Nur von Gott kommt die wirkliche Revolution. Joseph Ratzinger

Kickt den Zölibat

Ich habe ein Recht auf die Dienstleistungen meiner Kirche. Grob gesagt: den Empfang der Sakramente und ein geregeltes Gemeindeleben. Das ist vorbei, in vielen Gegenden Deutschlands, in vielen Ländern der christlichen Welt. Denn: Der Zölibat hält gesunde Persönlichkeiten davon ab, sich für das Amt des Priesters zu entscheiden. Außerdem wäre es schön, wenn Geistliche sich um uns Gläubige kümmern könnten und sich nicht den ganzen Tag an ihrer Libido abarbeiten müssten.

Da war diese Karikatur: Der Pfarrer steht auf der Wiese. Er trägt eine Soutane. Schwarz bis zum Boden. Kinder spielen im satten Grün. Die malerische Szene wird überschrieben mit einem im Neuen Testament überlieferten Satz Jesu: “Lasset die Kindlein zu mir kommen.” Dem irdischen Vertreter des Zitatgebers hängt dabei das Geschlecht aus dem Klero-Fummel.
 
Die katholische Kirche in Deutschland hat ihren handfesten Skandal. Und wie geht es der ältesten Institution auf dem Erdenrund sonst so hierzulande? Von Berlin aus betrachtet hat Deutschland jede Form der Kirchlichkeit von sich gestreift. Berlin war immer die Ausnahme, lautet die Entkräftung dieser Aussage. Die Ossis, die oft gar nicht mehr wissen, wer Jesus war, haben ohnehin keine Kirchenbindung mehr. Sie sind von den Kommunisten zwangsentchristlicht worden. Das ist bekannt.

Der Zeitenlauf wurde von der Kirche, dem christlichen Jahreslauf, bestimmt

Was ist im Westen, zum Beispiel am Rhein, zum Beispiel in dem rheinhessischen Dorf, aus dem ich komme? Das Dorf war katholisch seit seiner Gründung vor 1200 Jahren, jeden Tag läutete es zur Messe. Taufen, Eheschließungen, Beerdigungen. Der Zeitenlauf wurde von der Kirche, dem christlichen Jahreslauf, bestimmt. Heute: Es gibt keinen Gottesdienst mehr. Ab und zu noch mal am Sonntag oder am Samstagabend. Wer stirbt, empfängt keine Sterbesakramente mehr, selbst wenn er wollte. Es gibt keine Priester mehr, die sie spenden könnten.
 
Die katholische Kirche ist eine Klerikerkirche. Gibt es keine Kleriker mehr, geht diese Kirche unter. Wir haben keine Kleriker, geweihten Priester, mehr, also wird unsere – ich sage das ganz bewusst: unsere – Kirche untergehen. Die Kleriker spenden die Sakramente, die Sakramente sind das innere Leben der Kirche, sie konstituieren ihren Zusammenhang: Taufe, Kommunion, Beichte, Hochzeit und die Letzte Ölung.
 
Würde die Aufhebung des Zölibats an der Situation etwas ändern? Ja, das würde sie. Der Zugang zum geistlichen Amt hängt von vielem ab. Die Fähigkeit, auf Sexualität – die zu jedem Menschen gehört und deren Ausleben in Partnerschaft essenziell für ein gelingendes Leben ist – zu verzichten, gehört nicht dazu. Über die Jahrhunderte hat die Kirche es sich gemütlich gemacht in der Bigotterie, die aus dem Pflichtzölibat erwachsen ist. Dabei ist es unnötig zu sagen, dass es auch Geistliche gibt, die um des Himmelreiches willen, so wie es in der Schrift heißt, ehelos bleiben möchten.

Die Seminare sind leer, der Nachwuchs fehlt

Das Zölibatsproblem ist nicht nur eines in Deutschland. Es hat alle Länder der westlichen Welt erfasst. Von Australien bis Kanada sind die Seminare leer, der Nachwuchs fehlt. Dort, wo sich der neuzeitliche – auch vom Christentum selbst geprägte – Personenbegriff praktisch Platz verschafft hat, ist die Vorstellung von einem Verzicht auf liebes- und bindungsloses Leben nicht mehr vermittelbar.
 
Was ändert sich für die Kirche, wenn ihre Diener verheiratet sind? Alles. Das ist sicher. Es wird Kinder in den Pfarrhäusern geben und Frauen. Ein Berufsbild wird umgekrempelt.
 
