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Tradition trifft Idee

Junge Start-ups ähneln dem klassischen Mittelstand. Innovativ, effizient, anpassungsfähig und vor allem: aufgebaut und getrieben von starken Persönlichkeiten. Für ein Duett von Klassik und Moderne.

Auf dem vergangenen Monat von „HackFwd“ veranstalteten Event „Build 0.10“ sagte Telekom-Chef René Obermann sinngemäß, dass es für ein großes Konzernschiff wie das seine wichtig ist, am Puls der Zeit zu bleiben und die Start-up-Industrie zu kennen. Neben dem Kennen investiert die Telekom auch und bietet jungen Unternehmen Möglichkeiten zu Kooperationen. Die großen Unternehmen haben (noch) das Kapital, die Start-ups die innovativen Ideen. Deshalb bekennt René Obermann, dass die Telekom davon lebt, externe Innovationen in sein Unternehmen hineinzuholen.

Im aktuellen „Spiegel“ ist ein Bericht über Otto und den Kampf des Katalog-Riesen, sich gegen Amazon auf der einen und die vielen kleinen digitalen Versandhäuser auf der anderen Seite zu behaupten. Der „Spiegel“-Artikel sagt, dass Otto vieles richtig gemacht habe auf dem Weg in das digitale Einkaufen, es dem großen Konzern aber schwerfalle, mit der Digitalisierung wirklich Schritt zu halten.

Start-ups ähneln dem Mittelstand

Wenn ein Unternehmen zu groß wird, das wissen sowohl der im „Spiegel“ zitierte Otto-Vizechef Rainer Hillebrand als auch der Telekom-Chef, werden die Wege weiter und die Entscheidungsfindungen komplexer. Obermanns Lösung ist: „Ich versuche, die Denke aus dem Mittelstand wieder in die Firma reinzuholen.“ In vielerlei Hinsicht ähneln junge Start-ups dem klassischen deutschen Mittelstand. Innovativ, effizient, anpassungsfähig und vor allem: aufgebaut und getrieben von starken Unternehmerpersönlichkeiten.

Wenn man die deutsche Unternehmergeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg anschaut, dann gibt es einige große Figuren, die das Land geprägt haben. Im Medienbetrieb wird in diesem Jahr besonders auf Axel Cäsar Springer geblickt, der 2012 100 geworden wäre. Der Festakt aus diesem Anlass war als Revue gestaltet, in der tänzerisch und darstellend das Leben des Verlegers inszeniert wurde. Was mit der Leichtigkeit einer Veranstaltung in einem Tanzlokal des Berlins der Zwanzigerjahre daherkam, hat dennoch keinen Zweifel daran gelassen, dass es im Leben des Verlegers, wie im Leben jedes Unternehmers, Höhen und Tiefen gab.

Neben der starken Unternehmerpersönlichkeit steht und fällt eine neue Idee mit dem Team, mit dem sie ins Werk gesetzt werden soll. Wer sich als werdender Unternehmer auf die Suche nach Kapital macht, sei es bei der Telekom oder bei Akteuren, die ursprünglicher und generischer aus der Start-up-Industrie erwachsen sind, der wird relativ schnell auf das Team angesprochen. „It’s the execution, stupid.“ Die Ausführung, die managerielle Umsetzung macht die Idee zum Erfolg. Eine gute Idee ist noch längst kein unternehmerischer Erfolg. Das Team zählt, jeder Mitarbeiter ist wichtig, in Entscheidungsprozesse eingebunden und in seinem/ihren Bereich ein „kleiner CEO“, also letztverantwortlich für einen Bereich der Firma. Diesen Vorteil des Mittelstands, diesen Vorteil der Start-up-Industrie werden große Unternehmen wie die Telekom oder Otto nie bieten können. Also lohnt ein Blick auf die Menschen, die in Start-ups arbeiten.

Start-ups durchleben eine Art Popkultur

Dass gerade junge Talente sich mittlerweile häufiger lieber einem Start-up anschließen, als nach der Uni bei einem etablierten Unternehmen anzuheuern, scheint in der Szene ein offenes Geheimnis zu sein. Anders als in bereits gewachsenen Strukturen, tragen Teammitglieder eines Start-ups von Anfang an große Verantwortung. Dementsprechend höher ist der Reward, wenn das Unternehmen erfolgreich ist. Einmal nachgefragt bei einer Personal-Agentur für Online-Unternehmen, wird das bestätigt: „Start-ups durchleben im Moment eine Art Popkultur“, sagt Anna Ott von i-potentials. „Sie sind für Absolventen zu einer relevanten Alternative geworden neben Beratung, Banken oder Konzernen.“ Hochschulen wie die WHU in Vallendar richten sich auf die Start-up-Industrie aus. Das IdeaLab, das jedes Jahr im Oktober in dem beschaulichen Nest in der Nähe von Koblenz stattfindet, ist attraktiv für viele in der Industrie, die auf der Suche nach guten und talentierten Neu-Gründern oder Mitarbeitern sind.

Welche Berufe gibt es denn in Start-ups, mag sich der hier lesende deutsche Mittelständler nun fragen. Da gibt es zum Beispiel die Jobs im Marketing. Online ist das allerdings etwas anderes als bei klassischen Unternehmen. Wurden dort Kampagnen entworfen und Plakatwände beklebt, geht es hier darum, im Netz auffindbar zu sein, an Orten, an denen die gewünschten Konsumenten unterwegs sind und das Produkt des Start-ups kaufen könnten. Wird im klassischen Marketing häufig mit Streuverlusten operiert, so bietet das Marketing in einem digitalen Start-up die Möglichkeit, punktgenau und auf Centbeträge heruntergerechnet, das Marketingbudget einzusetzen. Oder es gibt den Produkt Manager. Wer als ein solcher arbeitet, schaut darauf, wie sich ein neues Produkt im Markt macht, wie es weiter entwickelt werden kann. Er oder sie schaut aber nicht nur, sondern sucht nach Möglichkeiten, operativ und manageriell die Optimierungsmöglichkeiten schnell umzusetzen. Beide Berufe, so sagt Anna Ott, kann man in Deutschland nirgendwo erlernen oder studieren. Hier sieht sie Nachholbedarf bei der Politik.

Eine einseitige Versteifung auf Ingenieure kann es also nicht sein, wenn der Wirtschaftsstandort Deutschland seinen Platz in der Zukunft sucht. Die Teams um die Gründer machen den Erfolg von Start-ups aus. Dem muss die Ausbildungs- und Studiensituation im Land gerecht werden. Das heißt für mich nichts anderes, als die Tradition des Mittelstands weiterzuführen und mit neuen, innovativen Ideen und Produkten „Made in Germany“ im internationalen Wettbewerb zu bestehen.

Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte
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