Redefreiheit ist das Leben. Salman Rushdie

Wen darf ich töten?

Wir sind eine Menschheitsfamilie. Nach dem Bezug auf die Sippe und dem Verweis auf die gemeinsame Religion leben wir nun in einem dritten Zeitalter. Der Mensch zählt etwas, weil er Mensch ist. Allein der Islam spielt nicht mit. Mit seinem Festhalten an der gesellschaftlichen Unterteilung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen bleibt er ein vormodernes Gebilde.

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Das fünfte Gebot lautet: Du sollst nicht töten. Es steht im 2. Buch Mose. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum wenige Seiten weiter im heiligen Buch von Juden und Christen das Töten fröhliche Urständ feiert und Unschuldige massakriert werden? Meine Antwort darauf ist: weil die Adressaten des Gebots die göttliche Weisung nur auf die Angehörigen ihres Stammes bezogen. Der andere, der Fremde, der darf weiterhin getötet werden. Der Nächste – er lebt nur in meiner Sippe.

Das Christentum setzt eins drauf auf das mosaische Gebot. Die Frage des Pharisäers “Wer ist mein Nächster?” beantwortet Jesus mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk, 10,25-37), einem zentralen Element der Lehre des Nazareners, das zur Basiskenntnis über das Christentum gehört, zur Lektüre auch zu empfehlen für Nicht-Christen und Atheisten. Jesus weitet den Kreis über die eigene Sippe hinaus. Der Samariter, das war in den Augen der Juden kein Jude. Die Samariter galten als Ketzer, mit denen man sich nicht abgeben durfte. Er ist es aber, der den verletzten und halb Totgeschlagenen verarztet.

Drei Stufen: Stammesbande, Religionsgemeinschaft, Menschheitsfamilie

Der neue Weg, wie das Christentum am Anfang in Jerusalem genannt wurde, weitet das Gebot “Du sollst nicht töten” über die Grenze des Stammes. Jesus, so schreibt Paulus, reißt die Trennwand zwischen Juden und Heiden ein. Die Grenze nach außen bildet nun die nicht christliche Welt. Innerhalb der Grenzen sind “alle einer in Christus” (Gal. 3,28). Auch der Islam übersteigt die Grenzen der Stammeswelt in seinem neuen Bekenntnis: Die umma al islamiyya, die Gemeinde der Gläubigen, ist weltumspannend wie das universelle Christentum. Der gemeinsame Glaube bindet die jeweiligen Gruppenangehörigen aneinander. Das Christentum wird Reichskirche, die Völker, die den Islam annehmen, nehmen das Arabische an und damit eine neue, Einheit stiftende Kultur und Lebensweise. Zuerst bindet das Band der Familie, dann das Band der Religion.

Das “Alle Menschen werden Brüder”, das Schiller in seiner Ode an die Freude (eigentlich Ode an die Freiheit) formuliert, markiert am treffendsten den dritten Schritt, in dessen Wirkkreis wir uns heute befinden: Es wird das Band der Menschheitsfamilie beschworen. Die dem Menschen von Geburt an zukommende Freiheit ist hier das verbindende Element. Dort, wo sie nicht herrscht, muss sie zur Geltung kommen. Der Gesellschaftsvertrag von Rousseau beginnt mit der Beschreibung des Status quo:

Größer als Sippe und Glaube

“Der Mensch ist frei geboren und liegt überall in Ketten.” Das Zeitalter der Revolutionen schafft eine säkulare Welt, in der Herrschaft nicht mehr absolut ist und Untergebenheit kein Schicksal oder Wille einer höheren Macht. Aus der Freiheit des Christenmenschen wird die Freiheit des Bürgers. Was bedeutet das für das Gebot “Du sollst nicht töten”? Es gilt heute absolut, unabhängig davon, wie stark der Sippenverbund ist oder wie stark der Glaube.

