gerne unter sich vergaben, internationalisiert haben. Dabei blieb ihre Sprache stets den Kernlanden des lateinischen Christentums verständlich. Denn die Lateiner, wie die Katholiken in der nicht-katholischen christlichen Welt genannt werden, vereint der Blick auf das hellenistische Erbe. Sie leben gemeinsam in derselben Hemisphäre, über die politisch und gesellschaftlich häufig sehr ähnliche Stürme hinweggezogen sind. Man versteht sich.

Ein Papst aus Afrika oder Lateinamerika?

Die beiden europäischen Päpste haben das Pontifikat internationalisiert. Damit haben sie sich Feinde gemacht. Denn neben ihnen stehen die Italiener wie die Daheimgebliebenen, ja die Zurückgebliebenen da. Und so wird der eine oder andere Kardinal bleich bei dem Gedanken, dass die Kreise, die das Papsttum fortan ziehen wird, noch weiter gehen werden, über die Grenzen Europas hinaus: Ein Nachfolger Petri aus Afrika, aus Ozeanien, aus Lateinamerika? Ein solcher neuer Papst wäre uns Europäern nicht vertraut, weder in der Sprache noch in den Schwerpunkten, die er in seinem Pontifikat setzen würde. Wir würden uns nicht verstehen. Ein nicht-europäischer Papst wäre der beste Beleg dafür, dass der Einfluss der Alten Welt abnimmt. Nicht nur auf dem weltlich-wirtschaftlichen, sondern auch auf dem religiösen Markt. Dann wäre uns allen in Europa klar, dass wir nun die Daheimgebliebenen sind, die Zurückgebliebenen. Das Prekariat der katholischen Welt.

Diesen Preis wird die katholische Kirche, die sich ja zu gern als ersten global player der Geschichte versteht, gerne zahlen. Sie wird ihn um den Fortbestand ihrer selbst Willen zahlen müssen. Aus zwei Gründen:

Die Welt ist nicht nur internationaler geworden, sondern auch vernetzter. Das heißt, dass eine globale, digitale Öffentlichkeit, sei sie nur bestehend aus katholischen Kirchenmitgliedern oder der großen, der allgemeinen Öffentlichkeit, diffuses Finanzgebaren einer Vatikanbank, die im Schatten des Kreuzes Geld wäscht, nicht mehr dulden wird. Dieses Tun entspricht weder den grundlegenden eigenen ethischen Maßstäben, die die katholische Kirche an sich anlegt, noch denen, die der common sense unter den Völkern in den vergangenen Jahrzehnten gestiftet und in Regelwerke gekleidet hat.

Reines Weiß gibt es im Vatikan nur bei der päpstlichen Soutane, wenn man es einmal übertrieben sagen will. Die wenigen, die auf diese Weise die gute Arbeit der vielen diskreditieren, können nur in der Weise besiegt werden, in der sie im Vatikan nicht mehr das höchste Amt an sich reißen werden. Das ist leichter gesagt als getan, denn neben den beiden genannten Pontifices hat sich Johannes Paul I., ein Italiener, schon daran abgearbeitet, die Kurie und ihren Zugriff auf die Vatikanbank zu bändigen. Bis heute hält sich hartnäckig die Verschwörungstheorie, dass Johannes Paul I. genau wegen dieses Kampfes, den er finsteren Mächten in seinem Kirchenstaat angesagt hatte, nach nur 33 Tagen im Amt das Leben verlor.

Faule Strukturen

Der zweite Grund ist: Die katholische Kirche ist in einer Krise, die so erschütternd und tiefgehend ist wie zu Zeiten der Reformation. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass die italienischen Kardinäle das Unheil ebenso wenig sehen können wie zu Luthers Zeiten. Kardinal Sodano, einer der mächtigsten Männer im Vatikan, tat vor kurzer Zeit den Missbrauchsskandal noch als mediales Spektakel gegen die Kirche ab. Dieser Missbrauchsskandal, der auf der ganzen Welt, dort wo er öffentlich wird, denselben Mustern folgt, zeigt, dass es in der gesamten katholischen Kirche Strukturen gibt, die diesen Missbrauch ermöglichen, begünstigen und über Jahrzehnte in der Vergangenheit verborgen halten konnten. Diese faulen Strukturen sind vergleichbar mit denen, die die Missstände der spätmittelalterlichen Kirche prägten. Nicht umsonst kam es damals zu Reformbewegungen in den meisten Teilen Europas.

