Man darf ihn jetzt nicht übers Knie brechen. Rudi Völler

Ist Cicero eigentlich noch ein Debatten-Magazin?

The European wird am 30. September ein Jahr alt. Zeit, auf die Debatten der vergangenen zwölf Monate zurückzuschauen. Und Danke zu sagen: nicht zuletzt Michael Naumann.

Eigentlich wollten wir zum Einjährigen eine Debatte auf der Seite haben: “Warum ich The European nicht lese.” Idee war es, die Leute zu einem ehrlichen Statement zu ermutigen, die uns aus irgendeinem Grund nicht mögen oder ein Debattenmagazin im Netz für überflüssig halten. Diese Idee haben wir nicht fallen gelassen – wir haben nur niemanden gefunden, der schreiben mag, warum er uns nicht mag. Auch gut.

The European wird ein Jahr alt und wenn wir auf etwas stolz sind, dann auf unsere Debattenkultur! Aus dem politischen Spektrum haben wir von Gregor Gysi über Cem Özdemir, Christian Wulff und Erika Steinbach allen Parteien und ihren Gruppierungen Raum gegeben, zu kommentieren und ihre Argumente in einer Debatte mit denen der Opponenten zu messen. Wir freuen uns, dass unsere Leser bislang in mehr als 2.000 Leserbriefen sowohl mit den Autoren als auch untereinander diskutiert haben. Die Redaktion hat es geschafft, neue Debatten anzustoßen und in die Gesellschaft zu tragen, genauso, wie wir Debattenlagen abgebildet und mit relevanten Autoren weitergedreht oder vorangebracht haben.

Auch unsere Kolumnisten bilden das gesellschaftliche Spektrum ab. Die Kolumne “Alle an die Wand” des “Haus-Stalinisten” der Titanic, Stefan Gärtner, bildet den einen, die Kolumne “Unter Linken” des Spiegel-Manns Jan Fleischhauer den anderen Pol der möglichen Standpunkte. Daneben und dazwischen ist es uns gelungen, viele renommierte Kolumnisten ins Magazin zu holen.

Ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Spektrums

Debatten gab es in unserem ersten Jahr genug: Die Bestandteile der Bundesregierung, CDU, CSU und FDP haben für sich und miteinander jede Menge Diskussionsstoff geliefert. Die Frage, ob wir in Afghanistan von “kriegsähnlichen Zuständen” sprechen können oder nicht, hat in der Gesellschaft zu einer Auseinandersetzung mit dem Dienst und den Aufgaben der Bundeswehr geführt. Heute diskutieren wir über die Aussetzung der Wehrpflicht. Das hätten wir vor zwölf Monaten nicht vorhergesagt.

Ebenso unvorhergesehen war die Krise des Euro und der Europäischen Union. Die Neuordnung des Bankensektors und die von Hartz IV wird uns weiter begleiten. Das Erdbeben in Haiti und Dirk Niebel als Entwicklungshilfeminister haben ebendiese in den Fokus des Magazins gerückt. Erfreulich war die Debatte darüber, wer der neue Bundespräsident werden solle. Der Gewählte, Christian Wulff, brachte eine Wahl durch das Volk ins Gespräch. Daran erinnert man sich deshalb so gut, weil er seitdem nichts weiter gesagt hat, als dass Gott Deutschland segnen möge.

Über Gott und sein irdisches Personal wurde in diesem Jahr auch viel debattiert. Der Missbrauch von Kindern, Jugendlichen, Waisen und Behinderten, die in kirchlicher Obhut waren, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren und treibt dem Christgläubigen die Schamesröte ins Gesicht. Dass es zu Missbrauch auch in weltlichen Einrichtungen gekommen ist, ist natürlich kein Trost. Als 1976 Geborener frage ich mich, wie früher mit Kindern umgegangen wurde und was der Umgang mit Kindern mit der Psyche meiner Großeltern und Eltern gemacht hat.