Stimmt das “Seid umschlungen, Millionen”, sind wir uns als Menschen näher gekommen? Zwar ist uns das, was direkt um uns herum passiert, immer noch näher als das Ferne und Fremde. Dennoch spenden wir Rekordsummen nach einem Erdbeben auf Haiti oder einem Tsunami in Südostasien. Die Erderwärmung versetzt uns in Mitteleuropa nicht in Vorfreude, weil wir hier dann bei uns gewachsenen Chianti genießen können, sondern in Sorge, weil wir zur Empathie mit den Menschen in Bangladesch in der Lage sind, denen eine Erwärmung der Atmosphäre apokalyptische Überschwemmungen bringen und ihren Lebensraum nehmen wird.

Das Projekt Menschheitsfamilie funktioniert. Das Konzept ist rational, es ist nachvollziehbar. Es lebt für Menschen mit Gemüt besser mit etwas Pathos, kann aber auch für kalkulierende Geister in einem Kosten-Nutzen-Schema mithalten. Der Nächste, das ist jetzt nicht mehr mein Blutsverwandter oder mein Glaubensbruder. Es ist jeder Mensch. Diese Einsicht markiert den Beginn der Moderne.

Freiheit gegen Dogma

Der Islam ist in diesem Sinne eine vormoderne Religion. Er kennt, in seiner Heiligen Schrift (Schritt zwei), eine gewisse Schutzbedürftigkeit von Juden und Christen an. Er leitet diese aber religiös her (Juden und Christen haben eine Heilige Schrift empfangen). Um unsere Menschenrechtserklärung (Schritt drei) macht die islamische Welt noch einen Bogen. Im Jahr 1985 haben Vertreter von Ländern dieser Hemisphäre in Kairo eine eigene Charta für islamische Menschenrechte verfasst und unterschrieben.

Das Wohl und Wehe von Nicht-Muslimen in weiten Teilen der islamischen Welt hängt derzeit noch von der Auslegung des Koran durch den Imam im Dorf, die Religionsgelehrten an der Universität, den Willen der herrschenden Elite ab. Es gibt keine unverbrüchliche, rechtliche Garantie auf ein unversehrtes Leben. Es gibt Voll-Bürger (Muslime) und minderwertige Bürger (Nicht-Muslime). Religiöse Minderheiten leben schlecht unter islamischer Herrschaft, gleich, ob in der Türkei oder in Ägypten oder andernorts.

Warum ist das so? Vielleicht, weil Christen und Muslime in der Geschichte ihrer Begegnung nie einander Samariter waren? Gibt es einen Weg für Muslime von Level zwei nach Level drei? Nach dem Dreißigjährigen Krieg schlossen Protestanten und Katholiken Frieden unter der Maßgabe “etsi Deus non daretur” – als ob es Gott nicht gäbe. Das kann der Weg sein. Muslime müssen dann nicht ihren Glauben aufgeben. Sie müssen nur erkennen, dass man mit ihm nicht alle Fragen beantworten und alle Probleme lösen kann. Der Glaube an die Freiheit ist schwieriger als der Glaube an das Dogma.

Leserbriefe

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    Thilo Specht – 04.08.2010 - 12:18

    Nee, das kann ich so nicht unterschreiben. Da ist zu viel zu lapidar. Quellenbelege sind angebracht, gerade bei einem solchen Thema.

    Beispiel: “Das Christentum wird Reichskirche” – diese Aussage ist nicht präzise. Wie viele Christen wurden denn im Lauf der Jahrhunderte von ihresgleichen umgebracht, weil sie dem falschen Orden angehörten?
    Was ist mit Gegenpäpsten, dem Gang nach Canossa?

    Die (Reichs-) Kirche war und ist auch immer ein Machtapparat. Früher mehr denn je, mit der Legitimation, weltliche Herrscher einzusetzen.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zum Islam: Schon damals lebten europäische Gesellschaften durchaus die Unterscheidung religiöser und weltlicher Belange, auch wenn die Legitimation für alles vom Papst ausging.

    Der Islam kennt eben jene Trennung nicht – er ist eine politische Religion, der Glauben politisiert. Das ist auch der Grund, warum er auch heute noch wie selbstverständlich instrumentalisiert wird.

    Die Menschenrechte und die Grundrechte der Bundesrepublik sind keine Erfindung der katholischen Kirche oder welcher kirchlichen Institution auch immer.

