Die Sicherheit Israels ist für mich niemals verhandelbar. Angela Merkel

Woher kommt der Terror im Islam?

Die Attentate auf Christen im Mittleren Osten reißen nicht ab, die jüngsten Anschläge in Kairo zeigen dies.

Ende April wird Papst Franziskus nach Ägypten reisen und sich dort auch mit den Gelehrten der ältesten islamischen Universität, der Al-Azhar, zu treffen. Alexander Görlach, Wissenschaftler an der Harvard Universität und Gründungsherausgeber von The European, hat an dieser Universität studiert. Mit ihm sprechen wir darüber, woher der Terror im Islam kommt.

Herr Görlach, Sie sind der einzige Katholik aus Deutschland, der je an der islamischen Al-Azhar Universität in Kairo studiert hat. Wie sind Sie darauf gekommen, dort hinzugehen?

Am 11. September 2001 war ich ein junger Redakteur in der Nachrichtenredaktion des ZDF, an dem Tag zuständig für die Bespielung des Videotextes. Als die beiden Türme in New York einstürzten und in den Tagen darauf immer mehr Hintergründe bekannt wurden – ich kam gerade von einer Hospitanz beim Axel Springer Auslandsdienst in New York zurück – wusste ich: das hat etwas mit dem Islam zu tun. In diesen Tagen gab es eine gemeinsame Erklärung des Vatikan und der Al-Azhar, die Gewalt im Namen der Religion ablehnte. Ich hatte in Rom an der Gregoriana studiert und dadurch und durch einen Aufenthalt bei Radio Vatikan einige Kontakte am Heiligen Stuhl, die mir in der Folge die Empfehlung für das Studium am Nil schrieben.

Sie sagen gleich, der 11. September habe etwas mit dem Islam zu tun. Was denn genau?

Das habe ich deshalb zu Beginn gesagt, weil die Diskussion, die um die Frage tobt, was der Islam mit dem Terror zu tun hat, falsch aufgezäumt ist und ich mir gut vorstellen kann, was die Befürworter und Gegner dieser These denken, wenn sie diesen Satz lesen. Sicher haben islamistische Gewaltverbrecher etwas mit dem Islam zu tun. Aber sprechen sie ausschließlich für den Islam? Für alle Muslime? Aber sicher nicht.

Wie meinen Sie das?

Es gibt nicht “den Islam”, es gibt auch nicht “das Christentum”, genau so wenig wie es “die Juden”, “die Amis” oder “die Schwulen” gibt. Sie können die Liste beliebig weiterführen. Die Einteilung der Welt in “die” und “wir” gehört zum Einmaleins menschlicher Identitätsbildung, was sie leider nicht richtig macht. Dieses “die” und “wir” hat in der Regel zur Folge, dass man den anderen als Monolith wahrnimmt und sich selber, die eigene Gruppe, als schwach und gespalten. Ein Monolith, eine Großgruppe, wirkt gefährlicher als die eigene, die man als klein oder als Teil eines zersplitterten Ganzen wahrnimmt. Deshalb dient ja der äußere Feind hervorragend zur innern Säuberung: die Ausschaltung des Gegners innerhalb der eigenen Mauern ist nahezu immer ein gleichwertiges Produkt neben der Brandmarkung des Fremden. Unser Abendland-Diskurs wird auf diese Weise schon seit über 100 Jahren geführt: aus dem Osten kommt, so die Propagandisten der Rettung des Abendlands, die Gefahr für Europa, zuerst wurde sie in der Gestalt der Bolschewisten manifest, heute sind es die Muslime. Diesem übermächtigen Feind müssen wir geschlossen gegenübertreten. Wer diese Haltung nicht teilt, wird als “Gutmensch” gebrandmarkt. Der Drang nach einer homogenen Gesellschaft ist vielen europäischen Ländern seit Jahrhunderten verankert. Unser “die” und “wir” ist in konfessionellen und nationalistischen Schattierungen vielfältig eingeübt.

