Demnächst wird die Gleichstellungsrichtlinie erzwingen, dass der nächste Bundeskanzler eine Frau wird. Edmund Stoiber

Geiles Gymnasium

Im deutschen Schulsystem ist einiges im Argen: 40 Prozent eines Hauptschuljahrgangs machen keinen Abschluss. Die Fähigkeiten der Schüler unterscheiden sich radikal zwischen Ost und West, zwischen CDU- und SPD-geführten Bundesländern. In Ermangelung eines Konzepts für eine neue Bildungspolitik wird das Gymnasium zum Feind erklärt und soll in einem Einheitsschultyp aufgehen.

Bildung ist das einzige ideologische Thema, das weite Teile der Bevölkerung in Aufruhr und Rage versetzen kann. Längere Laufzeiten für AKWs? Na ja, nicht besonders beliebt. Aber ein Aufstand? Nie! Hotelgewerbe-Entlastung in Zeiten klammer Kassen? Ein laues Lüftchen. Das Maximum an öffentlicher Geißelung hier: Schaut her, die Mövenpick-Partei. Mehr nicht. Wenn aber die Grundschule von vier auf sechs Jahre Dauer verlängert werden soll, fegt ein Bürgerentscheid über die Stadt Hamburg hinweg, der die CDU bei der nächsten Wahl zum Stadtparlament ordentlich Stimmen kosten wird. Wenn das Gymnasium von neun auf acht Jahre verkürzt wird, kostet das die CSU die Alleinherrschaft im Bayernland. So sieht es aus.

Nichts hat in der Schuldebatte so sehr zur Emotionalisierung getaugt wie das Drohbild der Gesamtschule. In NRW soll dieser Schultyp nach dem Willen der rot-grünen Minderheitsregierung aus dem Dornröschenschlaf geküsst und mit Hilfe der Linkspartei wiederbelebt werden. Die SED-Nachfolgepartei wird sich leicht für die egalitäre Bildungsform begeistern lassen.

Burberry gegen Ballonseide

Schon zu meiner Schulzeit ging die rheinland-pfälzische SPD-Kultusministerin Götte auf Werbetour für die Gesamtschule. Sie blitzte damit an meiner Schule, der städtischen Lateinschule, dem Humanistischen Rudi-Stephan-Gymnasium in Worms, ab. Ich habe noch gut einige meiner Lehrer im Ohr, die bei der großen Debatte in der Sporthalle nicht hinter dem Berg hielten, für die SPD zu stimmen, aber die Gesamtschule, die treibe die Gleichförmigkeit auf die Spitze. Nichts, aber auch gar nichts hat sich an der Debatte um die Schulen seitdem geändert: Das Gymnasium gilt bei seinen Gegnern immer noch als Hort, an dem sich die Bessergestellten vom Rest der Gesellschaft abkoppeln. Die Hauptschule ist in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung immer noch der vermaledeite Ort, in dem die Mehrheit der Schüler auf eine Rolle als vom Sozialstaat alimentierte Feinrippunterhemdenträger vorbereitet wird. Burberry gegen Ballonseide.

Die Datenlage ist verwirrend: Mal heißt es, die deutsche Gesellschaft sei in Sachen Bildung so undurchlässig wie eine Betonwand. Auf der anderen Seite heißt es, das Negativbeispiel eines ungebildeten Menschen in Deutschland von einst – das katholische Mädchen vom Lande – gäbe es schon längst nicht mehr, die Gesellschaft sei durchlässiger geworden. Wem soll man da Glauben schenken?

Die Sechs in Chemie mit der Eins in Reli ausgeglichen

Von der Spitze der Gesellschaft droht kein Ungemach. Die Abschaffung des Gymnasiums verbessert die Lage nicht. Denn die Behauptung, dass der, der in Englisch gut ist, vielleicht in Mathe schlechter ist und daher einen anderen Schwierigkeitsgrad im Unterricht benötigt, greift ins Leere. Die Möglichkeit, Ausgleich zu schaffen, gibt es doch schon lange: Unzählige Male habe ich meinen Sechser in Chemie mit dem Einser in Religion ausgeglichen. Es gibt aber bei Schülern ein allgemeines Niveau, das sie zum Besuch der einen oder anderen Schule befähigt. Das fängt schon vor dem Besuch der Grundschule an. Bislang ist es so, dass der, der den untersuchenden Medizinern noch nicht reif genug erscheint, nicht etwa auf einen anderen Typ Grundschule geschickt wird, sondern einfach ein Jahr warten muss, in der Hoffnung, dann so weit zu sein.

