Schmalspuragenda sagt ein Schmalspurpolitiker. Joschka Fischer

Vandalierende Vaginas

Der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach hat öffentlichkeitswirksam gefordert, Gotteslästerung wieder zu tabuisieren und staatlicherseits härter zu bestrafen. In Russland nimmt man ihn beim Wort.

„Nur Gott“, so lesen wir beim Staatsrechtler Alexis de Toqueville, „kann ohne Gefahr allmächtig sein.“ Wie könnte man einen, der mit Allmacht ausgestattet ist, durch Lästerung herausfordern? Oder gar schädigen? Man kann es nicht. Keine geringere als die Heilige Schrift steht dieser Überzeugung Pate. Denn dort hören wir im zweiten Psalm: „Aber der im Himmel wohnet, lachet ihrer. Und der Herr spottet ihrer.“ Das Schändliche an der Gotteslästerung, das zweifellos vorhanden ist, richtet sich nicht gegen Gott, sondern gegen die menschliche Gemeinschaft.

Gotteslästerung trifft die Gläubigen

Die Gotteslästerung trifft ja nicht Gott, dem man bekanntlich nicht ins Gesicht sagen kann, dass man mit seinem Management unzufrieden ist. Sie trifft die Gläubigen, die sich durch die Blasphemie in ihrem Menschsein herabgesetzt sehen, da der Ungläubige meint, mit seiner arroganten Besserwisserei (weil halt aufgeklärt) die Narretei und Scharlatanerie der Religion durchschaut zu haben. Dass oft die so unfassbar krass Aufgeklärten, die gerne mal an der üppig gedeckten Tafel die Jungfrau Maria durch den Dreck ziehen, danach im Dussmann die Esoterik-Ecke leerkaufen, sich daheim neben das Bett Wundersteine legen und von Karma und Schmetterlingen auf der anderen Erdhalbkugel faseln, steht auf einem anderen Blatt.

Die Gotteslästerung trifft also die, die an Gott glauben. Durch die Provokation entsteht Tumult, aus Tumult entsteht vielleicht sogar Aufruhr. Aufruhr setzt die öffentliche Ordnung außer Kraft. Deshalb können Dinge unter Strafe gestellt werden, die dazu geeignet sind, den öffentlichen Frieden zu stören. Aggressives Autofahren ist hier in einem Atemzug mit exhibitionistischem Gebaren und Gotteslästerung zu nennen.

Zurück zu Herrn Mosebach. In Russland sitzen die MitgliederInnen der Band „Pussy Riot“, was übersetzt so viel heißen könnte wie „Vaginastraßenschlacht“, im Knast. Die Anklage lautet unter anderem auf Schüren religiösen Hasses. Christen im Land, so die Argumentation, hätten den Tanz und den Punk-Gesang im nationalen Heiligtum, der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau, als Gotteslästerung empfunden. Die Künstlerinnen hingegen sagen, dass sie mit ihrem Auftritt gegen die Führung Putin protestieren wollten. Auf Videos, die im Internet zu finden sind, sieht man verstörte und irritierte und teils auch verletzt blickende meist ältere, russische Frauen, die versuchen, die Gruppe und die, die die Gruppe für PR-Zwecke filmen, daran zu hindern, den Altarraum weiterhin zu entweihen und als Bühne zu missbrauchen.

Versuchte Kopulation auf dem Altar

Nun ist es etwas anderes, ob ein Pärchen, wie vor einigen Jahren geschehen, sich im Kölner Dom auszieht und nackt versucht, auf dem Altar zu kopulieren. Auch hier: Erregung öffentlichen Ärgernisses, locker dafür geeignet, wie es das StGB nennt, den „öffentlichen Frieden“ zu stören. Für solche Aktionen kann man bestraft werden. De facto wird der Gotteslästerungsparagraf in Deutschland aber nicht mehr angewandt. Denn eine Gotteslästerung kann weder ein deutsches noch ein russisches Gericht feststellen, weil das Gericht auch nicht feststellen kann, ob Gott existiert oder nicht.

Von daher irrt Herr Mosebach, wenn er fordert, der Staat möge Blasphemie härter und noch härter bestrafen oder durch die Androhung von Strafe wieder tabuisieren. Das wirklich existierende irdische Gericht hat mit dem vielleicht existierenden himmlischen Richter nichts gemein. Die weltliche Gewalt ist nicht für das Heil der Seelen ihrer Untertanen verantwortlich. Das ist neuzeitlicher, aufgeklärter, rechtsstaatlicher Konsens.

Umso mehr sollte es uns wundern, dass der russische Staat die „Pussies“ wegen Schürens von Religionshass, wegen Gotteslästerung wie umgangssprachlich gesagt wird, anklagt. Ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, dass es sich bei Russland nicht um einen Rechtsstaat handelt. Das Gericht würde sich sicher nicht zum Handlanger der Kirche machen. Wohl aber zum Handlanger des Präsidenten. Der wiederum nutzt die Kirche zur Stabilisierung seiner Macht. Die russisch-orthodoxe Kirche ist wieder in Form und in vollem Ornat und antimoderner Grundierung wieder im Geschäft. Seit 1990 geht es ihr wieder blendend. Die beiden Male, die ich in den vergangenen Jahren in Moskau zu Besuch war, sagten alle journalistischen Beobachter, mit denen ich gesprochen habe, mehr oder minder dasselbe: Die Kirche sei korrumpiert und an der Seite der Macht.

Auf der Seite der Entrechteten

Nun, ich muss an der Stelle nicht lange ausführen, warum das die falsche Seite ist. Immerhin gibt es auch russische Christen, die gegen die Unmilde und somit unchristliche Haltung ihrer Kirchenführung opponieren. Warum die römischen Pontifices so hartnäckig um die Gunst der bärtigen Glaubensbrüder buhlen, muss ein Rätsel bleiben. Mag sein, dass die russisch-orthodoxen Geistlichen ähnlich bunte Fummel tragen wie die römisch-katholischen. Von der Geisteshaltung und der Aufgeklärtheit bilden die Lateiner, wie Christen aller Konfession aus Westeuropa außerhalb genannt werden, eher eine Einheit.

Gott, so steht es in der Bibel an unzähligen Stellen zu lesen, steht auf der Seite der Entrechteten. Er ist also im Gefängnis bei den, sagen wir an dieser Stelle, jungen Frauen, zu finden, nicht im Kreml. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“, heißt es beim Evangelisten Lukas. Mit diesem Satz kann nur leichtfertig umgehen, der am Ende doch nicht an den Allmächtigen glaubt. Vielleicht sind Wladimir Putin und Patriarch Kyrill selbst Blasphemiker?

Wer Martin Mosebach kennt, weiß, dass er solchem obskuren Treiben nicht in die Hände spielen will. Er sollte seinen umstrittenen Essay modifizieren.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Alles richtig gemacht

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