Dennoch sagten Sie, dass der 11. September etwas mit dem Islam zu tun hat. Was denn nun?

Nun, umgekehrt sehen sich viele arabische Muslime als wehrlos gegenüber dem Monolith Westen. Die militärische und wirtschaftliche Dominanz des Westens hat dem Narrativ der letzten, siegreichen Religion, für die viele Muslime ihre Religion halten, nachhaltig herausgefordert und Verunsicherung gestiftet. Die islamische Welt ist heute von Nigeria bis Pakistan nur aus diesem Grund unter Feuer: die Begegnung mit der modernen Welt, dem Auto und dem Kühlschrank, dem Flug zum Mond und der historisch-kritischen Schriftauslegung: all überall finden sich Phänomene, auf die der klassische Islam keine Antwort weiß. Muslime in Nigeria wissen heute über Internet und Satelliten-Fernsehen wie Muslime in Saudi-Arabien, in Indonesien oder Malaysia leben. Das erzeugt zudem einen großen Druck von innen auf diese Weltgemeinschaft. Das ist so ähnlich wie die anglikanische Kirche, die wegen der Fragen der Ordination von Frauen zum Priester und der Haltung zur Homosexualität in eine Nord- und eine Südkirche zu zerfallen droht.

Am Ende sind es also nur Narrative, die uns voneinander trennen?

Ja. Narrative haben eine unglaubliche Macht über die Vorstellungswelten ganzer Generationen. Aus der Begegnung zwischen Europa und dem Islam, die über Jahrhunderte nur kriegerischer Natur war, speisen beide Seiten ihre Haltung, Ablehnung oder Zustimmung, gegenüber dem anderen. Es gibt, wenn wir nur einmal in der unmittelbaren Nähe Europas bleiben, den türkischen Islam, den arabischen Islam und den persischen Islam. Alle haben eigene Erzählungen und Identitäten. Von uns her betrachtet bekommen alle diese verschiedenen Menschen und Gruppen das eine Label Islam. Und wir bekommen umgekehrt von ihnen das “der Westen”. Für uns im Westen, die wir fernab der Realität islamischer Gesellschaften leben, heißt “der Islam”, das an dieser Religion und Kultur, was es über die Aufmerksamkeits-Schwelle schafft. Das sind seit dem 11. September vor allem und mit einem gewissen Recht die radikalen Gruppen, die unser Bild heute vom Islam prägen, übrigens auch für viele Muslime in der islamischen Welt. Die zahlenmäßig größte Opfergruppe des islamistischen Terrors waren sind und bleiben Muslime selber.

Ist der Islam seinem Wesen nach kriegerisch, auf Expansion oder Weltherrschaft aus? Ein Artikel, der nach ihrem Aufenthalt in Ägypten in der FAZ erschienen ist, trägt unter dem Begriff “Islamisierung Europas” die Überschrift Die Neue Weltunterordnung.

Diese Überschrift haben die Kolleginnen und Kollegen der FAZ gemacht, ich stehe aber zu ihr, da sie meine Erfahrungen an der Al-Azhar optimal reflektiert. Überlegenheitsfantasien gibt es überall in der islamischen Welt, das ist ein Teil des Narratives. Die Terrorgruppe ISIS träumt von nichts mehr, als die heilige Stadt Rom zu entweihen und die Altäre der Kirchen zu schänden. Um solche Obsessionen müssen sich Psychiater kümmern. In Situationen wie in Ägypten, wo man vor kurzem mit großem Stolz 90 Millionen Einwohner gefeiert hat, besteht immer die Gefahr, dass diese Narrative sich politisch übersetzen. Denn das Land mit einer Analphabeten-Quote von, je nachdem, wo man ist, zwischen 40 und 60 Prozent, hat keine Arbeit für all die Menschen anzubieten. Aber nun zu dem Teil der Frage, wo es um das “an sich” geht: Die Biographie von Muhammad liest sich, aus vielerlei Gründen, anders als die, zum Beispiel, des Jesus von Nazareth. Beide Figuren haben gelebt, aber ihr Leben wird nach ihrem Tod in den Erzählungen der Glaubensgemeinschaften, die sie hinterlassen, idealisiert, verklärt oder auch einfach nur in ein sprachliches Gewand gebracht, was auch, naturgemäß, ein Schritt ist, der das Leben des Religionsstifters in eine bestimmte Form packt. An den christlichen Kathedralen kann man, im architektonischen und künstlerischen Gewand, sehen, was ich meine: das Kirchenschiff ist aus der Romanik, die Seitenkapellen aus der Gothik und die Turmhaube aus dem Zeitalter des Barock. Jede Generation hat das Leben und Sterben Jesu anders gesehen und gedeutet. Wir haben keinen Grund zu der Annahme, dass diese Prozesse in einer anderen Religion anders sein könnte. Die Frage nach “dem Islam” an sich führt nirgendwohin.

