Es ist ein guter Brauch, sich in die Arbeit des Amtsnachfolgers nicht einzumischen. Wolfgang Schäuble

Zu Gast bei Wowi

Der Regierende Bürgermeister von Berlin lädt die Start-up-Industrie zu sich ins Rote Rathaus ein. Klaus Wowereit möchte erfahren, wie er und seine Regierung die Branche unterstützen können.

Die Erwartungen an den Regierenden sind groß, hat man sich noch nicht wirklich durch die Politik des Landes vertreten gefühlt. „Bisher galt: Berlin hat ein erfolgreiches Internet-Ecosystem aufgebaut – trotz seiner Politik. Wenn jetzt auch noch die Politik der Stadt mithilft, kann aus einem zarten Pflänzchen ein stattlicher Baum werden, der auf Dauer ein Grundpfeiler der Wirtschaft der Stadt bleibt“, sagt Ralph Eric Kunz von Catagonia, einem Investor und Start-up-Gründer.

Öffentlich-private Partnerschaft für Start-ups

Doch was kann der Regierende denn realistischerweise tun? Lars Dittrich, ein Unternehmer, der unter anderem bei dem neuen Internet-Musiksender tape.tv investiert ist, skizziert das: „Die Berliner Politik könnte eine Plattform schaffen, die aktiv als Gastgeber Gründer mit Meinungsmachern, Medienmenschen und Investoren zusammenbringt; eine ,Berliner Gesellschaft‘ sozusagen. Hier ist die Stadt Berlin die Institution, die bewusst den Dialog fördert und sozusagen den ,Stein ins Rollen‘ bringt.“ Programme, die Gründern beispielsweise einen Mietzuschuss gewähren würden, lehnt er ab. „Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass solch ein Unterfangen im Hinblick auf Form und Fristen im bürokratischen Chaos endet und den Gründer eher defokussiert.“ Mietsubventionen sind es vielleicht nicht, aber eine öffentlich-private Partnerschaft, wenn es um Büroräume für neue Start-up-Unternehmen geht. „Es gibt jede Menge Raumbedarf für Start-ups in Berlin. Wir könnten gemeinsam mit der Wohnungsbaugesellschaft Berlin Konzepte zur langfristigen Ansiedlung von Start-ups entwickeln“, sagt Simon Schäfer von der JMES Vermögensverwaltung. Wenn junge Unternehmen wachsen, brauchen sie schnell neue Räume. Ein integriertes Konzept der Stadt könnte daher eine große Unterstützung sein.

Doch zurück zur Berliner Gesellschaft: Klaus Wowereit könnte sich zum Gründer dieser „Berliner Gesellschaft“ machen. Dann hätte er auch quasi-unternehmerische Qualifikationen und könnte sich in Gründer besser einfühlen. In eine ähnliche Richtung wie Lars Dittrich denkt auch Fabian Siegel, CEO von Delivery Hero. Er nimmt sich das Engagement von New York für die Gründerszene zum Vorbild: „Berlin könnte dem Beispiel von New York folgen und einen eigenen Seedfonds auflegen. Wenn dieser Fonds gut gemanagt wird, wird er nicht nur profitabel arbeiten, sondern darüber hinaus auch Arbeitsplätze schaffen. Ich kenne zufälligerweise den Manager des Fonds in New York. Klaus Wowereit sollte ihn mal nach Berlin einladen.“

Innovation, Gründergeist, gute Geschäftsmodelle gibt es in der Szene durchaus. Ob „Berliner Gesellschaft“ oder „Seedfonds“, Zugpferd oder Flaggschiff soll der international vernetzte Klaus Wowereit werden – mit dem Ziel, Kapital in die Stadt zu holen. „Finanzierung ist nach wie vor ein Engpass, obwohl wir hervorragende Renditen an unsere Investoren abliefern. Aber die Finanzwelt ist konservativ und braucht einige Zeit, um sich an die Neuen zu gewöhnen. Klaus Wowereit könnte uns helfen, mit internationalen Investoren in Kontakt zu kommen“, sagt Lukasz Gadowski, Spreadshirt-Gründer und erster Mann bei Team Europe, einem Inkubator, der mit neuen Gründern gemeinsam Unternehmen ins Leben ruft.

Kapital braucht die Start-up-Industrie. Locken soll Berlin daher auch mit einer eigenen Image-Kampagne an die Adresse derer, die dieses Geld haben: „Das Land Berlin könnte in seine Kampagnen auch eine internationale Aktion integrieren, die Berlin als Tech-Standort ausweist und somit dazu beiträgt, dass Investoren aus dem Ausland angezogen werden“, sagt Pawel Chudzinski vom Point Nine Capital, einem Fonds. „Zudem werden durch eine solche Kampagne auch weiterhin Talente aus aller Welt in die deutsche Hauptstadt kommen“, fährt er fort.

Und was, wenn diese Talente da sind? Auch hier gibt es konkrete Vorschläge der Branche: „Es sollten mehr städtische Angestellte als heute auch Englisch sprechen. Auch alle Formulare sollten in englischer Sprache vorhanden sein.“ Hier sieht nicht nur Siegel Nachholbedarf. Chudzinski sekundiert ihm: „Insgesamt sollten die Behörden in Berlin ausländerfreundlicher sein.“

Ins Wachstum reinvestieren

Eine konkrete, für junge Unternehmen geldsparende Maßnahme schlägt Marcel Hollerbach, Partner bei der Technologie Online Marketing Gruppe DLT, vor: „Gewerbesteuerfreiheit in den ersten drei Jahren nach Gründung“, fordert er. „Wir haben für 2010 und 2011 zusammen knapp 30.000 Euro Gewerbesteuer bezahlt. Das könnten wir natürlich auch gut in unser Wachstum reinvestieren.“

Der Regierende hatte in den vergangenen Wochen jede Menge Ärger wegen des Flughafens, der nicht fertig wird. Ein kleines Stück weit wird ihn das Thema auch bei dem Start-up-Gespräch verfolgen. Denn eines braucht der BER dringend, meint Marcel Hollerbach: „Direktflüge von Berlin nach San Francisco“.

Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte
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