Der Euro wird kommen, aber er wird keinen Bestand haben. Alan Greenspan

Nein zur Menschenselektion

Der abendländische Mensch hielt sein eigenes Entstehen für etwas Besonderes. Die Mechanismen der Menschwerdung rangen ihm Bewunderung ab. Das ist vorbei: Aus dem Wunder Mensch wird das Projekt Embryo.

Wir verändern die Codierung unserer Kultur. Wir verändern den Menschen. Präimplantationsdiagnostik ist nicht nur eine medizinische Maßnahme zur Verhinderung von schweren Erbkrankheiten. Sie öffnet Tür und Tor für eine vorgeburtliche Selektion im Labor. Der Mensch ist dann nicht mehr ein aus der Natur hervorgegangener, sondern ein von anderen Menschen produzierter.

Die Unverfügbarkeit des Menschen, seine Freiheit vor dem Zugriff durch andere ist verbrieftes Grundrecht. Wir behaupten: Dieses Grundrecht gilt universell. Es gilt für alle Menschen, es gilt an allen Orten.

Humanität überwindet die Selektion der Natur

Die Unverfügbarkeit einer menschlichen Existenz beginnt mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Ich meine das leidenschaftslos: Weder davor noch danach lässt sich ein eindeutigerer Moment definieren, der besser den Beginn menschlichen, individuellen Lebens beschreiben und festsetzen kann. Oder hat der Mensch erst einen Wert, wenn er sich erfolgreich im Leib der Mutter eingenistet hat? Nein, er hat ihn schon vorher. Wir haben den darwinistischen Selektionsgedanken in unserem Menschenbild aufgehoben. Das ist ein Mehrwert an Zivilisation. Wir anerkennen die Kraft der Natur, die auch ausliest. Gleichzeitig gilt das Prinzip der Humanität auch für den, der es nicht schafft. Empathie als Siegel menschlicher Einzigartigkeit.

Alle können sich dem beugen, weil wir alle einmal in dieser Situation waren. Alle starten wir gleich, jeder Embryo sollte nichts gegen sich haben als mathematische Verhältnisse der natürlichen Selektion und alles für sich haben was menschliche Empathiefähigkeit hergibt!

Abtreibung ist verboten, aber straffrei. Hier erkennt der Gesetzgeber an, dass ein Individuum geschädigt, will sagen, getötet wird. Es kommt hier zu einer Güterabwägung beispielsweise mit dem Leben und der psychischen Gesundheit der Mutter. Ein Abtreibungsgegner mag das nicht gut heißen. Abtreibung ist aber etwas anderes als PID.

Grüße aus der Petrischale

Schwangerschaftsabbruch bricht etwas ab, PID lässt etwas erst gar nicht zu. Abtreibung hat nie den Ruch des Unerträglichen verloren, die PID klingt nach einer aus vollem Herzen zu bejahenden therapeutischen Maßnahme. Es ist sogar – und bitte, so was klingt von der Warte des Nicht-Betroffenen und theoretisch Argumentierenden immer vermessen – “besser”, sich für den Abbruch der Schwangerschaft aus bestimmten für die Eltern legitimen Gründen zu entscheiden (etwa weil das Kind eine sehr schwere Behinderung haben wird), als in der Petrischale zu verhindern, dass Kinder mit bestimmten Merkmalen geboren werden können.

Denn: Wer soll auswählen, welche Krankheiten für einen Embryo nicht mehr zumutbar sind. Eine Kommission? Wer wird verhindern, dass aus dem therapeutischen Ansatz kein ästhetischer oder rassistischer wird? Bevor wir die PID beklatschen, müssen diese Fragen überzeugend beantwortet sein. Ich denke, niemand kann diese Antworten im Moment geben. Also sollten wir die PID bis auf Weiteres verbieten.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    – 11.07.2010 - 09:25

    Ist eher zu Verantwortung einen Menschen bewusst aufgrund einer Behinderung von anderen Abhängig zu machen?
    Das er sein ganzes Leben lang auf andere Menschen angewiesen sein wird ?
    Sich je nach Behinderung nicht einmal ein selbstbestimmtes Leben führen kann ?

  • Theeuropean-placeholder
    christian – 11.07.2010 - 11:57

    Jeder Mensch ist sein Leben lang von anderen Menschen abhängig. Wenn Sie die Abhängigkeit eines behinderten Menschen für “schlimmer” halten, ist es meiner Ansicht nach nicht weit zur Bewertung von Leben mit Behinderung als “minderwertiges” Leben. Ob ein Mensch glücklich lebt, hängt nun wirklich nicht davon ab, ob er mit oder ohne Behinderung geboren wird.

  • Theeuropean-placeholder
    brigitte – 05.01.2011 - 15:10

    da kann ich dir nur zustimmen..leben soll nicht in einer petrischale beginnen.

  • Theeuropean-placeholder
    Volker Weyer – 11.07.2010 - 12:24

    Sehr geehrter Herr Stroppel,

    vorab als Leseempfehlung: “Schöne neue Welt” von Aldous Huxley.