Schulen sollen den Menschen aber bilden und nicht für effiziente und gerade benötigte Produktionsprozesse fertigen. Schule bedeutet Befähigung zur Freiheit, Erlernen von kritischem Denken. In der Schule spätestens lernen wir auch, dass Menschen mit unterschiedlichen kognitiven Begabungen ausgestattet sind. Daher ist ein mehrgliedriges System nötig, um dem Rechnung zu tragen. Wir brauchen eher mehr Schultypen und Abschlüsse als weniger. Diese müssen gesellschaftliche Anerkennung erhalten. Jemand, der aus einer bildungsfernern Familie kommt und einen Abschluss macht, in der Schule oder im Beruf, der verdient mehr Anerkennung, weil er es ohne positive Rollenbilder geschafft hat, sich aus sich selbst heraus zu motivieren. Da müssen wir hin. Wir können es uns nicht erlauben, dass 40 Prozent eines Hauptschuljahrganges ohne Abschluss die Schule verlässt. Da geht Talent verloren. Es geht aber nicht verloren, weil zwei Straßen weiter zur gleichen Zeit die Schüler am Gymnasium ihr Abitur machen.

Bildung verpflichtet

Warum arbeiten sich dennoch so viele am Gymnasium ab? Vielleicht weil der Wunsch nach Gleichheit bei den Deutschen besonders verbreitet ist? Wir reden gerne und viel von der deutschen Mittelschicht. Doch dort wird darauf geachtet, dass der andere ja nicht besser ist in irgendetwas, dass er nicht länger und weiter weg in Urlaub fährt und dass er kein größeres Auto hat als man selbst. Häufig bestimmt Neid das Leben dort. Diese Todsünde macht die Mittelschicht zu einer Spießerhölle.

Der Kampf um das Ende des Gymnasiums ist ein Schaukampf. Er löst kein Problem. Er spielt mit dem Ressentiment gegenüber „denen da oben“. Klassenkampf im Bildungswesen. Mein ehemaliger Schulleiter gibt seit seiner Pensionierung Unterricht für Kinder aus bildungsfernen Familien. Es gibt viele Projekte, die aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft kommen, die versuchen und helfen, diesen Kindern zu zeigen, was Bildung bedeutet und dass man es mit Bildung schaffen kann, zu Erkenntnis, Anerkennung und einem bestimmten Maß an Wohlstand zu kommen. Bildung verpflichtet. Das habe ich am Gymnasium gelernt.

Leserbriefe

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    Markus Wolsiffer – 07.07.2010 - 10:58

    Ein absolut treffender Artikel! Es ist (leider?) ein Wesenszug des Föderalismus, dass die Bildungslandschaft derart zerfahren ist. Mit der Abschaffung der Hauptschule in Rheinland-Pfalz geht beispielsweise das Problem einher, dass viele Schüler, die eigentlich auf die Realschule gegangen wären, dann doch eher auf das Gymnasium wechseln, weil sie ein schlechteres Lernklima befürchten. Dann sind sie u.U. auf dem Gymnasium überfordert ….und so geht’s weiter…keine gute Perspektive – für alle Beteiligten.

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    – 07.07.2010 - 15:29

    Meines Erachtens ist ein ganz wesentlicher Aspekt in der Debatte die Arroganz der Abitur-Besitzer …
    Die linken Ideologen, die eine Abschaffung des differenzierten Schulsystems fordern, sind meistens abgehobene, selbsternannte “Intellektuelle”, die glauben, ein Bildungsabschluß, der nicht Abitur und Hochschulabschluß einschließe, sei minderwertig.
    Anstatt Haupt- und Realschulabschlüße wieder zu schätzen als Möglichkeiten, seine unterschiedlichen Begabungen zu verwirklichen, sollen Menschen, die z. B. hervorragende Handwerker wären, mit einem für sie völlig wertlosen BWL-Bachelor durch die Welt laufen. So macht man dann natürlich auch den Mittelstand kaputt, der die Basis und das Rückgrat unserer ungewöhnlich vitalen Volkswirtschaft ist.
    Noch einmal: Das Problem ist die Arroganz der Menschen, die glauben, ihr Hochschulabschluß sei mehr wert als der Quali oder die Mittlere Reife einer Facharbeiterin, eines Verkäufers oder einer Handwerkerin.

