In der Welt ist es leider zu oft so, dass Menschen den Geldwert einer Sache mit deren tatsächlicher Wertigkeit assoziieren. Peter Silverman

Verschiedene Tickets

Wie geht eigentlich Investieren? Dabei geht es zu wie im Kino oder im Theater: Es gibt Loge und Parkett. Um den Film genießen zu können, braucht man für sich den richtigen Platz. Je nach Film ist auch die Größe des Theaters dabei entscheidend.

Von einem Ticket ist in der Start-up-Industrie die Rede, wenn es um die Höhe von Investments in ein Unternehmen geht. Ein Ticket erinnert an Kino oder Theater, also nutze ich dieses Bild, um zu erklären, wie es sich mit den Tickets in diesem Fall verhält.

Wonach richtet sich die Höhe einer Investmentsumme? Sie hängt unter anderem davon ab, wie viel Umsätze Sie in welcher Zeit mit Ihrem neuen Geschäftsmodell zu erzielen erhoffen. Am Anfang steht noch nichts und Sie operieren mit Annahmen, deren Plausibilität sich aus Ihrem Geschäftsmodell ergibt, gepaart mit Erfahrungswerten anderer Unternehmen und Branchen. Das ist ein sehr komplexer Part, denn das Risiko ist beim Einstieg naturgemäß höher als später, wenn ein Unternehmen etabliert ist (oder nicht mehr existiert, da das Risiko falsch eingeschätzt wurde).

Mittelständler brauchen Investoren

Nehmen Sie also ein Unternehmen an, das eine Bewertung von einer Million ausgibt und von Investoren, um diesen Wert zu erreichen, 100.000 Euro einwirbt. Die Investoren erhalten dafür zehn Prozent des Unternehmens. Diese Form von Investment ist das Seed-Investment. Auf eine Aussaat folgen in der Regel weitere Kapitalerhöhungen. Entweder von den Geldgebern der ersten Stunde, von neuen Investoren oder in einer Mischform.

Wenn das Unternehmen nach zwei, drei Jahren aufgrund der Umsatz- und Ertragslage seinen Wert steigern kann und, sagen wir, bei einem Firmenwert von fünf Millionen liegt, brauchen Sie, um in größeren Dimensionen wachsen zu können, mehr Kapital als die 100.000 Euro, die Sie zum Anfang benötigt haben. Spätestens dann werden Ihre Investoren der ersten Stunde nicht mehr alle mitziehen, denn sie haben nicht das Kapital, das Sie nun brauchen, und wenn sie es hätten, würde sich ja naturgemäß ihre Marge beim Veräußern des Unternehmens verkleinern.

Wer auf der Bewertung von einer Million in ein Unternehmen einsteigt, der hat in dem Moment, wo das Unternehmen bei einer Fünf-Millionen-Bewertung steht, aus seinem Einsatz einiges gemacht. Also: Auf einer Fünf-Millionen-Bewertung weiter mitzugehen, hat nur dann Sinn, wenn man glaubt, dass bei dieser Kapitalerhöhung der Wert des Unternehmens noch einmal signifikant gesteigert werden kann, also auf 12 Millionen oder 18 Millionen. Wenn dieses Szenario plausibel ist, lohnt es sich, erneut ins Risiko zu gehen.

Dann gibt es noch Geschäftsmodelle, die mehr Kapital benötigen. Dann kommen Venture-Capitalists ins Spiel. Für sie sind erst die Modelle interessant, in die sie fünf Millionen einlegen können oder mehr. Sonst lohnt sich für diese großen Firmen – aus ihrer Sicht – der Aufwand nicht.

Ich erzähle dies so detailliert, da bei der Diskussion um den Start-up-Standort Deutschland immer wieder die Frage diskutiert wird, ob wir wieder in einer Blase unterwegs sind oder nicht.

Nahezu jeder, mit dem ich hier in Berlin spreche, sagt: Es ist nicht genug Geld da. Ich meine, das muss präzisiert werden. Es ist bei den Tickets ab 200.000 Euro bis zu einer Million nicht genug Geld da, passender: nicht genügend Geldgeber.

Tickets in einem berühmten, großen Opernhaus sind teurer als die einer kleinen, aber sehr feinen Kunstbühne. Es gibt Investoren, die konzentrieren sich auf kleine Unternehmen in der ersten Phase (Kunstbühne). Dann gibt es die großen Player, die mit großen Tickets am Start sind (Opernhaus). Die Größenverhältnisse beziehungsweise die Dimensionen drücken keine Wertigkeit aus. Das eine ist so gut wie das andere: Das Investieren seinerseits ist ja auch ein Geschäft. Es hat also für einen Investor, sei er Seed-Investor oder VC, keinen Sinn, einmal 100.000 zu investieren, einmal 15.000, einmal zwei Millionen. Unternehmen wollen betreut werden, formulieren ein Anrecht auf die Unterstützung durch ihre Investoren. Wer in verschiedene Szenerien (Kunstbühne, Opernhaus) investiert, investiert immer in Häuser. Das ist das allen Gemeinsame. Aber ein großes Haus braucht mehr Investments, ein kleines weniger. Deswegen sind die Tickets in der Kunstbühne auch günstiger als die in der Oper.

Was in Deutschland fehlt, sind die Investoren, die die Tickets in der Mitte machen, also die Größenordnung zwischen Komischer Oper und Deutscher Oper in Berlin. Oder zwischen dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt und den Berliner Philharmonikern. Für diesen Mittelbau gibt es zu wenig Investoren.

Ein Grund dafür, der hier zur Diskussion steht, ist der, dass wir in Deutschland, anders als in Amerika, wo der VC eine längere Geschichte hat, auch auf Unternehmen setzen, die zwischen 20 und 50 Mitarbeitern haben und deren Geschäftsmodell nicht darin besteht, nächstes Jahr für einen dreistelligen Millionenbetrag von einem großen Technologiekonzern gekauft zu werden. Diese neuen Mittelständler brauchen Investoren – wieso nicht aus dem klassischen Mittelstand?

Zu großer Respekt

Die vielen Familien-Büros beispielsweise, die für ihre Auftraggeber investieren, kommen dafür infrage. Auch andere Akteure, die aus dem Mittelstand kommen oder im Mittelstand ein Vermögen gemacht haben, können zu einem Investor in diese Tickets werden. Nur weil das alles mit englischen Begriffen belegt ist und so nach den USA klingt, haben viele klassisch Investierenden einen zu großen Respekt (oder auch Ablehnung) gegenüber einem Invest in diese Branche.

Erinnern Sie sich daran, als Ihre Frau Sie mit zu dem Konzert oder in jene Aufführung mitgeschleppt hat. Zuerst waren Sie skeptisch, dann hat es Ihnen doch gefallen. Die nächste Show ist sicher noch nicht ausverkauft; noch ist diese Darbietung ein Geheimtipp.

Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte
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