Zu meiner aktuellen Lektüre gehört der Bestseller von Tomáš Sedláček „Die Ökonomie von Gut und Böse“. Der in Tschechien lehrende Ökonom nimmt seinen Leser mit zurück zu den Anfängen der Wirtschaft. Es geht ihm um den ganz großen Erzählbogen: Was bedeutete das Wirtschaften zur Zeit der Mesopotamier, der griechischen Antike? Er schaut dabei mit der Brille des Heutigen auf die Entwicklung zurück. Zu wirkmächtig sind im Angesicht der aktuellen Herausforderungen an unser ökonomisches System die Paradigmen der Gegenwart: Die unsichtbare Hand des Marktes und der Keynesianismus. Sedláček stellt über alles die Frage nach Gut und Böse in der Wirtschaft. Er spannt diesen Bogen nicht in einem moralischen, sondern im Sinne seiner großen Erzählung:
Arbeit gehört zur Selbsterfahrung
Für die Hörer des Gilgamesch-Epos beispielsweise war der Wald der Ort der Bedrohung, die Stadt der Ort der Sicherheit. Draußen war es folglich böse, drinnen war es gut. Der Held Gilgamesch ist zu Beginn des Epos damit beschäftigt, eine Mauer um die Stadt zu ziehen. Er schützt seine Bewohner. Da der Wald böse ist, klatschen auch alle, als der gute Gilgamesch anhebt, den Wald abzuholzen. Er wird nicht nur etwa für ökonomische Zwecke abgebaut, sondern im Abholzen werden die bösen Geister in ihm bezwungen. Eine mythische, quasi-göttliche Vorstellung der Natur, die für den Autor erst mit dem jüdischen Weltbild verblassen wird. Die Natur ist nicht mehr als das, was man sieht. Sie ist Teil der Schöpfung und somit nicht göttlich. Der Mensch findet also in ihr, was er zum Leben braucht. Ein weiteres Puzzle-Stück der Erzählung unserer Ökonomie.
Diesen Baustein darf man aber auf keinen Fall auslassen, denn hier tritt zum ersten Mal die Frage nach dem Guten und dem Bösen des Handelns, des Wirtschaftens des Menschen in den Blickpunkt. Die Verantwortlichkeit für das, was der Mensch tut, ist nicht mehr kosmisch verquickt, sondern ein Anruf des Gewissens an ihn selber. Übrigens: Interessant ist auch, dass im Garten Eden der jüdischen Schöpfungsmythen gearbeitet wird. Arbeit gehört also auch in der perfekten Umgebung des Paradieses für den Menschen als wesentlicher Baustein seiner Selbsterfahrung dazu, wie Sedláček resümiert.
Die griechischen Philosophen-Schulen machen sich im Folgenden darüber her, was nun wirklich gut sei. Die Maximierung des Nutzens oder die Orientierung an gültigen Normen. Eine weitläufige Interpretation des Hedonismus setzt auf den größtmöglichen Nutzen. Nutzen als solcher wird mit gut gleichgesetzt. Wenn man so möchte, sind die Lehren der Epikureer das Evangelium der Konsumankurbler. Anders die Stoiker: Die Orientierung an einem Set von Überzeugungen definiert das Gute, das für das wirtschaftliche Handeln unerlässlich ist. Unnötig zu sagen, dass unsere ökonomischen Entscheidungen (das können beispielsweise auch zeit-ökonomische sein: Wann treffe ich X und wie passt dieses Treffen zum Rest meines Tagesablaufes; wessen Lebenszeit und wessen Handlungsspielraum wird durch mein Handeln in welcher Weise beeinflusst) andere Menschen in ihrem Tun beeinträchtigt. In unserer Kultur hat über Jahrhunderte der Stoiker die Überhand gehabt: Den anderen nicht als Mittel seiner Zwecke gebrauchen, sagt Kant. Den anderen so behandeln wie man selbst behandelt werden möchte. Im Prinzip die intellektuell ausdifferenzierte Fassung der Goldenen Regel, die nicht nur, aber auch im Neuen Testament überliefert ist. „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das müsst auch ihr ihnen tun.“
Unsere Ökonomie ist Teil der Geschichte
Eine sehr starke Beobachtung Sedláčeks zum Neuen Testament, und dann soll es auch genug des Nacherzählens sein, möchte ich hier nicht vorenthalten: Das Neue Testament sei eine durch und durch ökonomische Schrift. 19 von 30 Gleichnissen Jesu, so zählt Sedláček aus, haben einen ökonomischen oder sozio-ökonomischen Hintergrund. Da wird dieses Buch doch vielleicht noch mal für den einen oder anderen Gründer, Unternehmer oder BWLer interessant!
