Den ungerechtesten Frieden finde ich immer noch besser als den gerechtesten Krieg. Marcus Tullius Cicero

Was will ich und wenn ja, wie oft

Ist unser Wille frei oder ist er es nicht? Die alte philosophische Frage reißen sich einige Neurologen unter den Nagel. Wir seien nicht frei, wir bildeten uns unsere Freiheit nur ein ist ihre Botschaft. Sie sind nun gekommen, um uns von dieser Verblendung zu befreien. In Wahrheit will eine neue Religion, als Naturwissenschaft getarnt, uns erneut versklaven. Dagegen müssen wir uns wehren!

Wir sind nicht verantwortlich für das, was wir tun. Unser Handeln basiert nicht auf den Abwägungen eines freien Willens. Das Reden vom freien Willen ist eine soziale Konvention. Damit beziehen sich nur Menschen aufeinander, um so ihr Handeln voreinander zu plausibilisieren. Das sagen einige bedeutende Neurologen, die mit der Behauptung, dass es keinen freien Willen gäbe, einen Jahrtausende alten Streit der Philosophen beenden möchten.

Um was geht es dabei? Auf einen Punkt gebracht: Bin ich Herr meiner Handlungen, entscheide ich, was ich tue, oder ist das, was ich tue, durch die Biologie und/oder meine soziale Prägung vorherbestimmt, und es scheint nur so, als ob ich mich frei entscheiden würde?

Espresso oder Rotwein?

Ist diese Frage wichtig? Die Frage nach dem freien Willen des Menschen endet nicht bei der Überlegung, ob ich durch Werbung, Erziehung oder andere Formen von Prägung zu einem bestimmten Verhalten konditioniert bin. Die spannende Frage ist die, ob ich in einer neuen Situation in der Lage bin, aus all dem Gelernten und dem Konditionierten Ableitungen zu treffen, die in neue Entscheidungen münden.

Überlegen Sie mal: Sie haben morgens sicher einen zeitoptimierten Ablauf. Aufstehen, Zähne putzen, duschen. Irgendwann einmal haben Sie sich dieses Vorgehen überlegt oder Sie haben es von Ihren Eltern oder einem Partner übernommen. Seitdem machen Sie das so und Sie reflektieren dieses Tun auch nicht täglich. Das würde zu viel Zeit kosten. Etwas komplexer wird es bei diesem Beispiel: Ich saß neulich im Restaurant und hatte nach dem Essen ein Glas Rotwein und einen Espresso vor mir stehen. Ich war mir nicht schlüssig, ob ich erst den Wein austrinken und dann den Espresso zu mir nehmen sollte. Ich wollte vermeiden, dass der Geschmack des einen Einfluss auf den Genuss des anderen nimmt.

Der Neurologe wird zum Hohepriester

Um die Entscheidung zu treffen, suchte ich nach Erfahrungswerten aus der Vergangenheit. Ich konnte mich an keine ähnliche Begebenheit erinnern. Wie auch immer ich mich entscheiden würde: Es würde eine freie Entscheidung sein, nicht von der Erfahrung getragen oder getrübt.

Die Behauptung, dass wir uns nur einbilden, einen freien Willen zu haben, dass uns quasi von unserem Hirn suggeriert werde, wir hätten gerade eine freie Entscheidung getroffen (Rotwein oder Espresso), kreiert eine neue Form der Metaphysik, die die Naturwissenschaft doch eigentlich zu überwinden sucht. Indem ich sage, eine Sache ist so oder so, du kannst sie nur selbst nicht in dieser Weise erfahren, wird die Neurologie zur Religion und der Neurologe zum Hohepriester.

Prägungen und Konventionen sind veränderbar

Frei zu sein ist für den Menschen der mühsamere Weg. Im Suchen der Neurologen nach unserer Unfreiheit drückt sich das Unbehagen an unserer menschlichen Natur aus. Freiheit bedeutet Verantwortung. Konditionierung und Prägung sind kein Schicksal, sondern abänderlich – manchmal dauert es ja, um aus Kreisläufen, die einem die Erziehung aufgepfropft hat, auszubrechen. Dieses Verändern unserer Codierung ist aber – und das ist entscheidend – grundsätzlich möglich. Die Kraft der Reflexion, das Gespräch mit einem Außenstehenden. Es gibt nur in der Theorie so viele mögliche Lebenswege, wie es Menschen gibt: Ähnlichkeiten in Erziehung, vorherrschende Erziehungsideale in einer Epoche, Leitbilder, all das lässt sich herauskristallisieren und in Beziehung zur eigenen Lebensgeschichte setzen. Die so gegebenen Prägungen sitzen tief.

Von daher ist es genau andersherum: Weil sie so tief sitzen, erwecken sie den Anschein, dass sie unabänderlich seien. Sie sind es aber in Wahrheit nicht, wenn der Mensch den Wandel, die Veränderung möchte. Unsere eigene Entwicklungsgeschichte im Kleinen zeigt genauso wie die kulturelle und zivilisatorische Geschichte des Menschen, dass wir frei sind, uns zu verändern, dass wir frei sind, uns und unser Leben zu gestalten und unsere Umwelt zu verändern. Ich habe zuerst den Rotwein und dann den Espresso getrunken. Das war eine gute Entscheidung.

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