    Sehr schön – und bemerkenswert, wie Sie sich schon pränatal Gedanken darüber machen, besser denjenigen, die es betreffen könnte, die Gedanken abnehmen, ob sie nach der Geburt irgendjemandem zur Last fallen könnten.
    Natürlich, das muß ja nicht sein, von dieser Gewissenszerknirschung kann man den behinderten Menschen schnell befreien, indem man ihn erst gar nicht zuläßt, dann braucht er sich um Abhängigkeiten gar keine Gedanken zu machen, da er erst gar nicht dazu kommt.
    Ob man nun in Hadamar ein paar Jahre nach der Geburt lebensunwertes Leben von seinen Leiden – und der Gefahr, daß es sich fortpflanzen könnte, erlöst, oder auf Rampen in Lagern in Polen selektierte, oder vor der Geburt prüft, ob da nicht irgendein Problemchen sein könnte, das zu “Abhängigkeiten”, “Angewiesenheit auf andere Menschen”, “Behinderung am selbstbestimmten Leben” führen könnte – die dumme Arroganz des vermeintlich Gesunden, der sich anmaßt über andere zu entscheiden, ist die gleiche. Im vorliegenden Falle ist diese dumme Arroganz aber leichter ohne schlechtes Gewissen oder historische Vorbelastung zu ertragen, da – wie immer – im Namen der Wissenschaft zu einem Zeitpunkt geprüft wird, da der Betroffene sich nun absolut noch nicht wehren kann.
    Fragen Sie mal einen “Behinderten am selbstbestimmten Leben”, dem Sie nachträglich mit der Begründung:“Glück gehabt, daß der medizinische Fortschritt noch nicht soweit war” rückwirkend – aber immerhin doch fürsorgend – nicht nur die Entscheidungsmöglichkeit, sondern das Lebensrecht absprechen, was der dazu sagt.

    Wie vieles, ist auch dies Glaubenssache, Frage, welchen ethischen, philosophischen, wissenschaftlichen Standpunkt man einnimmt. Ich habe meinen. Die provokanten Vergleiche sollten jedoch ein wenig sensibel dafür machen, wie dumm und arrogant es ist, zu argumentieren, daß es dem “kranken” ungeborenen Leben vielleicht zur Last fallen könnte, abhängig, behindert, angewiesen zu sein. Wie wollen Sie das wissen. Wo ist der Maßstab, was krank und behindert in diesem, Ihrem Sinne ist?
    Schauen Sie sich die vermeintlich Gesunden an, die über diese Erde lustwandeln – wieviele davon führen ein freies, selbstbestimmtes Leben ohne Abhängigkeit, ohne auf Dritte angewiesen zu sein – niemand. Es ist nur eine Frage des Grades – und wo ist Ihre Meßlatte?

    Und am anderen Ende – die Alten: Krank, schwach, abhängig, unselbständig. Was machen Sie mit denen? Aber das ist doch was ganz anderes.

    Ihnen ist zu wünschen, daß Sie in welcher Zeit auch immer nicht alt, schwach, unmündig irgendwelchen jungen, gesunden, “selbstbestimmten” in die Hände fallen, die genauso dumm und arrogant über andere hinwegdenken.

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name – 11.07.2010 - 12:19

    Seit dem Anfang des 19. Jhs. überrollen “-ismen” in zunehmender Zahl mit verheerenden Folgen die Welt. Wenn einer dieser “-ismen” untergeht und seine finsteren Seiten zutage treten, wird er dämonisiert und seine Vertreter kriminalisiert – wobei stets vollkommen übersehen wird, dass sogar die strammsten Verfechter eines jeden “-ismus” ihre Taten aus ihrer eigenen Sicht nicht in verbrecherischer Gesinnung verübten, sondern zum Wohle der “Menschheit”, der “arischen Rasse”, des “Proletariats” etcpp.
    Mit großer Energie wird immer wieder versucht, das Paradies auf Erden zu begründen, aber heraus kommen am Ende nichts als Höllen.

  • Theeuropean-placeholder
    Christian Schmidt – 11.07.2010 - 19:27

    Bei einer Abtreibung wird ein vitaler Embryo oder Fötus in utero getötet (bei sog. Spätabtreibungen mit einer Kaliumchlorid-Injektion ins Herz, um Lebendgeburten unter der Abtreibung zu verhindern.) Das Ganze in einem bisweilen schwer traumatisierenden Eingriff für die betroffene Frau. Inwieweit ist das “besser”, als eine Zygote von acht Zellen in einer Petrischale zu verwerfen?

  • Theeuropean-placeholder
    Christian Schmidt – 11.07.2010 - 19:32

    “Wer soll auswählen, welche Krankheiten für einen Embryo nicht mehr zumutbar sind. Eine Kommission? Wer wird verhindern, dass aus dem therapeutischen Ansatz kein ästhetischer oder rassistischer wird?”

    Wer? Genau der Gleiche, der verhindert, dass Alkohol an Kinder verkauft wird. Dass Rothaarige als Hexen verbrannt werden. Dass CF-Patienten zwangsterilisiert werden. Dass bekennende Schwule verhaftet werden.

    Wer das verhindert? Wir. Wir alle. Menschen mit ethischem Bewußtsein.

  • Theeuropean-placeholder
    Christian Schmidt – 11.07.2010 - 19:33

    “Die Unverfügbarkeit einer menschlichen Existenz beginnt mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle.”

    Nein.

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