Die Atlantik-Brücke hat am 2. Juli ihr 60-jähriges Bestehen gefeiert. Das transatlantische Netzwerk ist das renommierteste seiner Art. Beim Festakt sprachen Angela Merkel und Helmut Schmidt. Im Rahmenprogramm gab es ein Panel, bei dem die Zukunft der wirtschaftlichen Zusammenarbeit ein Thema war; daran schloss sich eine Rede von Guido Westerwelle an.
Während dieses Panels war auch die Start-up-Szene, die Internet-Industrie, ein Thema. Dabei wurde deutlich, dass auch im deutsch-amerikanischen Verhältnis nicht mehr nur klassische Wirtschaftsthemen und Politikfelder die Agenda bestimmen. Passend dazu war der Hinweis von Außenminister Westerwelle, dass hinter den G20-Staaten, von denen viele zu seiner Studienzeit noch Entwicklungsländer waren, schon die „Next Eleven“ stehen und ihren wirtschaftlichen Aufstieg vorbereiten. Zu diesen Ländern gehören unter anderem Mexiko, Pakistan, Nigeria, Ägypten und die Türkei. Wenn Deutschland nicht Schritt halte, dann würden wir eines Tages eine Überraschung erleben. Deutschland, so Westerwelle, habe keine Chance, allein gegen diese neuen Märkte zu bestehen: Ein tiefer integriertes Europa sei der einzige Weg.
Neue Technologien sind nicht per se demokratiefördernd
Schön, dass es in der Start-up-Industrie schon heute viele Verbindungen in der Alten Welt und darüber hinaus in die USA gibt. Drei Jahre in Folge habe ich mit anderen Internet-Unternehmern gemeinsam das Silicon Valley und San Francisco besucht. Europa und die USA liegen hier naturgemäß zusammen; der Blick geht immer zuerst auf den amerikanischen Markt. Gleichzeitig ist es uns alles andere als unbekannt, dass beispielsweise Brasilien in Sachen Online wächst und wächst.
Für die „Next Eleven“-Länder sind die neuen Technologien das Vehikel ihres Aufstiegs. Der Mobilfunk und mit ihm das mobile Internet spielen die entscheidende Rolle. Nicht nur, weil mit ihm eine Reihe von Geschäftsmodellen verbunden sind, sondern weil durch ihn die gesellschaftliche Entwicklung in den bezeichneten Ländern vorangetrieben wird. Das gilt für die Artikulation einer Zivilgesellschaft, zu der auch wirtschaftliche Akteure zählen, ebenso wie für das politische System, das durch neue Partizipations- und Organisationsformen herausgefordert wird. Die Rolle, die beispielsweise das soziale Netzwerk Facebook bei der Revolution im „Next Eleven“-Land Ägypten gespielt hat, ist bekannt.
Selbstverständlich sind diese Technologien per se nicht demokratiefördernd; der Auslöser für den Arabischen Frühling war die Selbstverbrennung eines tunesischen Händlers, der – hier hat sich seit der Französischen Revolution nichts geändert – nichts mehr zu essen hatte. Verbreitet wurden die daran anschließenden Bilder des öffentlichen Tumults über das Fernsehen. Al Jazeera und Al Arabia haben die Revolution in dem gesamten geografischen Raum maßgeblich befördert.
Wir müssen den Wandel antizipieren
Soziale Netzwerke mobil genutzt erfüllen daran anschließend einen unersetzlichen Zweck: Sie helfen der Artikulation der Zivilgesellschaft. In Ägypten, dem Land, in dem ich im Jahr 2003 selbst gelebt und in Kairo studiert habe, war die Gesellschaft von großem Misstrauen geprägt: „Wenn ich jetzt Kritik an der Regierung übe, verrät mich dann mein Gesprächspartner?“, war die Furcht von jedem, der sich öffentlich äußern wollte und sei es in einem noch so kleinen Rahmen wie der Nachbarschaft. Über die sozialen Netzwerke haben die Kritiker des Mubarak-Regimes im Jahr 2011 gesehen, dass sie nicht alleine sind. Neben diesem gruppenbildenden Aspekt hat die mobile Nutzung des Webs dafür gesorgt, dass sich die Aktivisten organisieren konnten. Heute streiten sich, nach wie vor auch über Facebook, die Ägypter darüber, wie ihr Land in Zukunft aussehen soll.
Wie Politik in der durchdigitalisierten Welt aussehen wird, das hat der Innovationsberater von US-Außenministerin Hillary Clinton, Alec Ross, im Interview mit The European gesagt:
„Aufgrund der Existenz von sozialen Medien sind wir eine Partnerschaft mit der ägyptischen Plattform ,Masrawy‘ eingegangen, welche als sehr glaubwürdig angesehen wird. Wir haben jungen Ägyptern die Möglichkeit gegeben, 30 Minuten lang Fragen an Hillary Clinton zu stellen. Wir haben nur eine einzige Vorgabe gemacht, nämlich, dass die Fragen von jungen Menschen gestellt werden. Wir bekamen Fragen von wirklich harten Bloggern und Menschen, die die USA nicht mögen.“
Neben der Politik trifft auch die Wirtschaft diese enorme Kraft der Veränderung. In Deutschland wird in dieser Woche an die „Erfindung“ des Mobilfunks vor zwanzig Jahren erinnert. Die rasante Entwicklung vom Motorola 3200 zum iPhone in nur zwei Jahrzehnten verdeutlicht, wie schnell Wandel geht und wie schnell Deutschland als Standort für Innovation und Wirtschaftskraft abgehängt sein könnte, wenn in den Ländern der „Next Eleven“ ein neuer Bill Gates in seiner Garage eincheckt. Den schnellen Wandel sogar noch antizipieren, meint Außenminister Westerwelle, sei entscheidend für Europa.
Der Fortschritt kann Konzerne überrollen
Wie die Politik haben auch Teile der klassischen Wirtschaft Beharrungskräfte, wenn es um die Verdrängung der Geschwindigkeit des Fortschritts durch das Web und das mobile Web geht. Das Verfahren geht gemäß der historischen Fehleinschätzung von Kaiser Wilhelm II.: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“ Der schnelle Fortschritt kann auch eine Internet-Größe wie Yahoo überrollen oder Technologiekonzerne wie Microsoft überraschen. Ein Sich-Einrichten in Gegebenheiten und Rahmenbedingungen funktioniert nicht mehr so wie in den – von unserer Warte aus betrachtet – entschleunigten Zeiten des Briefverkehrs.
Alec Ross bringt die Konkurrenz zu Märkten, von denen, wie Außenminister Westerwelle bei der Atlantik-Brücke sagte, wir im Moment noch nicht einmal wissen, dass sie existieren, auf den Punkt: „Die Länder südlich der Sahara, Süd- und Zentralasien und andere Orte, die historisch lange Zeit isoliert waren, sind jetzt weit weniger isoliert und bekommen wegen dieser Konnektivität nun Zugang zu Märkten und Ideen. Das war in der Vergangenheit nicht möglich.“
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