Demokratie ist mehr als ein Betriebssystem. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Es heißt nicht mehr konservativ!

Es geht um Werte, die sich aus sich selbst tragen, die in diesem Sinne wertkonservativ sind. Werte, die das Ethos unserer Gesellschaft für die kommenden Jahrzehnte formen. Das ist nicht eine Frage “konservativer“ Parteien, sondern der Gemeinschaft als solcher. Werden wir es schaffen, uns solche Werte zu geben?

Die Behauptung, es gäbe eine Debatte darüber, was konservativ ist, ist falsch. Es gibt vielmehr eine grundsätzliche Debatte über die Richtung, in die unsere Gesellschaft gehen soll. Die Werte, denen sie sich verpflichtet, das Ethos, das sie lebt.

Klassische konservative Themenfelder, sagen wir die Bundeswehr, werden gerade generalüberholt. Weil es notwendig ist. Mit einem bestimmten Maß an Pragmatismus. Wird die neue Bundeswehr deshalb von den “Konservativen” nicht mehr oder von den “Linken” mehr gemocht werden? Die Agenda 2010 der SPD war mutig und pragmatisch. Sie wurde aber von einem Teil der “linken” SPD auf das Schärfste abgelehnt und bekämpft, aber von Teilen der “Konservativen” begrüßt. Was jetzt? Und: Ist die SPD eine “linke” Partei oder eine “konservative”, weil sie bei der Rente mit 67 in eine Welt zurück will, die es nur noch in der Erinnerung gibt?

Konservativ – Haltung, nicht Lebensstil

Das Konservative als Lebensstil hat sich überlebt. Wertkonservativ sein als Haltung nicht. Nur: Welche Werte wären das?

Ich möchte hier drei Werte aufführen, die ich als konservativ beschreiben würde. Welche Partei oder Gruppierung sich auch immer dieser Werte verschreibt – das müssen nicht notwendigerweise oder ausschließlich die Christdemokraten sein –, ist meiner Meinung nach eine wertkonservative.

1.) Bildung ist der Schlüssel zu allem. Bildung geschieht im Kindergarten, der Vorschule, der Schule und an der Universität. Bildung heißt nicht: auf den Arbeitsmarkt vorbereitet sein. Denn wie oft haben wir schon gehört, dass uns Lehrer, Ärzte, Ingenieure ausgehen, um drei Jahre später zu lesen, dass wir doch genug davon haben. Bildung heißt Wissen erwerben, Zusammenhänge herstellen können, unsere Kultur verstehen. Dadurch werden Transfers möglich, egal, in welchem Wissensbereich. Es klagen Juristenkammern und Medizinerverbände, dass die Uni-Absolventen wohl ihr Fach verstehen, aber keine Bildung haben, wenn es um ethische Prinzipien oder den Umgang mit Menschen geht. Bildung in diesem umfassenden Sinne ist ein konservativer Wert.

2.) Leistung erwächst aus der erworbenen Bildung. Das Wissen um das gesellschaftliche Ganze spornt an. Jeder kann einen Unterschied machen. Das geht nur, wenn man etwas leistet. Sich einbringt. Damit ist nicht mehr Netto vom Brutto gemeint. Leistung ist eine Haltung. Wir honorieren im Moment Leistung nicht ausreichend. Ja, Sie haben richtig gehört. Warum? Wer Hartz-IV-Empfänger Schnee schippen lassen will, der muss die Arbeit des Schneeschippens als gesellschaftlich wichtige ehren. Er muss die, die diese Arbeit leisten, ehren. Das gilt für die Aufsicht im Museum genauso wie für den, der Alten im Heim etwas vorliest. Das ist keine Leistung zweiter Klasse. Leistung so zu sehen, das ist ein konservativer Wert.

3.) Engagement: Gesellschaftliches Engagement, die starke Bürgergesellschaft erwächst aus Bildung und Leistung. Die, die es geschafft haben, übernehmen Verantwortung. Bitte nicht immer nach dem Staat rufen. Der Staat kann nicht alles und der Staat muss auch nicht alles können. Er setzt den Rahmen für die Ermöglichung persönlicher Entfaltung. Er garantiert die Grundrechte. Als Sozialstaat schafft er Ausgleich. Er moderiert Interessen und setzt Grenzen. Dass Eigentum verpflichtet, ist kein Gesetz, sondern ein Artikel des Grundgesetzes. Engagement ist ein Wert, der sich aus der Konstitution des Menschen ergibt: Einige sind stärker als andere. Wir leben aber nicht mehr im Naturzustand, sondern in einer zivilisierten – und in Deutschland darüber hinaus sogar – in einer christianisierten Gesellschaft. Das Engagement als Beitrag zur Überwindung des Naturzustands in einer humanen Gesellschaft zu betrachten: Das ist ein konservativer Wert.

Sich verdammt noch mal ein Ethos geben

Die Frage, auf die alles zuläuft, ist die: Wie wollen wir leben? Die meisten, die Sie fragen, werden etwas von Werten sagen. Säkulare, plurale und demokratische Gemeinschaften geben sich diese Werte. Sie sind von der Vernunft einsehbar und zugleich ein anspruchsvoller, großer Wurf. Bildung, Leistung, Engagement. Die Werte müssen aus sich die Kraft haben, sich zu bewahren – wertkonservativ sein –, weil sie selbstevident sind, nicht weil sie von einer politischen Partei verteidigt werden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Alles richtig gemacht

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