Nach dem letzten Kanon des kirchlichen Gesetzbuches ist die oberste Pflicht allen kirchlichen Tuns das Heil der Seele, also auch das Heil meiner Seele. Ich habe ein Recht auf meine Sonntagsmesse, ich habe ein Recht auf die Beichte. Und ich will, wenn es mal zu Ende mit mir geht, die Sterbesakramente empfangen. So einfach ist das: Entweder die Kirche gibt die Sakramente auf oder den Zölibat. Noch hat sie die Wahl.

Leserbriefe

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    – 17.02.2010 - 17:16

    Der Benedetto wird das Zölibatsgesetz nicht kicken. Der hat zwar angeblich ein hohe Intelligenz, aber deswegen ist er auch stolz. Was ist das für ein Mensch, der mit 82 sein Lebenswerk immer noch nicht getan hat? Den Glauben Abrahams – der hat sich bewegt – den hat er nicht. Scheinbar muss die Klerikerkirche vollends kaputt gehen, bevor sich die Sache Jesu durchsetzt.

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    Christoph Daseking – 17.02.2010 - 17:27

    Man kann nicht davon ausgehen nur weil Sie es tun, dass die Sexualität zum Seelenheil gehört. Die “Philosophie” der Kirche ist wie Sie auch sagen die Loslösung vom Körperlichen, also auch Sexualität.

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    Ruben Alexander Schuster – 17.02.2010 - 21:30

    Der Katholizismus muss sich kritisieren lassen und zwar zu aller erst von seinen eigenen Anhängern. Auch Rom muss offen sein, über Tabus zu diskutieren. Der Zölibat ist zu keiner Zeit seiner Existenz gerechtfertigt gewesen, er verklärt und verachtet das Menschliche im Menschen. Bedürfnisse nach körperlicher Liebe und nach Austausch von Zärtlichkeit mit dem Partner stehen in keinem Widerspruch mit der menschlichen Liebe zu Gott. Eine Kirche wird nur dann ernst genommen, wenn sie auf das Leben und die Alltagsrealität ihrer Mitglieder eingeht. Ich freue mich, dass es endlich Mutige gibt, die sich trauen, auch an den dicken Mauern des Vatikans zu hämmern.

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    Stefan Zweigmann – 17.02.2010 - 22:41

    Es ist immer wieder traurig, dass so ein Blödsinn verbreitet wird! Herr Görlach hat sich offensichtlich keine einzige Minute mit dem Zölibat ernsthaft auseinandergesetzt. Dies merkt man deutlich an Äußerungen, z.B. die Auslebung der Sexualität in einer Partnerschaft essenziell für ein gelingendes Leben sei. Das ist schlichtweg falsch! Es ist biblisch nicht haltbar, es ist psychologisch nicht haltbar und es ist von der Tradition her nicht haltbar! Man schaue sich auch einmal die Scheidungsraten bei protestantischen Pastorenehepaaren an: erschreckend hoch!
    Es ist auch unglaublich naiv abnorme und perverse sexuelle Verhaltensweisen auf den Zölibat zurückzuführen, nur weil es da leider ein paar Geistliche gibt sich u.a. an Kindern versündigen. Unter den nichtklerikern, die verheiratet sind, bzw. in Partnerschaft leben, gibt es ein vielfaches mehr an solchen Vorkommnissen und dennoch kann man solche Verhaltensweisen nicht auf das Leben in Partnerschaft zurückzuführen!
    Es ist auch die Frage zu klären, warum es so wenig Priester in der westlichen Welt gibt. Ganz einfach: Weil es immer weniger Gläubige gibt und aus denen werden ja die Priester berufen.
    Zuletzt sollte man auch bedenken, warum es tatsächlich so viele Leute gibt, die meinen, dass der Zölibat so viele Priesterberufungen verhindere: Weil den Jugendlichen heutzutage ein abnormes Bild der Sexualität eingetrichtert wird, welches vermittelt, dass Sex alles sei was zähle. Rom ist offen genug über Tabus, besonders wenn es um Sexualität geht, zu reden. Es ist im Gegenteil für die moderne säkulare Gesellschaft ein Tabu, eine vom Mehrheitsdenken abweichende Sicht zu vertreten.

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    Alexander Görlach – 17.02.2010 - 22:54

    Lieber Herr Zweigmann,

    zu allererst einmal: Wenn jemand nicht Ihrer Meinung ist, heißt das nicht, dass er keine Ahnung von etwas hat. In diesem speziellen Fall genügt ein Blick auf meine Vita und dann sind Sie des “Dummgebabbels” – wie man Ihre Einleitung in Ihrem Leserbrief bei uns daheim am Rhein nennen würde – überführt.

