Der Bundespräsident wird überinterpretiert. Christian Wulff sagte in seiner Rede: “Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.” Damit hat das Staatsoberhaupt keine theologische Aussage gemacht, er hat auch nicht die Prägekraft des Christentums für die Gegenwart des Landes relativiert. Er hat ein Signal an die Muslime senden wollen: Ihr gehört zu unserer Gesellschaft.
Wir Deutschen müssen lernen, mit einer religiösen Minderheit zu leben. Und wir sollten es besser machen als in den Jahrhunderten, in denen Juden und Christen in Feindschaft nebeneinander her existiert haben. Wenn heute das “jüdisch-christliche Erbe” beschworen und sogar in Stellung gegen den Islam gebracht wird, dann steht dieses Bekenntnis auf den Trümmern der Schoah. Es ist das “Nie wieder” der Christenheit, deren Ablehnung des Judentums in das Fanal unserer Zivilisation, dem millionenhaften Mord an den Juden durch die Nazis, geführt hat. Es wäre absurd, die Behauptung zu wiederholen, die Türken seien nun die neuen Juden Europas. Es wäre aber zur selben Zeit töricht, zu glauben, dass sich Intoleranz und gesellschaftliche Ausgrenzung nicht wiederholen könnten.
Der Gott der Christenheit im Grundgesetz
Die christliche Tradition hat Deutschland geprägt. Unter den Trümmern des Kriegs bargen die Väter und Mütter des Grundgesetzes die Überlieferung des christlichen Glaubens. Die “Verantwortung vor Gott” steht in der Präambel unserer Verfassung. Gemeint ist der Gott der biblischen Tradition. Kein anderer. Das kann man so festhalten, denn 1948 dachte wirklich niemand an millionenfachen Zuzug aus der islamischen Welt. Muslime heute können aber – wenn sie wollen – in der Anrufung unseres Gottes auch ihren Gott erblicken. Das wird man ihnen ohne Zweifel zugestehen dürfen.
Wir Europäer haben viel diskutiert über das jüdisch-christliche Erbe und darüber, ob es Erwähnung in der europäischen Verfassung finden solle. Vertreter von islamischen Interessenverbänden forderten damals lautstark, auch der Islam gehöre in die Aufzählung. Das ist mit einem Wort: falsch. Europa hat sich in seiner Geschichte immer wieder des Islam erwehrt. Die christliche Religion, die auf ihr fußende Kultur sieht manche Dinge in der Welt nicht irgendwie und nur ein bisschen anders als der Islam. Sie sind diametral verschieden: das Menschen-, Gesellschafts-, Welt- und Gottesbild.
Tradition ist das eine, Wandel das andere
Der Islam und die Muslime in Europa werden ihren Platz finden müssen in einer Welt, die auf anderen Grundlagen als die ihnen einstmals vertraute steht. Der Islam geht in seiner Vorstellung davon aus, vorherrschend zu sein. Muslime sollen idealerweise dort leben, wo der Islam Majorität ist. “Der Islam herrscht und wird nicht beherrscht” – so lautet ein Satz aus der islamischen Tradition. Tradition ist aber eben nur das eine, Wandel das andere. Muslime, die hier leben, sind geistig mobiler als Beduinen des 7. Jahrhunderts. Auch das wird man den Muslimen ohne Weiteres zugestehen dürfen.
Der bevorstehende Wandel kann sehr fruchtbar werden. Der Prozess dazu beginnt gerade erst. Islamische Religionslehrer werden an den Universitäten ausgebildet. Religionsunterricht wird eingeführt. Moscheen werden gebaut und islamische Grabstätten errichtet. Diesen Wandel innerhalb des Islam in Deutschland verunmöglichen wir, wenn wir mit der gesellschaftlichen Ausgrenzung weitermachen.
Was ist das Eintrittsbillett in unsere Gesellschaft?
Am Ende profitiert unser Land. Natürlich müssen wir deutlich machen, wo unsere Grenzen liegen. Natürlich müssen wir sagen, dass wir nicht islamisiert werden wollen. Natürlich müssen wir radikale und ewig gestrige Imame ausweisen. Aber wer glaubt denn ernsthaft, dass die stille Mehrheit der Muslime in Deutschland das nicht genauso sieht?
Die Gesellschaft muss vor allem das Vertrauen der muslimischen Jugendlichen wieder gewinnen, die sich in Scharen radikalisieren, weil sie keine Teilhabe an unserer Gesellschaft erlangen. In einer Verfilmung des Lebens von Gustav Mahler sagt der Komponist: “Der Taufschein ist das Eintrittsbillett in die europäische Gesellschaft.” Wie viele Juden haben sich taufen lassen, um überhaupt mitspielen zu können in Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft? Und heute schmücken wir uns mit unserer “jüdisch-christlichen” Vergangenheit?