Warum ist der Islam dann heute besonders gewaltsam?

Als ich an der Al Azhar studiert habe, war klar, dass diese Universität nur deshalb bestehen kann, weil sie am Rockzipfel von Machthaber Mubarak hing. Dafür wurden die Gelehrten auch kritisiert, was den Hinterhof-Moscheen der Muslimbrüder Zulauf brachte, während die staatlich kontrollierten mit Vorsicht genossen wurden. Der Islam ist in diesem Kontext immer ein politischer Islam, genau in der Weise, wie es auch ein politisches Christentum gibt. Die Instrumentalisierung der Religion durch die Politik ist immens, die arabische Welt ist kulturell und wissenschaftlich zur selben Zeit unbedeutend, kritische Zivilgesellschaften gibt es nicht.

Das politische Christentum ist aber nicht militant.

Es ist heute nicht mehr militant. Aber mir geht es nicht darum, Leichenberge aus der Vergangenheit zu vergleichen, sondern klar zu machen, wie die Phänomene, über die wir sprechen, entstehen. Sehen Sie, wenn wir über das “christliche Abendland” sprechen, dann beschwert sich der eine oder andere praktizierende Christ, dass die Leute einfach mal mehr in die Kirche gehen sollten. Das ist folgerichtig, denn diese Personen verstehen Religion als spirituelle Größe, die sie als solche in ihr Leben integrieren. Es geht aber bei der “Rettung des Abendlands” nicht um den Kirchgang am Sonntag, sondern um die Rettung einer politischen Konzeption. Europa als eine Idee, die über Karl dem Großen weit in das Zeitalter des Römischen Imperiums zurückreicht. Karl versteht Europa als ein Reich, das von der christlichen Weltanschauung, was nicht völlig deckungsgleich mit dem christlichen Glauben ist, zusammen gehalten wird. Dieses Reich war zuerst das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, Preußen machte es sich, mit analoger Rhetorik wie sein Vorgänger, zu eigen, wohlwissend, dass die Krone dieses Reiches eigentlich im katholischen Wien und nicht im protestantischen Berlin zuhause war. Die Nazis machten sich ebenfalls die Reichsidee in ihrer Ideologie zu eigen. Hitler spricht nicht umsonst häufig von der Vorsehung, um die quasi-religiösen Narrative, die politische Ordnung Europas bis dato immer wieder zu legitimieren und sanktionieren konnten, zumindest in der Rhetorik der NS-Ideologie weiterleben zu lassen. Diese Form einer politisierenden Aneignung von Religion und ihrer Instrumentalisierung in der Folge ist kein Ausnahmefall in der Geschichte, sondern die Regel.

Wie waren denn ihre Erfahrungen mit dem inter-religiösen Dialog in Ägypten?