    Aber nun sachlich: Sexualität ist Teil jeder Personlichkeit, sexuelles Empfinden, Sehnsucht nach Nähe und Partnerschaft. Kein Regens in einem Priesterseminar in unserem Land würde das Leugnen. Das zölibatäre Leben ist ja ein Ringen, ein gewolltes Ringen, weil es dieses Bedürfnis, das ich beschreibe, gibt. Gäbe es dieses Bedürfnis nicht, von dem die – von Ihnen angeführte – Tradition sagt, dass man es um des Himmelreiches Willen hintan stellen möge, wäre der Zölibat kein Zeugnis vor der Welt. Das soll er aber sein: Ein Zeugnis vor der Welt. Als solches wird er sicher erhalten bleiben; ich spreche mich gegen einen verpflichtenden Zölibat als Zugangsvoraussetzung für den priesterlichen Beruf aus.

    Gerne lenke ich Ihr Augenmerk an dieser Stelle auf den Inhalt meines Textes. Dort beschreibe ich, dass sich das Leben der Kirche auf den gespendeten Sakramenten vollzieht. Die Sendung der Kirche gerät in Gefahr, wenn es niemanden mehr gibt, der diese Sakramente spendet. Als guter Christgläubiger werden sie mir hier nicht widersprechen können.

    Ich habe mich in meinem Kommentar auch nicht, wie Sie insinuieren, für abnorme – was immer das für Sie sein mag – sexuelle Praktiken stark gemacht, sondern mich für solide, auf Vertrauen und Intimität gegründete Ehen von geweihten Priestern ausgesprochen. Das es bei evangelischen Pastoren Scheidungen gibt, ist in diesem Zusammenhang unerheblich.

    Besten Dank für Ihren Leserbrief und beste Grüße

    Ihr

    Alexander Görlach

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    Stefan Zweigmann – 19.02.2010 - 02:24

    Sehr geehrter Herr Görlach,
    ich niemals bestritten, dass Sexualität Teil jeder Persönlichkeit ist, sowie die Sehnsucht nach Nähe und Partnerschaft, sondern ich bestreite, dass “deren Ausleben in Partnerschaft essenziell für ein gelingendes Leben” sei, denn das bedeutete für mich, dass ein ein Zölibatärer kein gelingendes Leben führen kann, und dass wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen.
    Zudem frage ich mich, wieso sie diese bestimmte Karikatur am Anfang Ihres Artikels beschreiben und Berlin auch noch reinbringen, wenn sie es nicht mit dem Zölibat in Verbindung bringen wollen.
    Die Tatsach, dass es bei evangelischen Pastoren Scheidungen gibt ist eben nicht unerheblich, weil es deutlich zeigt, dass die Ehe eben auch keine Garantie für ein geglücktes Sexualleben ist (das spricht letztlich nicht gegen die Priesterehe, muss aber auch auf alle Fälle so festgestellt werden).
    Zuallerletzt möchte ich betonen, dass der Zölibat heutzutage v.a. auch deswegen oft nicht vermittelbar, weil Menschen wie Sie, ihn mit Attributen wie “ungesund” belegen und ihn in den Widerspruch zu einer “gesunden Persönlichkeit” stellen. Damit tun Sie vielen großen zölibatär lebenden Persönlichkeiten der Kirche in Vergangenheit und Gegenwart (und sicher auch in Zukunft) Unrecht. Ich hatte aus ihrer Antwort zu meinem Leserbrief den Eindruck gewonnen, dass sie das Wesen des Zölibats erfasst hätten. Wie solche Äußerungen Ihrerseits dazu passen, vermag ich nicht zu verstehen.
    Vielleicht sollten Sie jungen Männern einfach Mut machen, ihrer Berufung zu folgen. Vielleicht sollten Sie allgemein mehr Mut machen, indem Sie wenigstens die gleichen Inhalte Ihres Artikels von der positiven Seite her formulieren. Das wäre hilfreicher als dieser ungerechtfertigt pessimistischer Artikel. Jesus hat den Hl. Geist zugesagt; egal, ob er jetzt da ist, oder noch kommt (je nach Sichtweise), auf dieses Wort ist Verlass.
    Ihr Stefan Zweigmann

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    Marco Reinhard – 18.02.2010 - 11:01

    Sehr geehrter Herr Zweigmann,
    Ihre Zeilen vom 17.02.2010 – 22:41 halte ich – als Kenner der Szene – für absolut richtig. Lassen Sie sich nichts anderes einreden!