Es ist ein unbestreitbarer Verdienst von Benedikt XVI., dass er sowohl als Präfekt der Glaubenskongregation als auch später als Papst versucht hat, diese Strukturen zu verändern, das, was zum Missbrauch geführt hat, zu verstehen. Er hat sich mehrfach mit Missbrauchsopfern katholischer Priester getroffen. Am Ende haben die Kräfte des 85-Jährigen nicht mehr gereicht, um hieran weiter zu arbeiten. Was er wohl gemeint haben mag, als er bei seinem Abschied sagte, dass er weiter das Kreuz tragen werde? Wahrscheinlich denkt er genau an diesen Skandal, der das Potenzial hat, wenn er jetzt nicht richtig gehandhabt wird, die Kirche zu zerstören.

Wir werden einen lateinamerikanischen Papst nicht verstehen

Das sind die Gründe, die für einen Nicht-Italiener sprechen. Sprechen sie auch gleichzeitig für einen Nicht-Europäer? Nein. Aber das Christentum wächst außerhalb Europas, siehe oben. Das Papsttum wird dem Rechnung tragen müssen. Einen Afrikaner wird man der katholischen Welt (noch) nicht zumuten; zu deutlich sehen die Kardinäle, dass der Glaube, wie er in Afrika gelebt wird, die anglikanische Weltgemeinschaft an den Rand des Kollapses geführt hat. Dieses Los möchte man der Weltkirche ersparen. Ein Lateinamerikaner ist da viel eher vermittelbar.

Wir werden diesen Papst dann nicht mehr verstehen: Er wird die soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellen, er wird den Menschenhandel verurteilen und Drogen, die jede menschliche Gemeinschaft von Grund auf vernichten. Er wird uns wenig Schriftliches über die Kirchenväter hinterlassen, wie das sein Vorgänger Benedikt getan hat. Er wird stattdessen über Favelas sprechen – etwas, was wir wohlstandsverwöhnten Europäer nicht kennen.

Das wird er in einer Welt tun, die, ebenfalls als Ergebnis der Digitalisierung und Internationalisierung, Schritt für Schritt absoluten Wahrheitsangeboten gegenüber skeptischer werden wird. Ein globaler Synkretismus ist heute schon erkennbar. Dass es diesen noch nicht überall und in der gleichen Weise gibt, liegt dabei auf der Hand. Es gibt aber Experten, die selbst das derzeit zu beobachtende Erstarken des Islam als sein letztes Aufbäumen werten, bevor auch in den Weltgegenden, in denen diese Religion vorherrschend ist, die Säkularisierung voranschreiten wird. Um ihren Stifter nicht in ein relatives Verhältnis zu anderen großen Gestalten der Religionsgeschichte gerückt zu sehen, muss die katholische Kirche einen Papst bekommen, der die zwei elementaren Dogmen des Christentums vor dem Verdampfen bewahrt: das der Gottheit Christi und das seiner Auferstehung.

Europa, das war halt gestern

Dass den Menschen in Jesus von Nazareth nicht nur ein Prophet oder ein super Typ begegnet, sondern Gott selbst, wird dieser Papst immer wieder sagen müssen. Ihm und seinen Theologen muss dabei eine neue Sprache zuwachsen, denn bei aller Liebe für den Hellenismus und die antike Philosophie: Europa, das war halt gestern. Wer den Glauben heute aufweisen will, muss neue Formeln dafür finden. Die Auferstehung bezeugt nach katholischem Glauben diese Gottheit Christi. Es handelt sich dabei nicht um eine innere Eingebung der Jünger, um ein mentales Ereignis, sondern, so beschreibt es das Neue Testament, um einen echten, einen physischen Vorgang. Der gemarterte Leib ersteht in einer neuen Form aus dem Grabe auf.

Wie das im Detail zu verstehen und im Glauben des Einzelnen zu erfassen ist, spielt dabei nicht die entscheidende Rolle. Wer die Auferstehung bejaht, der nimmt für sich diesen Jesus wiederum aus der Reihe der anderen Religionsstifter heraus. Der Papst wird den Christen das immer wieder ins Gedächtnis rufen müssen. Denn Buddha ist halt auch ein super Typ. Ob diese Operation gelingen wird, ist nicht gesagt. Vielleicht wird die Welt am Ende des 21. Jahrhunderts Religion nur noch als soziale und kulturelle Veranstaltung kennen.

Hier spricht der Papst, ebenfalls eine Ironie der Geschichte, gleich für die Vertreter der anderen Religionen mit: Gelingt es ihm nicht mehr, eine Sprache über Gott zu finden, dann wird das den anderen Religionsvertretern auch den Mut nehmen. Es gibt eben auch in Sachen Religion ein Marktumfeld. Boomt die eine, boomt auch die andere. Es geht also um alles bei dieser Papstwahl: die Zukunft der katholischen Kirche und den Glauben als solchen, nicht nur den christlichen. Es geht also deutlich mehr als um das, was italienische Kardinäle normalerweise zu überblicken pflegen.

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