    Im Gegenteil – wie folgendes Statement des Kirchenrechtlers Norbert Lüdecke zeigt:

    “Die katholische Kirche akzeptiert grundsätzlich staatliches Recht. Sie [gemeint ist die Kirche, Anm. d. V.] versteht sich allerdings als verbindliche Interpretin höherrangigen Rechts, das sie als von Gott gegeben ansieht.”
    Quelle: http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/15/0,3672,8063375,00.html

    Es ist arrogant und anmaßend, zu glauben, dass es einer “christlichen” Kultur zu verdanken ist, dass es heute Menschenrechte gibt. Gerade das Zölibat zeigt doch, in welchem Zeitalter die katholische Kirche hängen geblieben ist.

    Menschenrechte, Demokratie, das positive Menschenbild jenseits der Erbschuld – das verdanken wir gerade der Loslösung vom Religiösen. Das wird, beim zitierten Rousseau, auf das Naturrecht reduziert und ist damit keine Frage kirchlicher Institutionen mehr, sondern wird grundsätzlich jedem Menschen zugestanden.

    Diese Abstraktion ist die eigentliche Leistung, die die Kirche seinerzeit massiv bekämpfte (natürlich).

    Eine solche Loslösung ist im Islam ungleich schwerer – denn er kennt die Trennung von Religion und Politik nicht. Als “Christ” (ich bin schon vor einiger Zeit aus diesem Club ausgetreten) sollte man jedoch tunlichst vermeiden, mit dem Finger auf den Islam zu zeigen. So groß sind die Unterschiede bei einem genaueren Blick nämlich nicht zwischen diesen Weltreligionen.

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    Hans – 14.01.2011 - 08:19

    Menschenrechte haben also nichts mit dem chritl. Glauben zu tun? Da gebe ich ihnen Recht! Seit Adolf Hitler weis man, daß diese von den Politikern frei vergeben werden, je nach ihrem Gutdünken. So wurde ich z.B. vor gut drei Jahren zum Krüppel geschlagen, von einem gewissen Georg Schieder. So und nun schauen sie mal welche Politiker es in der Oberpfalz gibt, sie werden bestimmt auf ein paar mit dem Namen Schieder stoßen. Dann wissen Sie auch was hier läuft, ich werde von den Richtern und Staatsanwälten nur verarscht. Diese Verbrecher versuchen mit allen Mitteln eine Bestrafung dieses Schieder und seiner beiden Begleiter zu verhindern.

    Das sind wohl die Menschenrechte die sie so toll finden, und ganz ohne christl. Glauben. Würde jeder nach den Geboten der Kirche und seinem christl. Glauben Leben, sollte so etwas nicht vorkommen.

    mfg

  • Theeuropean-placeholder
    Hans – 14.01.2011 - 08:20

    Menschenrechte haben also nichts mit dem chritl. Glauben zu tun? Da gebe ich ihnen Recht! Seit Adolf Hitler weis man, daß diese von den Politikern frei vergeben werden, je nach ihrem Gutdünken. So wurde ich z.B. vor gut drei Jahren zum Krüppel geschlagen, von einem gewissen Georg Schieder. So und nun schauen sie mal welche Politiker es in der Oberpfalz gibt, sie werden bestimmt auf ein paar mit dem Namen Schieder stoßen. Dann wissen Sie auch was hier läuft, ich werde von den Richtern und Staatsanwälten nur verarscht. Diese Verbrecher versuchen mit allen Mitteln eine Bestrafung dieses Schieder und seiner beiden Begleiter zu verhindern.

    Das sind wohl die Menschenrechte die sie so toll finden, und ganz ohne christl. Glauben. Würde jeder nach den Geboten der Kirche und seinem christl. Glauben Leben, sollte so etwas nicht vorkommen.

    mfg

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    Alexander Görlach – 04.08.2010 - 12:32

    Sehr geehrter Herr Specht,

    Sie greifen den Gedanken meiner Kolumne in der Weise auf, wie ich es gemeint habe: Der dritte Schritt, der über die Glaubensgemeinschaft hinein in die Menschheitsfamilie führt, ist eben einer, der ohne religiöse Legitimation funktioniert.

    Ebenso sind wir einer Meinung, dass der Islam nicht die Trennung von Staat und Religion kennt, so wie es sie im Christentum gibt.