Der Atheist Richard Dawkins wollte den Papst bei seinem Besuch in England festnehmen lassen. Über den Allerhöchsten wird erbittert gestritten. Überall rotten sich die Gottlosen zusammen. Will das christliche Abendland denn nicht mehr christlich sein? Das Kruzifix bleibt vorerst noch in deutschen Klassenzimmern. Der Vorstoß der ersten muslimischen Ministerin in Deutschland wurde in ihrer eigenen Partei, der CDU, im Keim erstickt. Kein Wunder, die Union ist ja die Partei mit dem C! Das muss man gelegentlich dazusagen. Was sonst noch an der Partei christlich ist, fragen sich viele ihrer Mitglieder. Weswegen es auch eine Debatte gibt, ob sich rechts von der CDU eine neue Partei in Deutschland etablieren könnte. Die CDU selber ist zum Kreuz ihrer Wähler geworden. Und der Allerhöchste, der auch ein strafender Gott ist, hetzt Angela Merkel dafür eine Gruppierung auf den Hals “Katholiken in der CDU”.

Die Debatte um den Islam und seine Integrationskraft in eine säkulare, westliche Welt ist ein Dauerbrenner. Auf seit Langem unbestiegene Höhen befördert wurde diese Debatte durch den SPD-Mann und Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin. Der Mann der markigen verbalen Verletzung, der seine Beamten gern mal öffentlich als “übel riechend” geschmäht hatte, verwirrte denkende Menschen mit Vererbungsthesen und der Spekulation über ein Juden-Gen.

Das Gute an der Debatte ist, dass sie gezeigt hat, dass solche Argumente in Deutschland keine Mehrheit mehr auf sich versammeln können. Das Schlechte ist, dass es den Finger in die Wunde jedes vorhandenen Integrationsversäumnisses legt und vielleicht auch noch überflüssigerweise die Politik zu aktionistischen Taten animiert. Roma-Ausweisungen in Frankreich und immer mehr rechte Regierungsbeteiligungen in Europa befördern nicht den freien, aufgeklärten Geist, dem sich The European verschrieben weiß. Wenn wir “die anderen” sagen, trägt das schon den Keim der Spaltung in sich. Wir müssen immer zuerst “wir” sagen, denn das konstituiert die Diskursgemeinschaft. Diskurs geht nur auf Augenhöhe.

Mein persönliches Highlight

Mein persönliches Highlight des Jahres war die Auseinandersetzung mit Michael Naumann, dem neuen Chefredakteur von Cicero. Eine intellektuelle Auseinandersetzung konnten wir nicht führen, da mir Herr Dr. habil Naumann seinen Anwalt – denselben, der Gerhard Schröder wegen angeblich gefärbter Haare vertreten hat – auf den Hals gehetzt hat. Es war unsere erste Unterlassung und sehr spannend. Vor einiger Zeit wurde ich von dem Chefredakteur eines anderen Magazins gefragt, mit wem ich mir gut ein Streitgespräch über “links” und “konservativ” vorstellen könnte. Ich antwortete sofort “Michael Naumann”. Er hat leider abgelehnt. Schade. Ist Cicero eigentlich noch ein Debattenmagazin?

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um Ihnen herzlich zu danken: Für das Lesen, Kommentieren, Empfehlen von The European. Unseren Autoren, Kolumnisten und Interviewpartnern danke ich ebenfalls. Wir möchten den Stimmen das Wort geben, die wirklich von Bedeutung sind. Sie sind unserer Einladung gefolgt und haben damit den Erfolg unserer jungen Publikation begründet. Ein nicht minder herzlicher Dank geht an die Redaktion. Ebenso danken möchte ich unseren Investoren und unseren Werbepartnern.

Wir erreichen mit unseren Inhalten mittlerweile bis zu 450.000 Leser täglich. Wirtschaftlich haben wir die schwarze Null deutlich vor Augen. Und: Anfang Oktober starten wir mit einer englischsprachigen Magazin-Variante.

Wir haben gemeinsam sehr viel bewegt in unserem ersten Jahr. Ich freue mich, wenn Sie uns als Freunde gewogen bleiben!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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