Es ist nicht Sache eines Politikers, allen zu gefallen. Margaret Thatcher

Das nächste große Ding

Das Web wird alles ändern. Das haben wir nun zur Genüge gehört. In 2006, in 2007, in 2008 und so weiter. Was bleibt und was wird kommen – unser 2013.

Als das Web 2.0. in die Geschichte eintrat, schien es, als begänne dem Mensch ein neues Äon. Das Netz wurde interaktiv. Nicht mehr nur statische Webseiten. Leserkommentar. Die Gesellschaft würde das komplett verändern! Die Politik! Unseren Lebensstil! Da waren sich die Kommentatoren einig. Digg und StumbleUpon waren einige der Aggregatoren, die seinerzeit alles, was es an Neuem und Spannendem zu entdecken gab, bei sich aufführten.

Nur der Kirche fehlt die App

Dann wurde das Netz sozial. Myspace, youtube. Bewegtbild, Akustik. Günstig zu produzieren, leicht hochzuladen. Facebook, StudiVz – die sozialen Netzwerke oder sozialen Medien, wie wir sie heute nennen.

Als drittes wurde das Netz mobil. Die Online-Nutzung auf den Smartphones steigt Jahr um Jahr. Längst hat man aufgehört (es gibt natürlich unverbesserliche), die Entwicklungen im Digitalen in 3.0., 4.0., 7.0 zu messen. Es ist schon längst nicht mehr dasselbe Netz und doch ist es das gleiche. Denn gemessen an der Dauer früherer Entwicklungs- beziehungsweise Innovationsphasen sind die sieben Jahre, von denen wir hier sprechen, ein Wimpernschlag. Eine Entwicklung, die doch, in Relation zu vorangegangenen, so in eins fällt, als hätte sie keine Dauer.

Haben uns die vergangenen sieben Jahre weiter gebracht? Idealistisch gesehen in jedem Fall: Neue Möglichkeiten, Wissen zu erwerben, zu bewahren und weiterzugeben. Neue Partizipationsformen. Materiell: Es gibt einige interessante Modelle, mit denen sich Geld verdienen hat lassen. E-Commerce als solcher hat die Gesellschaft in ihren Grundfesten verändert. Der schnöde Mammon. Weil eben jeder einkauft. Und wir dafür nun keine Kaufhäuser mehr brauchen. Theoretisch können wir vom Auto, über die Schlafzimmermöbel bis hin zum Schuhwerk online alles kaufen. Den Nachhilfelehrer für die Tochter ebenso wie den Handwerker oder Gärtner, der aushilft – alles im Netz bestellen.

Wir haben keine Festnetzanschlüsse mehr und müssen weder ein Taxi noch den Pizzaservice telefonisch kontaktieren. Das geht jetzt mit einer App. Eigentlich muss man für nichts mehr das Haus verlassen. Nur die Kirche geht (mal wieder) nicht mit der Zeit: Um die Absolution erteilt zu bekommen, muss man physisch im Beichtstuhl anwesend sein und dem Priester vorsprechen. Nix App, nix Knopfdruck. Das ist aber auch das einzige, was mir einfällt.

Auf das Unscheinbare achten!

Im Business-Bereich sind durch diese Neuerung alte Player wie Quelle verschwunden und neue hinzugetreten wie Zalando. Wer nicht rechtzeitig erkannt hat, welches Potenzial im E-Commerce steckt, der wurde vom Nutzer bestraft.

Nun warten alle auf das nächste große Ding: Eine fette Innovation – vielleicht eine Killer-App, die alle andern Apps obsolet macht. Die Krankheiten und Hunger vertreibt, ein digitales Excalibur. Es liegt eine quasi messianische Hoffnung auf diesem „nächsten großen Ding“.

Unternehmergeist, Schaffenskraft, Erfindungsreichtum und Profitstreben fallen bei dieser Suche legitimerweise in eins. Die Erwartungen gehen ins Unermessliche. Dabei übersieht man leicht vielleicht das Unerwartete. Denn der echte Messias kam auf einem Esel geritten und nicht in einem Raumschiff. Also: Auf das Unscheinbare achten! Vielleicht beginnt das nächste große Ding ganz klein und ist nicht zwei Tage nach der Gründung schon exitreif und 100 Millionen Euro wert.

Wenn wir das nicht tun, dann reden wir in unserer Branche bald nur noch von 100 Millionen Exits – die nicht kommen. Dann wirtschaften wir nicht nachhaltig, schaffen keine Werte. Manche Dinge brauchen eben Zeit. Ein Beispiel gefällig: Facebook hat Probleme mit den Werbeerlösen. Diesen Satz kann mittlerweile auch schon meine rheinhessische Verwandtschaft aufsagen. Und was soll das heißen? Dieses soziale Netzwerk hat eine Milliarde Mitglieder. Wer behauptet, dass so eine Ansammlung von Menschen (und die Daten, die sie mitbringen) keinen Wert darstellt, aus dem Wertschöpfung folgt, hat von der digitalen Revolution nichts verstanden.

Aber eins sagt doch das Beispiel Facebook ganz deutlich: Wenn es schon ein solches Netzwerk nicht aus dem Stand heraus schafft, auf Dauer paradiesischen Rendite- und Gewinnvorstellungen gerecht zu werden, dann brauchen andere Unternehmen, andere Modelle eben noch mehr Zeit. Die Modelle gibt es; es dauert halt länger als ein Jahr oder zwei oder drei, um aus einer Idee eine nachhaltig funktionierende Company aufzubauen.

Nachhaltige Wirtschaft braucht Ideen

In Berlin entsteht eine Vielzahl dieser Firmen. Über die Hauptstadt hat ein Politiker, ich glaube es war der ehemalige Regierende Bürgermeister Diepgen, gesagt, dass seine Einwohner nicht davon leben können, dass sie sich gegenseitig filmen. Digitale Modelle können nicht davon leben, dass wir immer sagen, dass man sie mit Werbung finanzieren möchte. Wer klickt denn auf Werbung bitte? Und durch was sollen stets steigende Marketing- und Werbebudgets generiert werden? Wir können hier keine nachhaltige neue Wirtschaft aufbauen, wenn wir alle gegenseitig unsere Werbung anschauen.

Zum Jahresbeginn gilt es also, folgenden Vorsätze zu fassen: (1) Nachhaltig arbeiten! (2) Firmen von Dauer aufbauen. (3) Nicht auf schnelle Exits optimieren und am besten (3.1) auch nicht seriösen Investoren davon erzählen, wie aus hunderttausend Euro in drei Jahren ganz sicher hundert Millionen werden. Solche Geschichten sind was fürs Kino, nichts für den neuen deutschen Mittelstand, der gerade entsteht.

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