Der Ausdruck entspricht vielleicht nicht der Parlamentssprache: “Taliban in Nadelstreifen.” Gesine Lötzsch von der Linken hat aber, als sie den Begriff im Bundestag verwendet hat, dennoch ziemlich genau das auf den Punkt gebracht, was im Moment auf dem internationalen politischen Parkett passiert.
Asymmetrische Kriegsführung
Der Euro wird angegriffen – und damit unsere politische Ordnung, die Sicherheit in der Europäischen Union. Und unser Wohlstand. Die nackte Angst grassiert: Was passiert mit unseren Rentenfonds und mit unseren Sparbüchern? Wir sprechen im Krieg gegen die islamistischen Taliban von asymmetrischer Kriegsführung. Worin liegen die Parallelen zu den Finanz-Taliban?
Unser Feind ist unsichtbar: Es hieß in mehreren Meldungen am vergangenen Wochenende, dass “die Wall Street” gegen unsere Einheitswährung spekuliere. Händler wollten auf die Pleite einzelner Euro-Staaten und das Ende der Währungsunion wetten. Der Feind hat kein Gesicht, er kann überall sein. “Der Spekulant” agiert aus dem Hinterhalt.
Die Mächtigen der Welt rücken zusammen. Der Anschlag auf den Euro ist so gefährlich wie die Anschläge von 9/11. Auch hier gibt es Tote, in Athen sterben drei Menschen. Der Bündnisfall tritt ein. Grundlage hierfür ist der Artikel 122 des Vertrags von Lissabon.
Die Welt wird sich auf Jahre nicht erholen. Wir haben uns von 9/11 noch nicht erholt. Die Welt ist immer noch voller Taliban. Sie ziehen von Pakistan weiter in den Jemen. Spekulantenfreundliche Standorte wird es weiterhin geben. Die Koalition der Willigen hat sich zusammengefunden und über die Finanz-Terroristen obsiegt. Vorerst. Und nachhaltig zum Schaden der Union. Sie ist jetzt eine Transferveranstaltung mit überschuldeten Mitgliedern. Wird sie den nächsten Angriff überstehen?
Es wird sich nichts ändern. Seit Herbst 2008 folgt eine Beteuerung auf die nächste: Dem Finanzmarkt (es klingt wie eine unpersönliche Größe) werde man Ketten anlegen. Man werde ihn domestizieren. Die G20 haben gesprochen – und noch nichts geändert. Auch die Länder der Europäischen Union selbst sind nicht als die größten Aktivisten aufgefallen. Wollten sie überhaupt etwas ändern? Wäre Osama bin Laden nicht schon gefunden, wollte man ihn wirklich finden?
Es findet ein Kampf der Kulturen statt. Wer hat das Primat? Die Wirtschaft oder die Politik? Es ist ein Glaubenskampf. Die Finanz-Taliban führen den Götzen mit sich, den Fetisch des freien Marktes. Ob er am Ende des Krieges mit dem Gesicht nach unten im Staub liegen wird? In God we trust.
Es sind nur einzelne Menschen gierig
Wie bei dem verheerenden Bombardement in Kunduz, bei dem die Taliban nicht von den zivilen Afghanen zu unterscheiden waren, so sind auch im vorliegenden Fall nicht alle Banker Terroristen. Schuld ist individuell. Es sind nur einzelne Menschen gierig. Oder ist es doch das unmoralische System der Hedgefonds-Finanzwelt, das alles mit sich reißt? Systeme, so viel kann an dieser Stelle gesagt werden, haben die Eigenschaft, sich selbst zu erhalten, koste es, was es wolle. Dass wir den Kampf aufgenommen haben, war daher unvermeidlich.












LIeber Herr Görlach zu Ihrem Satz: “Schuld ist individuell.” in Bezug auf die Finanz-/Dollar, Euro-/Weltkrise…( in Anlehnung an Galtungs Begriff der “strukturellen Gewalt”) :
Schuld kann sehr wohl strukturell werden. Das entschuldet den Einzelnen in keiner Weise, ruft aber nach einem anderen, systemischen, Eingriff. Natürlich ist es die Gier Einzelner, aber es sind v.a. gesellschaftliche Glaubenssysteme, die diese Gier instituionalisieren! Und da stimmt auch Ihre Bemerkung, dass wir uns in einem “Kulturkampf” befinden.
Ein System, das Superreiche nicht als pathologisch mögliche Einzelfälle-also als Symptom einer Krankheit-, sonder als Leitbilder missversteht, das Arbeit nicht als Mittel der Lebensgestaltung sondern der Bereicherung begreift, ist als System pathologisch.
Es handelt sich nebenbei nicht um “freie” Märkte, sondern um einen Totalitarismus des Marktes- was so ziemlich das Gegenteil von Freiheit ist.