Das ist nun mal die Frage des Glaubens und daran kann man auch nichts ändern. Manne Dumke

Die digitale Dampfmaschine

Die strategische Bedeutung der Internet-Industrie wird in Deutschland weiterhin unterschätzt. Das Phänomen erinnert an einen großen Fehler aus Zeiten der Industrialisierung.

Wer Christophe Maire begegnet, trifft einen Start-up-Unternehmer der ersten Stunde. Er ist ein Kommunikationstechnologie-Experte und arbeitet mit seiner Company txtr an elektronischen Büchern. In den 00er-Jahren hat er ein Navigationssystem für Handys entwickelt und diese Firma erfolgreich an Nokia verkauft. Heute ist er in vielen Unternehmen investiert und kennt die Branche sehr gut. Die Start-up-Wirtschaft, findet er, hat immer noch einen schweren Stand in der Politik und der klassischen Wirtschaft; beide erkennen das Potenzial der neuen Wirtschaft nicht: „Die Zukunft hat keine Lobby. Die Digitalisierung und Vernetzung der Welt wird radikale Veränderungen in den meisten Bereichen des Lebens herbeiführen. Jedoch wird wie immer ein Großteil der Innovation außerhalb der existierenden Strukturen stattfinden. Es entstehen gerade die Firmen der Zukunft und die klassischen Akteure merken das nicht. Wer hätte beispielsweise vor zehn Jahren gedacht, dass ein Start-up aus Seattle die weltweite Bücher-Distribution dominiert?“

Deutschland läuft die Zeit davon

Die klassischen Akteure sind immer noch fixiert auf Unternehmen, die Autos und Kühlschränke produzieren. Dabei ist die Zukunft auch dieser beiden Produkte eine, die maßgeblich von der Start-up-Industrie abhängen wird. Das Vernetzen von PKWs untereinander, die sich Staus melden oder freie Parkplätze suchen. Der Kühlschrank, der sich muckst, wenn die Milch alle ist.
„Ich bin davon überzeugt, dass in unserem Bereich die „hidden champions“ der Zukunft entstehen. Es findet eine Neu-Erfindung der Wirtschaftprozesse statt – wer hätte vor wenigen Jahren noch gedacht, dass Menschen beispielsweise Schuhe online kaufen wollen. Firmen wie airbnb.com verändern in Kürze die Hotelindustrie, Fernsehen wandert online, Kleinanzeigen und Marktplätze werden mobil. Plötzlich entstehen überall neue Märkte, die allesamt Arbeitsplätze schaffen und Wachstum fördern.“

Das verdrängen die klassischen Akteure und glauben nicht an die Werte, die in der Start-up-Industrie geschaffen werden. Als Entschuldigung führen sie die massive Geldvernichtung aus den Zeiten der Dotcom-Blase an. Kein Vergleich findet Maire: „Die Dotcom-Blase hatte mehr mit dem damaligen Geldüberschuss zu tun, als mit dem Stand der Technologie vor zwölf Jahren. Und wer kann heute noch ehrlich daran zweifeln, dass Facebook in wenigen Jahren enorm viel Wert geschaffen hat. Wie viele 100.000 Nutzer braucht es denn eigentlich, damit gemerkt wird, dass wir es mit transformativen Technologien zu tun haben? Man sollte die richtigen Fragen stellen. Eine davon lautet beispielsweise: Warum wird hierzulande die strategische Bedeutung der Internet-Industrie so sehr unterschätzt?“

Deutschland läuft die Zeit davon. Viele Start-Up-Unternehmen suchen lange nach Kapital, sei es von Investoren oder von Banken. Dieses Schicksal teilen sie im Moment auch mit klassischen Wirtschaftsakteuren, allerdings ist die internationale Konkurrenz bei den digitalen Zukunftsmärkten ungleich größer als andernorts: Jede Firma, mit der ich zu tun habe, hat im Durchschnitt fünfmal weniger Kapital als die amerikanische Konkurrenz. Und dann fragt man sich, warum Silicon Valley öfters erfolgreicher ist? Ganz einfach: Die geben einfach mehr.“ Das ist keineswegs ein subjektives Empfinden eines Betroffenen. Maire kann seine Aussagen mit Zahlen belegen: „Im Verhältnis zum GDP geben die USA, Israel und China zehnmal mehr Venture und Innovationskapital in Start-ups aus, als es in Kontinental-Europa der Fall ist.“

Die Veränderungen, die auf alle klassischen Industriezweige zukommen, stimmen die Betroffenen nicht gerade froh; in den Veränderungen, die gerade passieren, liegen allerdings auch die größten Chancen. „In Veränderung investieren, heißt in die Zukunft investieren und da maßgeblichste Veränderungen derzeit in der „neuen“ Wirtschaft geschehen, muss man diesen Bereich stärker fördern. Die Frage erinnert mich an die Industrialisierung Europas im 19. Jahrhundert, wo viele Kandidaten schlicht den Zug verpassten, da sie die Wichtigkeit der neuen Industrie unterschätzten. Irgendwann war es dann zu spät.“ Das darf Deutschland, einem der Gewinner der industriellen Revolution, nicht passieren.

Katalysator für Veränderungen

Das Investieren in die Start-up-Industrie empfiehlt Christophe Maire auch Akteuren, die damit noch keine Erfahrung haben. „Man muss bereit sein, neue Geschäftsmodelle zu verstehen, öfter ausprobieren und seine Investments diversifizieren. Außerdem muss man bereit sein, auch oft zu scheitern und vor allem muss man Innovationen schätzen.“ Dieses Investieren empfindet Christophe Maire primär nicht als ein klassisches kapitalistisches Streben, sondern als sozialen Impuls. „Venture Capital ist ein soziales Instrument. Es erlaubt Menschen, die Talent, Mut und Elan besitzen – aber keine Eigenmittel – ein Produkt zu entwickeln und eine Firma aufzubauen. In USA sind zwanzig Prozent der neuen Jobs auf Venture Capital zurückzuführen. Venture Capital ist das effektivste Mittel, um Innovation in der Gesellschaft voranzutreiben. Gerade in Ländern mit guter Bildung und Infrastruktur ist Venture Capital ein Katalysator für positive Veränderungen.“

Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte
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