Verurteilt mich; das hat nichts zu bedeuten; die Geschichte wird mich freisprechen. Fidel Castro

Neue Wertschöpfungen

Egal, ob man in den Medien, im Schuhversand oder in einem Restaurant arbeitet: Start-ups und klassische Wirtschaft begegnen sich überall. Zeit, wirklich zusammen zu arbeiten.

start-up the-european printmedien

The European ist gestern erstmals als Print-Magazin an den Kiosk gekommen. Die Pressestimmen sind sehr positiv; vor dem Erstverkaufstag sind schon 200 Einzelheftbestellungen und Abos bei uns eingegangen. Warum macht ein Magazin, das als Online-Magazin gestartet ist, auf einmal ein Print-Magazin? Und warum stellt der Autor diese Frage in einer Kolumne, die sich als Schnittstelle zwischen Start-up-Industrie, klassischer Wirtschaft und Politik versteht?

Zu Frage 1: Unsere Leserinnen und Leser haben uns immer wieder rückgemeldet, dass sie unsere kontroversen Debatten verfolgen, die pointierten Kolumnen und die kritischen Interviews. Dass sie es aber auf keinen Fall schaffen, alles online zu lesen. Am normalen Werktag liest man im Web schnell die Nachrichten, nicht jedoch hochwertigen Content im Internet. Ob wir nicht, war die Frage, unsere Inhalte noch einmal in anderer Weise darreichen können, die diesen Medienkonsum-Gewohnheiten entspräche. Es war für uns schnell klar, dass dies Print sein würde. Denn: Tablet-Geräte wie das iPad sind noch nicht so weit, dass viele Teile der Bevölkerung schon über eins verfügten oder darauf neue Medienkonsum-Gewohnheiten nachhaltig ausgeprägt hätten. Es konnte also nur Print sein, denn an Magazine sind die Menschen seit Jahrzehnten gewöhnt.

Besser durch höhere Fügung

Man könnte dann sagen: „Ja, aber ihr wolltet doch online sein und digital? Nun macht ihr doch wieder das Klassische.“ Manch eine Tageszeitung ist im Juni, als wir mit der Ankündigung, ein Print-Magazin aus unserem Online-Magazin heraus zu entwickeln, mit Überschriften rausgekommen, dass Print nicht tot ist und dass online nun wieder zu Print wandert. Sie schienen damit die Hoffnung zu verknüpfen, dass ihr malades Tageszeitungsgeschäft quasi durch höhere Fügung wieder ins Lot geraten würde. Ich freue mich über jedes anspruchsvolle journalistische Produkt. Ich schätze die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen der Tageszeitungen. Ich fürchte leider, dass ihr Geschäftsmodell obsolet ist und es in einigen Jahren von heute allerhöchstens noch zwei überregionale Tageszeitungen in Deutschland geben wird.

So gern ich einer Hoffnung auf Genesung des kranken Patienten Tageszeitung sein würde, The European ist aus oben genanntem Grund online gegangen.

Das führt zu Frage 2: Wir mussten dann lernen, wie das Print-Geschäft funktioniert. Wer sind die Akteure, wie entscheiden wir uns für welches Papier? Wie kommen die Hefte an den Kiosk und vieles mehr. Das sind alles Fragen, die andere Industrien berühren als die Start-up-Industrie. Wir müssen von anderen Industrien lernen, von Bereichen, die auch mit Medien zu tun haben, aber nicht mit online, nicht mit „dem Internet“.

Das ist ein interessantes Kennzeichen vieler Unternehmen in der Start-up-Branche: Dass sie Verknüpfungen sind von neuer und alter Wirtschaft. Zalando macht den Schuheinkauf im Internet zu einem Erlebnis. Dahinter stehen aber logistische Fragestellen, Vertriebsfragen und Ähnliches, die auch in Zeiten vor dem sogenannten Internet eine Rolle spielten.

Heißt das dann, dass wir eigentlich doch nicht ohne die anderen, die klassischen wirtschaftlichen Akteure können? Freut sich vielleicht der eine oder andere Leser hier über ein vermeintlich klammheimliches Eingeständnis zwischen den Zeilen? Hier muss ich enttäuschen. Der digitale Wandel hat auch diese Branchen, diese Industrien verändert. Neckermann, der Versandriese, steht nicht umsonst vor dem Aus. Glaubt man der Berichterstattung, so hat das Unternehmen auf der Seite, die „im Alten“ verhaftet ist, nicht wirklich etwas falsch gemacht, online so gar früh begonnen, konnte dann aber nicht mit den Innovationszyklen online mithalten. Diese Zyklen werden von den Kunden bestimmt. Die Kunden gehen dort hin, wo sie ihren Bedürfnissen am bequemsten nachkommen können.

Vertrauenswürdigkeit muss oben stehen

Gleiches gilt für Plattformen wie Delivery Hero. Dort kann man, ganz simpel gesagt, Pizza, Sushi und anderes Essen für zu Hause bestellen. Man mag denken: „Aha, aber kochen tun die Internet-Fuzzies nicht selbst.“ Die große Herausforderung bei einem solchen Start-up ist nicht, dass die Pizza warm zu Hause ankommt – hier haben die alten Industrien gute Lösungen parat – sondern, dass das Bezahlen einfach und bequem vonstattengeht. Der Kunde vertraut einem Unternehmen seine Kreditkarten-Informationen an. Da muss Vertrauenswürdigkeit ganz oben stehen. Und gleichzeitig werden neue Bezahlsysteme und Modalitäten über den Erfolg von Pizzabäckern und guten Köchen entscheiden. Denn gekauft, bestellt wird im Netz immer mehr.

Der digitale Wandel erfasst alle Industrien, seien sie Teil der klassischen Wirtschaft oder der Online-Industrie. Ob Medienbetrieb, Schuhhandel oder Lieferservice: Der digitale Wandel ändert alte Industrien und zwingt auch die neuen zur steten Optimierung ihrer Geschäftsmodelle. Wenn klassische Wirtschaft und neue Ökonomie lernen, dem Wandel gemeinsam zu begegnen, ist das ein großer Gewinn für die deutsche Wirtschaft und für die Zukunftsfähigkeit unserer Unternehmen.

Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte
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