Was meine Frisur betrifft, da bin ich Realist. Rudi Völler

Verbindet Euch!

Die Start-up-Industrie braucht einen eigenen Verband. So kann sie ihre Interessen gegenüber der Politik und der Gesellschaft genauso stark artikulieren wie die IHK oder der BITKOM.

Das Verhältnis zwischen klassischen und neuen Akteuren im Wirtschaftsverbandswesen scheint nicht das beste. Das hört man so in der Berliner Start-up-Szene. Na dann: Gründen wir eben einen eigenen Verband! Einen Verband der Start-up-Industrie. Wir haben alles, was wir brauchen: Gute Köpfe und das Wissen, wie effiziente Prozesse erdacht und umgesetzt werden.

Was soll so ein Verband machen? Gerne hier ein Beispiel: Start-ups werden ja, wenn alles gut geht, größer. Dann braucht man mehr Mitarbeiter. Je nach Geschäftsmodell kommen diese neuen Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland. Wenn es sich um Ausländer aus so genannten Drittländern, also nicht EU-Ländern, handelt, beginnt der Verwaltungs-Spaß: Die Interessenten für einen Job in Deutschland müssen in ihren Heimatländern in die Deutsche Botschaft gehen und einen Antrag für ein Arbeitsvisum stellen. Die Botschaft prüft formal – also, ob alles ausgefüllt ist. Erst in Deutschland wird materiell geprüft – also, ob die richtigen Anspruchsvoraussetzungen vorliegen.

Fehlt nur noch die Postkutsche

Das kann, je nach Arbeitsgeschwindigkeit der jeweiligen Botschaften, zwischen zwei und sechs Wochen dauern. Übrigens wird keiner der hier beschriebenen Arbeitsschritte per E-Mail erledigt. Das geht alles über Depeschen. In dem Satz fehlt eigentlich nur noch die Postkutsche.

Wenn der Antrag materiell richtig war, geht es weiter. Gemeinsam mit einem Arbeitsvertrag des künftigen Arbeitgebers, der eine aufschiebende Klausel zu enthalten hat, die einen Beginn des Arbeitsverhältnisses für die Zeit nach der Erteilung des Visum vorsieht. Im Rahmen der sogenannten Vorrangprüfung wird nun ermittelt, ob der Drittländer keinem Deutschen und/oder EU-Ausländer in einem bestimmten Radius vom potenziellen Arbeitsplatz den Job wegnimmt. Das heißt, dass eine zentrale Stelle (ZAV – Zentrale Auslands- und Fachvermittlung) prüft, ob auf die Anforderungen, die der künftige Arbeitgeber für den Job ausgeschrieben hat, jemand anderes passt als der Ausländer.

Nun, es gibt die eine oder andere Programmiersprache, von der man dort noch nichts gehört hat. Ebenso Berufsbezeichnungen, die dann, so hört man, in Wörterbüchern nachgeschlagen und, falls sie dort nicht gefunden werden, von den auffindbaren ähnlichen Übersetzungen her abgeleitet werden. Wer sagt, dass dabei nicht immer das rauskommt, was der Arbeitgeber eigentlich gemeint hat, spitzt nicht unverhältnismäßig zu. Natürlich schreiben die potenziellen Arbeitgeber mittlerweile so genau wie möglich, wen sie für welche Stelle suchen, um hier Komplikationen im Ablauf zu vermeiden.

Zeit ist hier, wie so oft, Geld. Nehmen wir einen Bewerber, der beispielsweise in Harvard studiert hat. Er passt als einziger für eine bestimmte Funktion im mittleren oder oberen Management eines wachsenden, florierenden und boomenden Berliner Start-ups. Der Mann hat im IT-Bereich oder einem anderen für das betreffende Start-up wichtigen Feld eine einschlägige und nachgewiesene Begabung. Der Mann hat Schulden, denn sein Studium war teuer. Wenn der ganze Prozess in Deutschland drei Monate oder länger dauert, dann sind das mindestens 15.000€, die der gute Mann in dieser Zeit nicht verdienen kann. Das macht sich für ihn bei der Rückzahlung seines Studienkredits bemerkbar. Es ist dem Aspiranten auf den Job in Berlin nicht zu verdenken, wenn er da hingeht, wo er zügig mit dem Geldverdienen beginnen kann (und wo es einladender zugeht als in einer deutschen Ausländerbehörde).

Gemeinsam Druck machen

Die klassischen Akteure der deutschen Wirtschaft haben es hier besser, sowohl formal als auch inhaltlich: Ein international tätiger Konzern kann in Brasilien anstellen und nach Deutschland entsenden. Ein Ingenieur ist im englischen Dictionary ein Engineer. Was der können und tun muss, ist den deutschen Behörden sehr schnell klar.

Auch für den deutschen Mittelstand gibt es über die IHK eingespielte Wege, an gute Arbeitnehmer aus dem Ausland zu kommen. Die IHK, so hört man in Berlin, ist aber nicht so unbedingt an der Start-up-Industrie interessiert. Nun sind wir in unserer Industrie auch nicht immer an klassischen Strukturen interessiert. Ein neuer Verband der Start-up-Industrie würde sich künftig auch mit der IHK zusammensetzen. Sicher können wir auch etwas von den etablierten Verbänden lernen!

Vielleicht können wir dann gemeinsam Druck machen, wenn es darum geht, hochqualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach Deutschland zu holen. Die Prozesse, die hier staatlicherseits aufgesetzt sind, tragen. Einzig: Sie dauern zu lang. E-Mail statt Postkutsche wäre ein erster Schritt.

Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte
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