Sehr schlecht. Die Professoren an der Al-Azhar haben Europa nur als Missionsfeld gesehen. Es hieß, wenn die Europäer den Islam wirklich verstehen, dann werden sie konvertieren und Muslime werden. In der Islamwissenschaft dort wurden folglich auch nur die europäischen Sprachen gelehrt, um Prediger für die Christen-Mission nach Europa zu entsenden. An der Al-Azhar gab es auch keine Unterstützung für sagen wir, Demokratie und Menschenrechte. Im Vatikan war man auch entsprechend frustriert. Der Dialog wurde ja auch vor ein paar Jahren dann eingestellt.

Nun gab es wieder Attentate auf Christen in Äygpten. Der Papst reist in dieses Land, in dem die größte christliche Minderhit lebt, die immer wieder Anfeindungen und Verfolgung ausgesetzt ist. Ist das eine gute Idee von Papst Franziskus oder belohnt diese Reise nicht die falschen?

Die Ägypter sehen sich als Erbe einer großen Zivilisation, gleich, ob sie Christen oder Muslime sind. Dieses Erbe ist die Grundlage des Narratives des Landes. Die gewalttätigen Islamisten wollen diesen Narrativ natürlich zerstören und die Religionsgruppen gegeneinander in Stellung bringen. Das ist in Ägypten bislang nicht gelungen und wird meines Erachtens auch nicht gelingen. Aber mit den failed states in der Region, zu denen der eine oder andere ja Ägypten selbst zählen mag, wird der Einfluss der todbringenden Salafisten leider größer und nicht kleiner. Der Papst macht ganz sicher mit seinem Besuch den Christen in der Region Mut. Aber auch den Muslimen, die guten Willens sind und unter dem Terror im Namen ihrer Religion leiden.

Sie sind als ein Befürworter der Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Merkel bekannt. Sehen Sie keine Gefahr darin, hunderttausende Muslime bei uns in Deutschland aufzunehmen?

Ich glaube nach wie vor, dass es richtig war, in der Situation im Spätsommer 2015 im Sinne der Werte, für die Europa politisch steht, und im Sinne des christlichen Humanismus zu handeln. Die eigentliche Katastrophe war doch, dass Europa sich im Hinblick eine gemeinsame Anschauung von Immigration generell und über viele Jahre einen schlanken Fuss gemacht hat und die Krise eine Folge dieser politischen Implosion war. Dass die USA in Syrien nicht eingegriffen, sondern das Feld den russischen, iranischen und türkischen Machthabern überlassen haben, war, im Kanzlerinnen-Sprech, nicht hilfreich. Frau Merkel war aber, und das habe ich schon immer in meiner politischen Kommentierung gesagt, keine gute Kommunikatorin: Interviews sind ihr lästig, ihre Politik darin zu erklären, ebenfalls. Einer generell richtigen christlichen, humanistischen Initiative, Flüchtlinge aufzunehmen, haben nicht in ausreichendem Maße staatliche Aufnahmemöglichkeiten und vor allem Sicherheitsvorkehrungen korrespondiert. Das ist, warum viele Menschen Angst bekommen haben. Das erste Interview der Kanzlerin bei Anne Will, wo sie über Sinn und Zweck von Grenzen und ihrer Sicherung philosophiert hat, hat viele Menschen verunsichert. So lange sich die Unionspartei aber vor der Tatsache verschließt, dass Deutschland schon lange ein Einwanderungsland ist und dies mit entsprechenden Gesetzen unterstreicht, kann die Kanzlerin nicht wirklich eine nachhaltige Zuwanderungspolitik machen oder verantworten.

Alexander Görlach ist Gastwissenschaftler an der Harvard University, an der er am Center for European Studies und der Divinity School im Themenbereich Politik und Religion forscht. Von 2009 bis 2015 war er der Herausgeber und Chefredakteur des von ihm gegründeten Debatten-Magazin The European. Heute gibt es das Magazine www.saveliberaldemocracy.com heraus. Für seine Promotion “Der Heilige Stuhl im interreligiösen Dialog und islamischen Akteuren in Ägypten und der Türkei” hat Görlach im akademischen Jahr 2003/2004 an der Al-Azhar Universität in Kairo studiert.

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