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    Alexander Görlach – 18.02.2010 - 15:52

    Lieber Herr Reinhard,

    danke für Ihre Zeilen! Würden Sie Ihre These mit etwas textlichem Fleisch untermauern? Das würde mich sehr freuen.

    Besten Dank und herzliche Grüße

    Ihr

    Alexander Görlach

  • Theeuropean-placeholder
    Kostas Papadopoulos – 18.02.2010 - 11:44

    Bitte machen Sie die Augen auf! Wieviele Priester kennen Sie denn, die im Zölibat leben?
    Weiters: Der Zölibat ist sicher nicht an Mißbrauchsfällen schuld, aber wenn es ihn nicht mehr gäbe, dann wäre das Priesteramt offen für all jene die nicht von vornherein gewisse Neigungen haben….der Kirche gehen momentan die besten Leute abhanden!

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    Ralf Bettker-Cuza – 18.02.2010 - 07:46

    Sollte es wirklich niemanden mehr geben, der Priester im lateinischen Ritus werden möchte (die lateinische Kirche mit dem Zölibat ist ja groß), wäre das in der Tat ein Problem.
    Doch sieht die weltweite Entwicklung in der lateinischen Kirche tatsächlich anders aus. Gut, die säkulare Welt (“westlich” wäre verezerrend) mit ihrer generellen Knappheit an geborenen Kindern hat nur einen geringen priesterlichen Nachwuchs, doch ist das kein so arg großes Problem, wenn sich das Kirchenvolk auf eine gewisse geistig-kulturelle Flexibilität einläßt (sprich: ausländische Priester akzeptiert, da es in der Kirche keine Ausländer im eigentlichen Sinn gibt).

    Dazu muß ich sagen, daß ich anscheinend in einer anderen Realität der Kirche lebe als Herr Görlach – die normalen Sonntagsmessen x-beliebiger Pfarreien (manchmal kann ich nicht meine eigene besuchen) sind selten so gut besucht, daß kein Sitzplatz mehr zu haben wäre. Die Beichfrequenz ist nicht so hoch, daß der Priester für nichts anderes Zeit hätte. Der Wunsch nach Krankensalbung geht zurück, ebenso der nach Taufe, Firmung und Trauung (statistisch eindeutig).

    Die Volkskirche alten Stils stirbt, ja, das stimmt. Da kann man von anderen, in dem Fall “der Kirche” (sprich der irdischen Leitung derselben), gut was fordern, ist einfach. Doch bei zunehmender Mobilität der Menschen wäre es doch vermessen zu behaupten, es kämen weniger Gläubige in die Kirche, weil sie nicht “könnten” – Fahrdienstorganisationen für Senioren sind als Laienaufgabe durchaus erlaubt. Für Priesterberufungen beten ist erlaubt, seinen Kindern ein geistliches Leben als Priester oder Ordensmensch schmackhaft machen ist erlaubt, den Glauben im Alltag zu verkünden suchen ist durchaus erlaubt (nicht selten erlaubt man ja Frustartikulation als einziges Merkmal von Kirchenzugehörigkeit, ein bißchen schwach).

    Unsere Kirche wird nur untergehen, wenn man “unsere” als Kirche in Deutschland alten Stils annimmt.

    Mag sein.

    Ich werde sie nicht vermissen.

  • Theeuropean-placeholder
    Alexander Görlach – 18.02.2010 - 15:57

    Lieber Herr Bettker-Cuza,

    danke für Ihren Leserbrief. “Ausländische” Priester – Sie haben Recht: für uns Katholiken gibt es keine Ausländer – können die Lösung nicht sein: Wer aus Asien oder Afrika zu uns kommt, tritt in ein geistiges Umfeld ein, in dem der Atheismus als philosophische Denkfigur eingeübt und die kirchliche Praxis eine andere als in seinem Heimatland ist.

    Die Volkskirche ist nicht etwa nur ein soziologisches Konsrtukt, das man abstreifen könnte. Sie entsteht dort, wo eine große Mehrheit von Christen die Gestalt eines Landes prägt. Wer sagt, das die Volkskirche kein Modell mehr ist, der verabschiedet sich vom christlichen Missionsauftrag. Wollen Sie das?

    Beste Grüße
    Ihr
    Alexander Görlach

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