    Die Religion des Nazareners war bis zur Mailänder Toleranzakte im Jahr 313 eine verfolgte Religion im Römischen Reich, das Christentum in Opposition zur staatlichen Macht – die es dennoch anerkannte – und ständig herausgefrodert durch die hellenistische Philosophie. Das Christentum tritt so anders in die Geschichte ein, als der Islam, zu dessen ureigenstem Wesen die militärische Expansion auf dem Pferd und mit dem Schwert gehört. Der Islam erschafft eine neue Gesellschaftsordnung, das Christentum findet eine vor, die des Römischen Reiches, dies es schließlich überlebt.

    An einer Stelle sind wir entscheidend im Dissens: Der christliche Individualismus, die Bedeutung des Individuums, findet Eingang in unsere, nunmehr säkulare, Vorstellung des Menschen und bildet die Grundlage für unseren Menschenrechtskanon. Ob dass mit, gegen, ohne oder für die Amtskirche geschehen ist, spielt an dieser Stelle meines Erachtens keine entscheidende Rolle. Das Christentum als geistige Grundlage Europas ist so groß, tief verwurzelt und bedeutend, als dass es nur allein dem Papst und den Bischöfen gehören könnte.

    Beste und herzliche Grüße
    Ihr
    Alexander Görlach

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    Ralf Köhl – 04.08.2010 - 12:47

    Es ist nun einmal unbestritten und nicht zu leugnen das die Religionen, egal ob Judentum, Islam oder Christentum missbraucht werden.Das setzen sich machthungrige,egoistische Kleriker vor die heiligen Schriften und beginnen sie zu deuten, und zwar so, das das von ihnen gewünschte Ergebnis rauskommt.Um das Volk in die gewünschte Denkensweise zu bringen wird mit der Hölle gedroht, das Paradies versprochen, und wonach alle hecheln, das ewige Leben, abgestimmt natütlich auf die Bedürfnisse der Gruppe die man gewinnen will.Vom ewigen Frieden über Jungfrauen bis zum Sitzplatz neben Gott wird alles geboten wonach der Mensch sich sehnt,Zuerst begannen die Moslems den Islam mit dem Schwert zu verbreiten, kamen dabei über Nordafrika bis Spanien.Das rief die Christen auf den Plan, die Folge waren die Kreuzüge und danach die Christianisierung Südamerikas was das Leben von 90% der Ureinwohner kostete. Drauf gepupt wenn dadurch der Siegeszug des Kreuzes in der neuen Welt gesichert wurde. Mittlerweile erhebt der jüdische Glaube sein Recht, der einzig wahre zu sein, kann man doch aus den Schriften deuten das nur sie die Kinder des wahren Gottes sind und nur sie die Auserwählten denen das Paradies zusteht.Bleibt die Frage nach dem Töten? Niemand, ist die klare Antwort die aus den heiligen Schriften,dem Koran und Talmut hervorgeht. Alle andersgläubigen ist die Antwort der Deuter,Die Unwissenheit, die Angst vor dem Tod und was danach kommt, lässt die Menschen den Deutern lauschen und ihre todbringenden Thesen folgen, bekommen wir doch dadurch ewiges Leben.Um es ganz krass auszudrücken, wir sehen uns alle in der Hölle wieder.

  • Theeuropean-placeholder
    Thilo Specht – 04.08.2010 - 12:55

    Hallo Herr Görlach,

    “Der christliche Individualismus, die Bedeutung des Individuums, findet Eingang in unsere, nunmehr säkulare, Vorstellung des Menschen und bildet die Grundlage für unseren Menschenrechtskanon.”

    Einspruch! Wenn ich nicht völlig daneben liege, war Thomas Hobbes auch Christ und geprägt von den klerikalen Unruhen seiner Zeit.

    Die Ausgangsposition seiner Überlegungen ist eine christliche – mit dem entscheidenden Unterschied zu Rousseau, Locke und Co., dass sein Menschenbild ein negatives ist. Er greift das Motiv der Erbsünde auf.

    Christlicher Individualismus? Hobbes Leviathan sagt etwas völlig anderes.

