Die Verfassung ist doch kein Abreißkalender. Ralf Stegner

Mehr Sozialismus wagen!

Medienhäuser und Verlage überlegen sich neue Finanzierungsmöglichkeiten, um am Nachrichtenmarkt zu bestehen. Doch vielleicht braucht es für Nachrichten gar keinen Markt.

Axel Springer hat eine Paywall für das Angebot der „Welt“ eingerichtet. Das ist keine Nachricht speziell für die Medienwelt allein. Vielmehr zeigt es, dass in Zeiten digitalen Wirtschaftens und Unternehmerseins Geschäftsmodelle, die früher einmal zu Recht diesen Namen getragen haben, heute keines mehr sein müssen. Der Reihe nach.

Viele Angebote haben in den vergangenen zehn Jahren das eine oder andere ausprobiert, um von ihren Leserinnen und Lesern Geld für das Angebot im Browser zu erhalten. Das meiste davon war nicht erfolgreich. Weltweit renommierte Angebote wie die „New York Times“ haben bei solchen Unterfangen noch am ehesten eine Chance und auch da ist es eher so, dass diese Bemühungen viel Geld verschlingen und Nerven kosten: War es vor einigen Jahren noch das Problem, die Zahlungen sicher und unkompliziert abzuwickeln, hat sich, nachdem das behoben war, gezeigt, dass generell der Wert, den ein einzelnes Newsstück für den Leser hat, geringer ist, als das den Verlagen lieb sein kann.

Das Sprechen über das Passierte im Mittelpunkt

Es begann die Zeit der Micro-Payment-Versuche. Eines davon ist Flattr. Bei diesen Modellen wird pro Artikel abgerechnet, von einem Konto, das der Nutzer zuvor eingerichtet hat und von dem pro Artikel abgebucht wird. Auch das hat sich nicht wirklich durchgesetzt.

Zeitgleich hat sich die Forderung nach einer sogenannten Kulturflatrate gehalten: Für alle kulturellen, also auch journalistischen Angebote, sollte demnach eine Gebühr erhoben werden, die an die an dem Kulturflatrate-Programm teilnehmenden Einrichtungen, Verlagshäuser etc. ausgeschüttet würde.

Diese Forderung ist zugleich die ehrlichste – und schonungsloseste. Wie die Wahrheit eben schonungslos sein kann. Es gibt nämlich keinen Markt mehr für Nachrichten an sich. Die Nachrichten sind online bei „FAZ“, „Süddeutsche“, der „Welt“, dem „Spiegel“ und der „Zeit“ – und wie die Angebote alle heißen mögen – weitgehend identisch. Für Gleiches gibt es kein Wettbewerbskriterium mehr. Im Nachrichtenbetrieb ist Aktualität entscheidend – diese Aktualität war auch zu Beginn des Online-Journalismus noch ein Kriterium. Darauf gründet sich der Erfolg von „Spiegel Online“. Zu Recht: Die Kollegen waren oft genug die Ersten, die die Nachrichten auf ihrer Seite hatten.

Dann kamen die sozialen Netzwerke und haben durch Echtzeitkommunikation und Kommentarfunktion dem Aktualitäts-Merkmal der klassischen Medien den Garaus gemacht. Das Sprechen über das Passierte ist in den Mittelpunkt getreten. Es ist schon klar, dass oft genug Medien der Auslöser für das, worüber gesprochen wird, sind. Und es ist unfair, dass sie dafür nicht die nötige Würdigung erhalten. Aber nicht alles auf Erden ist eben fair. Die daraus resultierenden Schwierigkeiten für die Refinanzierung von gutem Journalismus sind mehr als bedauerlich!

Interpretation der Nachrichten als Geschäftsmodell

Nachrichten sind zur Allmende geworden. Sie sind immer da, umgeben uns, wie Luft und Wasser. Allmende bezeichnet einen Gemeinschaftsbesitz. Und wer würde bestreiten, dass wir alle die Nachrichten haben, sie uns zugehörig sind. Das mag philosophisch klingen. Aber, was aus den Nachrichten, die objektiv um uns herum geschehen wird, entscheiden wir, die Rezipienten. Was wird wie und in welcher Weise auf Facebook und Twitter diskutiert? Das bildet oft genug nicht das ab, was den Nachrichten in ihren verobjektivierten Kontexten an Aufmerksamkeit zustünde. Aber es ist die Welt, die für den Einzelnen relevant ist.

Wenn die Nachrichten unser Gemeinschaftsbesitz sind, dann kann man mit ihnen kein Geld mehr verdienen. Sie sind kein Geschäftsmodell mehr. Früher hat viel dazugehört, an Nachrichten zu kommen. Wer sie hatte, hatte einen Wettbewerbsvorteil. Da oft genug die Gegenstände kritischer Berichterstattung – Politiker, Parteien, Unternehmen – selbst die Nachrichten setzen, indem sie sie selbst in die Welt hinausschicken oder gar durch eigene, ihnen gehörende Medien, in die digitale Sphäre hinaustragen, ist das Geschäftsmodell heute die Deutung und Interpretation der Nachrichten, nicht mehr die Nachrichten selber.

Die Verlage können also ihre Newsangebote mit einem einheitlichen Preis versehen; einer Verlagsflatrate oder Ähnlichem. Das Deutungsangebot, das, was sie voneinander unterscheidet, ist es, womit Geld verdient werden kann. Sicher ist das nicht mehr für gleich viele Akteure wie in der alten Nachrichtenzeit lukrativ und rentabel. Von daher erklären sich die Attacken, die die klassischen Verlage gegen die Öffentlich-Rechtlichen ebenso abfeuern wie gegen Google. Helfen wird das Aufbegehren gegen diese Akteure dem klassischen Nachrichtenjournalismus nicht. Das Geschäftsmodell der Nachricht ist erodiert – übrigens nicht nur im Print. Müsste das Newsangebot der Öffentlich-Rechtlichen allein durch Werbung refinanziert werden, dürfte sich dort auch schnell zeigen, dass es zu Refinanzierungs-Engpässen kommt.

Die Zukunft des Journalismus liegt im Interesse aller

Eine Allmende ist in der Verantwortung des Gemeinwesens. So wie der gemeinsame Grundbesitz einer Gemeinde in früheren Jahrhunderten Allmende war, so ist guter Journalismus heute Allmende. Von daher sind beispielsweise Modelle, in denen Medienprodukte mit Stiftungen zusammenarbeiten, ein richtiger Ansatz, den Veränderungen zu begegnen. Die Zukunft des Journalismus liegt im Interesse aller und es adelt ihn, dass er zu einer Allmende geworden ist, die jedem gehört und zu der jeder im Gemeinwesen etwas beitragen soll. An der Stelle der Kultur- bzw. Journalismus-Flatrate, und an dieser Stelle allein, sollten wir mehr Sozialismus wagen.

Was die Geschäftsmodelle angeht und wie sie vom digitalen Wandel betroffen sind, ist der Journalismus ein gutes Beispiel. Aber andere Dienstleistungen und Angebote sind davon ebenso nicht ausgenommen. Wer einmal über myTaxi ein Gefährt gebucht hat und nicht mehr in einer langen Schleife darauf warten musste, unfreundlich bedient zu werden, weiß, wovon ich rede.

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