Wir sind nur dann eine großartige christliche, demokratische und freiheitliche Gesellschaft, wenn wir die Muslime, die hier als anständige Bürger leben, auch Bürger im Vollsinn sein lassen. Das ist die Kraft, die Wahrheit und der Charme der Freiheit, die am Ende jede starrsinnige Ideologie, auch den Islamismus, überwinden wird. Das ist das Deutschland, in dem der Bundespräsident die Muslime willkommen geheißen hat. Es kann auch ihr Deutschland werden. Sie müssen ein Teil davon werden wollen und wir müssen sie einen Teil davon werden lassen.

















Sehr geehrter Herr Görlach!
Als überzeugter Christ schätze ich Ihre Arbeit und würde Ihren Optimismus bezüglich der Veränderungsfähigkeit des europäischen Islam gerne teilen. Es stimmt auch, dass Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen ihre Integration verunmöglicht. Dennoch ein paar kritische Anmerkungen zu Ihrem Artikel:
Dass die Ablehnung des Judentums durch die Christenheit zum Judenmord durch die Nazis geführt hat, ist eine starke Behauptung. Die Nazis waren bekanntlich dem Christentum nicht sehr gewogen, und die Quellen ihrer antisemitischen Ideologie sind vielfältig. Hier wäre viel mehr Differenzierung nötig.
Zum anderen: Sie schreiben, am Ende würde Deutschland (und wohl Europa überhaupt) profitieren von den bevorstehenden Veränderungen bei den europäischen Muslimen. Was macht Sie da so sicher? Wird der Wandel rasch genug vonstatten gehen? In welcher Weise genau soll Europa vom Islam profitieren? Hat Europa in seinem demographischen, kulturellen, geistigen Zustand überhaupt die Kraft, den Islam zu transformieren? Hier sind aus meiner Sicht erhebliche Zweifel angebracht.
Freilich, es darf keine einfachen Lösungen wie Ausgrenzung, Ausweisung, etc.geben. Christen müssen versuchen, alle Menschen, auch Muslime, für die befreiende Botschaft von der Liebe Gottes in Jesus Christus zu gewinnen. Diese hat große verändernde Kraft. Angesichts der gewaltigen Probleme und Herausforderungen, vor denen Europa steht, ist wohl ein massives Eingreifen Gottes nötig, um die nötige Erneuerung zu bewirken.
Sehr geehrter Herr Igler,
der Optimismus des Autors, Herrn Görlach, stimmt Sie hoffnungsvoll; auch Sie wünschen sich, wie Sie schreiben, eine Integration des Islam in unsere Kultur und Gesellschaft, hoffen auf gegenseitige Bereicherung. Sie melden zwar Kritik und Zweifel an, doch die hat sicher jeder von uns.
Doch dann verwenden Sie einen Satz, der selbst mich als gläubiger Christ zusammenzucken lässt: Sie sagen, dass Christen auch Muslime für die Botschaft von der Liebe Gottes in Jesus Christus gewinnen sollten. Wie darf ich Sie in diesem Punkt verstehen? Möchten Sie diese Liebe leben, indem Sie auch Islam-Gläubige willkommen heißen und neugierig auf sie und ihren Glauben zugehen, oder möchten Sie jene Menschen für Ihren (unseren) Glauben gewinnen?
Ich möchte Ihnen das nicht unterstellen, doch hört sich Ihre Aussage leider an wie eine Forderung nach Kapitulation — dies wäre keine gute Ausgangslage für ein Miteinander der Menschen, der Kulturen, der Religionen. Wir alle — auch ich — sollten uns davor hüten, zu hohe Erwartungen an Mitmenschen anderer Kulturkreise zu stellen, und vielmehr uns selbst überprüfen, wie offen und neugierig wir auf deren geistige Güter sind.
Integration und Anpassung von Zuwanderern ist nötig, doch nur möglich, wenn auch wir bereit sind, unseren Flecken Erde zu teilen.
Mit vielen Grüßen,
Felix Neumann
Sehr geehrter Herr Neumann,
soeben habe ich gesehen, dass Sie auf meinen Brief reagiert hatten und will Ihnen darauf antworten.
Zum einen: Ja, wenn wir als Christen von der Wahrheit des befreienden, erlösenden Evangeliums von Jesus Christus überzeugt sind, dann gebietet uns die Liebe, auch Muslimen dieses Evangelium anzubieten und ihnen diesen Weg zur Versöhnung mit Gott zu eröffnen. Christen haben dies immer als den “Missionsauftrag” Jesu verstanden.
Zum anderen: das heißt für mich nicht, dass man die Annahme des christlichen Glaubens einfordern oder zur Bedingung der Integration machen darf, da gebe ich Ihnen recht. Aber christliche Toleranz heißt für mich auch nicht, den Islam als Religion bereichernd, wahr, wertvoll, friedsam etc. betrachten zu müssen. Ich glaube schlicht, dass der Islam in Bezug auf Gott in die Irre führt. Über die Wahrheit der Religionen soll man intensive Debatten führen und die jeweiligen Wahrheitsansprüche gründlich diskutieren und prüfen.