    Ja, das Christentum ist sicher eine Wiege der Menschenrechte. Wie es auch die Wiege der Positionen von Menschenrechtsgegnern war und ist. Damit ist die Herleitung der Menschenrechte aus dem Christentum obsolet, die Korrelation geht eher gegen 0 als 1.

    Viele Grüße

    Thilo Specht

  • Theeuropean-placeholder
    Alexander Görlach – 04.08.2010 - 15:27

    Lieber Herr Specht,

    Sie werden mir verzeihen, dass ich nicht an Thomas Hobbes gedacht habe, als ich von dem Individualismus gesprochen habe, der der Botschaft des Neuen Testaments entspringt.

    “Das” Christentum ist in Europa nicht nur eine Sache des Klerus, sondern wirkt auf allen “Layern” unserer Gesellschaft: in Kunst, Kultur, Politik, Wirtschaft, Ethik. Hierbei geht es also nicht um Einflussnahme durch Akteure der Kirchen, sondern durch Überzeugungen, die aufgrund ihrer Herkunft und ihres Alters und durch ihre flächendeckende Verbreitung in der Gesellschaft Akzeptanz für sich gewonnen haben und immer noch gewinnen. So gesehen ist das christliche Erbe und die christliche Gegenwart immer noch das prägendste Element in unserer Gesellschaft – neben anderen natürlich.

    Beste und herzliche Grüße
    Ihr
    Alexander Görlach

  • Theeuropean-placeholder
    Thilo Specht – 04.08.2010 - 16:34

    Hallo Herr Görlach,

    das Christentum als Wurzel von allem – eine Wunschvorstellung.

    Was Sie hier proklamieren, ist doch folgendes: Alles Pluralistische, Individuelle, Gute, Schöne, Wahre findet seinen Ursprung im Christentum (den anderen Krempel vergessen wir einfach mal). Quasi ein Plädoyer für das Leistungsschutzrecht des Neuen Testament.

    Das Witzige ist jedoch: Wir begreifen Geschichte immer nur im Kontext unserer eigenen Zeit und deren kulturellen Ausprägungen. Da lässt sich dann sehr einfach eine Herkunft konstruieren. Nationalisten machen das ja auch gerne, mal eben “Deutschland” 2.000 Jahre nach hinten transferieren.

    Nur: Ich kann heute sehr gut in Europa aufwachsen, leben und arbeiten, ohne jemals mit Religion oder religiösen Moralvorstellungen in Berührung zu kommen. Und genau das ist das “Christentum”: Religiöses Brauchtum.

    Aus Sicht des Christentums ist ein Nicht-Christ auch ein Heide. Klar, wir haben den trotzdem alle lieb und so, aber es ist ein Heide.

    Das Christentum als Kultur hat sicher unsere Vorstellung von den Menschenrechten geprägt – diese sind jedoch emanzipiert und können losgelöst davon betrachtet werden, denn sie sind universell.

    Ebenso ist es mit den Wertesystemen und Institutionen, die Sie “Layer” nennen. Überall wird sich etwas aus dem neuen Testament finden – ein bisschen Brot brechen hier, ein bisschen Backe hinhalten da.

    Jedoch lassen sich nicht alle Normen, Ideen, Werte und Institutionen nur aus dem Christentum ableiten – vielmehr (viel viel mehr!) sind sie Produkte unserer Zeit.

    Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte etwa erfolgte 1948 unter dem unmittelbaren Eindruck der verheerenden Auswirkungen des 2. Weltkriegs (den, btw., das Christentum nicht verhinderte).

    Viele Grüße

    Thilo Specht

  • Theeuropean-placeholder
    Ralf Köhl – 04.08.2010 - 13:48

    @ A.Görlach/T.Specht. Es ist unbestritten, das im Christentum sowie auch im Koran so etwas wie Ur-Menschenrechte enthalten sind.Man muss bedenken wann sie verfasst wurden. Die Grundbedürfnisse der Menschen waren damals entschieden anders als Heute.Da das Töten von Schwächeren zu jener Zeit an der Tagesordnung war macht das Gebot du sollst nicht Töten einen Sinn.Wenn es ein göttliches Gebot ist, ist es unumstösslich und durch nichts aufzuheben.Jede andere Interpretation wäre ein Verstoss gegen Gottes Wort.

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