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    Ibrahim Mazari – 08.07.2010 - 14:05

    Hallo zusammen,

    der Debatte würde etwas weniger Emotion guttun, auch auf Seiten des Autors. Die internationalen Erfahrungen einer längeren gemeinsamen Lernzeit bedeutet nicht “Einheit auf niedrigstem Niveau”, es gibt einen Denkfehler zwischen der angeblichen Dichotomie Einheitsschule=Gleichheit und Gliederung mit Gymnasium=Leistungsorientiert.
    Die Finnen setzen auf Begabtenförderung und Spitzenleistung der Fähigen, denken aber darüber nach, wie man zu frühe Selektion verhindert und schwache Schüler nicht alleine überlässt. Deutschland versagt in der großen Aufgabe, bildungsfernen Schichten Aufstieg durch Bildung zu ermöglichen. Das lässt sich wegen der sozialen Selektion der in der Bildung selbst tätigen Akteure nur durchbrechen mit einem Systemwandel.
    Besten Gruß

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    florian mueck – 08.07.2010 - 16:44

    Buenas tardes, beste Grüsse aus Spanien! Hier freut sich alles auf den Sonntag…
    Eine sehr wichtige Debatte aus meiner Sicht. Ich war selbst begeisterter Gymnasiast im – wie es alle ausser der Baden-Württemberger zu glauben scheinen – Eliten verseuchten Bayern. Dies jedoch nicht aufgrund der Tatsache, “Elitensohn” zu sein. Vielmehr bin ich Sprössling zweier sozialdemokratischer Lehrer, die auch in Bayern gerne die Gesamtschule sehen würden. Ich bin dagegen.
    Seit 8 jahren lebe ich in Spanien und kenne das hiesige Bildungsystem recht gut. Hier herrscht absolute Gleichschaltung – der auch wirklich nur die Eliten durch die Entsendung ihrer Kinder auf Privatschulen entkommen können. Was ist die Folge? Fast alle studieren am Ende. Kein Spanier will Automechaniker werden. Kein Spanier will Schreiner werden. Keiner Häuser bauen (nun, das ist gerade gut, die braucht eh keiner mehr). Alle sind sich zu gut für die Arbeit mit der Hand. Und du zählst hier nur etwas, wenn du studierst!
    Ich denke, unser Pyramidensystem bildet eine Gesellschaft einfach besser ab. Ich musste mich in meiner Fussballmannschaft als einziger Gymnasiast immer rechtfertigen. Das sind alles Menschen, die stolz sind auf das, was sie leisten.
    Dass einige Begabte durch das Pyramidengitter rutschen tut mir persönlich leid, aber die Gesellschaft funktioniert gut so. Ich will kein spanisches System in Deutschland, in dem ich mich schlecht fühlen muss, wenn ich für die Gesellschaft wertvolle Handarbeit verrichte.

    @Alexander Eine theologische Frage. Ist Neid nicht eine der sieben Hauptsünden, die Vox Populi gerne mit den 3 Todsünden gleichstellt?

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    Christoph Blumberg – 09.07.2010 - 16:51

    Danke Flo. Das erklärt den Ursprung der Hundertschaften spanischer Erasmus-Studenten in Berlin – irgendwo müssen die ja hin… ;-)

    Viel Erfolg für Sonntag!

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    Matthias Goldmann – 09.07.2010 - 19:16

    Wie will man die Hauptschule oder die Realschule wieder “schätzen”, wenn die Einweisung insbesondere auf die Hauptschule doch nichts anderes mehr signalisiert als das Prädikat “Bildungsverlierer”? Die Hauptschule des Jahres 2010 ist nicht mehr die des Jahres 1950! Wacht endlich auf und erkennt an, was draußen in der rauhen Realität los ist. Es sollten selbst beim verbohrtesten Konservativen die Alarmglocken schrillen, wenn im Bildungsmusterländle Baden-Württemberg 500 (!) Hauptschulrektoren (!) die Abschaffung ihrer Schulform fordern. Alles nur verblendete GEW-Funktionäre? In BaWü wohl kaum!

    Ich dreh jetzt mal den Spieß um: Der Grund, weswegen das konservative Establishment so sehr gegen die “Gleichmacherei” der Einheitsschule wettert, ist doch gar nicht, dass sie bessere Möglichkeiten für Menschen mit besseren “kognitiven Fähigkeiten” wollen. Denn es ist doch ein vielfach belegter Fakt, dass nicht der bessere Schüler, sondern der Schüler aus dem besseren Elternhaus eher in die höhere Schulform kommt. Es geht also um den Machterhalt einer finanziellen Elite, die, wie Kommentator Florian Mueck, eine gesellschaftliche Pyramide erhalten möchte, bei der sie auf viele runter schauen kann, anstatt auch anderen den Erfolg zu gönnen. So müsste die Neid-Debatte geführt werden!

    Das tragische daran ist jedoch, dass sich Deutschland dieses elitäre, exklusive Denken nicht mehr leisten kann. Denn wenn es nicht bald mehr Menschen mit besserer Ausbildung gibt, dann geht es mit uns bald ganz den Berg hinunter. Die Chinesen, denen dieses Schichtdenken völlig fremd ist, werfen Jahr für Jahr immer besser ausgebildete junge Menschen auf den Markt, um ihr Land strategisch zu positionieren. Es kann einen zur Verzweiflung bringen, dass die selbsternannte Elite nur ihren eigenen Machterhalt im Sinn hat, nicht das Gemeinwohl.

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