Während man aber die Annahme des christlichen Glaubens wie gesagt nicht zur Bedingung der Aufnahme in die westlichen Gesellschaften machen kann, muss der Westen die Identifikation von Muslimen mit folgenden Grundwerten strikt einfordern: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau, Religions-, Meinungs-, Pressefreiheit etc. Ein Muslim jedoch, der die Schriften seines Glaubens sowie die Regelungen der Scharia als göttlichen Maßstab betrachtet, wird mit manchen dieser Dinge seine Schwierigkeiten haben, was u.a. die ganze Thematik so heikel macht.
Mit freundlichen Grüßen
Kurt Igler
Man sollte anmerken, dass es nicht die sogenannten “Kritiker” wie z.B. Norbert Geis MdB sind, die “die christlich-jüdische Kultur in Stellung bringen”. Im Gegenteil wird auch von den konservativsten Teilen in CDU/CSU die Rede des Bundespräsidenten explizit begrüßt. (vgl. Deutschlandfunk.de vom 4.10.) Gleichzeitig weisen sie aber auf die Dominanz der christlich-jüdischen Kultur hin, die Integration und Respekt von der einen Seite und Offenheit, Selbstbewusstsein und Souveränität von der anderen Seite abfordert. Im Grunde also die selbe Position, wie sie in diesem Artikel dargelegt wird.
Anstatt diesen langwierigen und wechselseitigen Prozess zu moderieren, suchen die meisten Medien aber lediglich nach diametral auseinandergehenden Aussagen, präsentieren sie im richtigen Kontext , und schaffen so den für ihre eigene Auflage nötigen Krisenherd. Sarrazin lässt grüßen…
Ob wir mit dem hier präsentierten idealistisch, ja fast schon pathetisch anmutenden Journalismus dem Ziel der “Integration” näher kommen , ist leider auch nicht unbedingt sicher ;-)
Sinnvoll wäre es wohl, den ein oder anderen Dialog mit aufgeklärten und gläubigen Muslimas und -men zu führen. Warum wird die Islamkonferenz eigentlich medial ignoriert??
Es fällt mir immer noch schwer zu verstehen, wieso wir eine “Religion” in die deutsche Gedellschaft integrieren müssen, die Frauen zu Menschen zweiter Klasse macht, sich explizit gegen “Ungläubige”, also auch Christen richtet, sich ausdrücklich antisemitisch positioniert und deren extremste Anhänger die Scharia predigen und zum Terrorkrieg gegen unsere Kultur und Zivilisation aufrufen!?
@ Thomas P. Reiter.
Ganz einfach, weil wir in Anspruch nehmen Christen zu sein .
Weil wir Christen sein wollen, müssen wir Antisemitismus und Ehrenmorde als Teil unserer Kultur akzeptieren? Ach nö.
@ Th.P.Reiter.
Über wieviel Ehrenmorde in Deutschland lesen sie übers Jahr? Die Zahl bei der in Deutschen Familien ermodeter Angehöriger ist da weit aus grösser. Und Antisenitismus, der ist auch unter uns Deutschen nicht ausgestorben sondern erlebt in den letzten Jahren eine Wiedergeburt.
Als Mensch, der sich nicht der “christlichen Gemeinschaft” zugehörig fühlt (genauer gesagt, sich keiner organisierten Religion zugehörig fühlt), kann ich über diese Debatte nur die Stirn runzeln. Dass wir eine christliche Tradition haben, also unsere Geschichte durch diese Religion stark geprägt worden ist, kann ich ja noch annehmen. Aber in Anbetracht der heute immer schwächer werdenden Position der christlichen Kirchen in Europa und der immer grösser werdenden Zahl an Menschen, die keiner Religion angehören, stellt sich die Frage, die der Autor aufwirft, gar nicht. Der Islam ist für Menschen wie mich nur eine Religion unter mehreren, die in unserem Alltag eine immer kleinere Rolle spielen. Aus der atheistischen oder agnostischen Distanz macht es wirklich keinen grossen Unterschied mehr, ob nun der Islam vorschreibt, dass Frauen ein Kopftuch tragen sollen oder der Papst Kondome verbietet. Beides sind nur noch sehr merkwürdig anmutende Beschneidungen unser in der Aufklärung erkämpften Freiheit. So behaupte ich daher auch, dass in Europa der Gegenpart zum Islam nicht das Christentum ist, sondern die Aufklärung. Die Frage ist somit nicht, ob Muslime unter Christen leben können, sondern nur noch, in wie weit wir Muslimen in Europa zumuten müssen, aufgeklärt zu leben. Das macht die Sache schon mal um einiges entspannter.