Das ist eine klassische journalistische Behauptung. Sie ist zwar richtig, aber sie ist nicht die Wahrheit. Helmut Kohl

Alles, was Wert hat

Facebook und Groupon tun sich alles andere als leicht an der Börse. Der Moment der Skeptiker: Für sie sind Start-ups überbewertet, ein Blasenplatzen wie in den frühen Nullerjahren unausweichlich. Leider falsch.

Das Social-Media-Netzwerk Facebook hat sich von seinem Börsengang sicher anderes erhofft. Der Gutschein-Spezialist Groupon ebenfalls. Die Anleger waren heiß und haben Aktien gezeichnet, die dann in Windeseile an Wert verloren. Das war für die Start-up-Industrie alles andere als positiv, denn nun muss sich jeder neue Gründer auf einmal wieder im Gespräch mit potenziellen künftigen Investoren mit der Frage rumschlagen, ob die Bewertung, die er oder sie für das neue Unternehmen vornimmt, nicht himmelhoch und übertrieben sei. Der konservativ denkende deutsche Anleger erblickt in den beiden Beispielen Facebook und Groupon den Beleg dafür, dass diese hochvolatile, als neu wahrgenommene Industrie, den Anlegern das Geld aus der Tasche zieht, ohne den erwarteten Gegenwert liefern zu können.

Investoren wollen ihr Geld nicht einfach loswerden

Das ist aus vielen Gründen falsch. Grund Nummer eins ist: Ein neues Unternehmen kann nicht mit einem Unternehmen gleichgesetzt werden, das mit mehr als 3.000 Mitarbeitern und 900 Millionen Nutzern an die Börse geht.

Grund Nummer zwei: Produkte, seien sie aus der neuen oder der alten Ökonomie, unterliegen einem Wandel. Das heißt, dass ein Produkt sich weiter entwickeln muss und sich bei 900 Millionen Nutzern andere Fragen und Probleme auftun als bei zehn Millionen. Geschäftsmodelle entwickeln sich weiter oder aber auch nicht. Wer die Weiterentwicklung verschläft oder von technologischen Neuerungen überholt wird, kann unter Umständen ein ernsthaftes Problem bekommen.

In der Zwischenzeit ist vieles offen – deswegen sind Aktien ja auch immer in einer bestimmten Weise eine Risikoanlage. Facebook steht vor der Herausforderung, die zunehmende Nutzung auf dem Smartphone zu verarbeiten und Werbe-Integration auf dem Handy gut umzusetzen. Kein leichtes Spiel, aber der Ausgang ist noch offen. Man muss dem Unternehmen Zeit dafür geben. Groupon lebt von kleinen, regionalen Anbietern, die ihre Umsätze durch Gutscheine für die Kunden in ihrem Einzugsgebiet erhöhen wollen. Jeder kleine, regionale Markt ist verschieden – kann man ein Modell auf all diese Märkte mit ihren Spezifika übertragen, ohne immense Summen ausgeben zu müssen, um all diese regionalen Märkte zu verstehen? Auch keine leichte Frage. Für die Antwort braucht Groupon Zeit.

Grund Nummer drei: In Amerika gibt es zig Unternehmen, die aus der New Economy kommen und an der Börse notiert sind. In Deutschland ist es nur SAP. Das zeigt eine unterschiedlich starke Implementierung der Start-up-Wirtschaft in die Gesamtwirtschaft der jeweiligen Länder. Neben den Unternehmensgrößen und der Weiterentwicklung des angebotenen Produktes treten als Drittes die verschiedenen Kontexte in den Vordergrund, die die Fälle Facebook und Groupon nicht mit deutschen Start-ups, die eine Finanzierung suchen, vergleichbar machen.

Stehen wir hier in Deutschland vor dem nächsten Platzen der Dotcom-Blase? Um das beantworten zu können, müssen Menschen, die in Start-ups investieren möchten, vor allem verstehen, wie eine Unternehmensbewertung zustande kommt. Das ist in der Tat nicht immer ganz einfach, da es am Anfang nichts Belegtes gibt, sondern höchstens Vergleichswerte aus anderen Märkten oder Berechnungen, die ein Idealbild zeigen. Deshalb sagen auch viele derer, die schon Übung in dem Investieren in Start-ups haben, dass das Wichtigste bei einem Invest das Team sei. Verkörpert das Management-Team die Vision des Produkts, die sie haben? Sind die Gründer bereit, in der Anfangsphase auf ein Marktgehalt zu verzichten, um gegenüber den Geldgebern ihr Unternehmertum unter Beweis zu stellen?

Ist beides der Fall, ist die Diskussion um den Firmenwert der nächste Schritt. Klar ist doch: Ein Wettbewerbsvorteil ist immer, ein neues Produkt auf einer soliden und günstigen Kostenbasis anzubieten. Gibt es einen Mitbewerber, ist es wichtig, auch hier effizienter und besser zu sein und somit kostensparender. Die wenigsten Investoren kommen mit Taschen voller Geld, das sie unbedingt loswerden wollen. Nicht umsonst hat sich der Internet-Unternehmer Lukasz Gadowski vergangene Woche in der Newconomy-Kolumne zitieren lassen mit den Worten, dass es immer noch nicht genug Investitionen in die Start-up-Industrie in Berlin gäbe. Von einem Überangebot an Geld kann, anders als in den 2000er-Jahren, im Moment nicht die Rede sein.

Es ist also mitnichten so wie vor rund zehn Jahren, als Goldgräberstimmung herrschte, egal, was es kostete. Vielen Start-up-Unternehmern geht es auch nicht nur darum, möglichst viel Geld zu bekommen, denn dadurch verwässern auch ihre eigenen Firmenanteile. Der Punkt am Unternehmertum ist ja die Unabhängigkeit. Verliere ich viele Anteile, werde ich eventuell wieder zu einem Quasi-Angestellten. Es geht in den Unternehmen vielmehr darum, sogenanntes „smart money“ zu akquirieren, also Geld von Investoren, die der neu entstehenden Firma auch Wissen, Managementunterstützung und Kontakte zur Verfügung stellen. Der Geldgeber hat so auch etwas davon: Er hat Anteil an dem Erfolg des Unternehmens, das er finanziert. Je nachdem, wie groß dieser Anteil ist, treten Unternehmer auch Shares, Unternehmensanteile, als Gegenleistung für dieses „Klugheit“ ab. Es ist also mitnichten so, dass es nur um das Bare geht, das auf dem Konto landet.

Zwischen pleite und Millionen-Exit

Was bei der Unternehmensbewertung am Anfang als ein Mehrklang aus Geschäftsidee, Team, Markt, Mitbewerber bisweilen schwierig eindeutig zu bestimmen ist, klärt sich bei der zweiten Runde, in der Kapital gegeben wird. Oft sind da auch noch einmal die Investoren der ersten Stunde, die „Aussaat-Investoren“, wie sie genannt werden, dabei. Dann hat das Unternehmen idealerweise schon Umsätze erwirtschaftet, hat Erfahrungen gesammelt, die die Bewertung um weitere wichtige Indikatoren ergänzt.

Sicher: Nicht jedes Start-up endet an der Börse oder wird für dreistellige Millionensummen verkauft. Aber zwischen pleite und Millionen-Exit gibt es viele Zwischenstufen, die ein Invest in die Start-up-Industrie interessant machen. Wenn man am Ende sein Invest „nur“ verdoppelt, hat man in wenigen Jahren mehr Geld gemacht, als es jede andere denkbare Anlageform im Moment auch nur ansatzweise versprechen kann.

Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte
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