Worauf ich mit diesem kurzen Abriss hinaus möchte: Unsere Ökonomie ist Teil der Geschichte, ist eine große Erzählung, die sich um große und entscheidende Fragen dreht. Es ist zu kurz gesprungen, die Wirtschaft von anderen gesellschaftlichen Bezügen zu entkoppeln oder große Unternehmen nur als Sponsoren für eine erlesene Kulturveranstaltung zu betrachten. Das Wirtschaftliche ist essenzieller für das, was eine Gesellschaft im Inneren bestimmt: ihre moralischen Kodizes, einen nicht unerheblichen Teil der sozialen Regeln. Und darüber hinaus: auch ihren visionären Horizont. Für Visionen ist ja laut Helmut Schmidt der Arzt zuständig oder allenfalls die Religion, die in Vorzeiten die Stimmungen eines viel zu kurzen Menschenlebens aufsog, um ihm in einem Leben nach dem Tod einen Widerhall zu geben. Visionen werden am ehesten heute im oder vom Politischen gefordert. Die Politik soll zum Beispiel kreativ sein und uns von den Übeln der Zocker und der Schuldenmacher befreien. Dass die Wirtschaft selbst auf die Idee kommen könnte, sich zu optimieren, wird selten gelesen. Ich weiß nicht, ob dieses Zitat von einer anderen SPD-Größe stammt, es könnte aber von Peer Steinbrück sein, der Ausspruch nämlich, dass man die Frösche nicht fragen darf, wenn man den Sumpf trockenlegen möchte. Also im Sinne des vorliegenden Sachverhalts: Die Wirtschaft schafft es nicht, sich aus sich selbst heraus zu verändern. Sie braucht die Maßgaben der Politik.
Diese Sicht ist natürlich a-historisch und somit falsch. Vielleicht gab es einmal kreativere Köpfe in der Wirtschaft. Sicher sogar. Warum die Wirtschaft heute so entkoppelt von anderen gesellschaftlichen Bereichen wirkt, hat Botho Strauß im Sommer 2011 in der „FAZ“ dargelegt. Es tobte die Debatte, die in England Charles Moore und in Deutschland Frank Schirrmacher losgetreten haben: Haben die Konservativen an die Falschen ihre Werte ausgeliehen, als sie dem Neoliberalismus huldigten, in der Hoffnung, dass die unsichtbare Hand des Marktes oder die Herren in den Banken oder Großunternehmen sie dereinst mit einer geistig-moralischen Rendite zurückzahlen würden – das war es, was die beiden konservativen Autoren sich und ihr Publikum fragten und damit eine beachtliche Debatte verursachten, die in die europäischen Feuilletons in den sonst so lauen Sommermonaten mächtig Wind brachten.
Ökonomischen Unsinn erkennen
Botho Strauß versucht zu erklären, wie es zu dem Desaster kommen konnte: Zum einen fehle uns das Instrumentarium, mit dem wir in die Lage versetzt wären, zu erkennen, wann eine Behauptung über die Wirtschaft Unsinn sei. Da muss man ihm recht geben: Wir haben in der Schule in Sozialkunde und zu Recht aufgrund unserer Geschichte gelernt, als Politik getarnten Unfug zu entlarven, etwas Ähnliches im Bereich ökonomischen Unsinns leider nicht. Des Weiteren sagt er, dass wir vergessen haben, dass die großen Ökonomen unserer Kultur – also die Herren (meist; weniger Damen), die Tomáš Sedláček in seinem Buch aufführt, nicht nur für sich und solitär und alleine dastanden, sondern in ihren jeweiligen Zeiten mit den anderen Persönlichkeiten ihrer Gesellschaft im Austausch standen: mit Musikern, Schauspielern, Kulturschaffenden, Wissenschaftlern und Geistlichen. Die Verbannung des Ökonomischen aus dem Gesamtdiskurs einer Gesellschaft hat weder der Gesellschaft noch den Ökonomen gut getan.
Was ist nun das gute Wirtschaften? Das, was sich selbst zum Angelpunkt nimmt oder das, was die Allgemeinheit als Maßstab für den größtmöglichen Nutzen für die größtmögliche Zahl definiert? Eine solche Frage würde zu kurz greifen: Das Gute zeigt sich nicht nur im Wirtschaftlichen, wenn es sich im Rest der Gesellschaft nicht mehr zeigt.
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