Als ich im vergangenen Jahr „Freiheit oder Anarchie? Wie das Internet unser Leben verändert“ gemeinsam mit dem SPD-Politiker Björn Böhning herausgebracht habe, brach bei der von „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher moderierten Präsentation des Buches Streit zwischen uns beiden aus, als es um die Bedeutung der Kreativ-Wirtschaft für Deutschland ging. Meine Vision vom Arbeiten in dieser Industrie bezog sich auf die Möglichkeiten dezentraler Werktätigkeit, dem Ausschalten von klassischen Produktions- und Vertriebswegen und dem Hinweis, dass wir in den westlichen Industrienationen ebenso wie in Russland und China im Hinblick auf demografischen Wandel immer mehr onlinebasierte Dienstleistungen brauchen. Deutschland ist nicht mehr nur allein ein Schwerindustriestandort. Björns Kritik war vor allem mit dem Argument unterfüttert: Ihr seid nicht so viele, schon gar nicht im Vergleich zu denen, die immer noch am Fließband stehen, also hört auf, von eurer schönen neuen Arbeitswelt zu fabulieren.
Mobiler Wachstumsmarkt
Über alle anderen Aspekte des digitalen Wandels waren Björn Böhning und ich uns weitgehend einig: Mit den neuen Technologien werden nicht nur existierende Industrien herausgefordert, sondern es entstehen neue Geschäftsideen und -modelle. Die Medienbranche ist ein gutes Beispiel dafür: Die Auflagen der gedruckten Tageszeitungen und der Wochenmagazine geht kontinuierlich zurück. Der gelesene Nachrichtenkonsum wandert beständig ins Netz ab; das vergangene Jahr war aber zugleich das mit Rekordquoten beim klassischen Fernsehen. Während die klassischen Verlage Verlierer dieses Wandels sind, reüssieren die Fernsehanstalten, allerdings nur für einen kurzen Augenblick: Die Überalterung der Zuschauer der öffentlich-rechtlichen Sender ist allseits bekannt. Die Unter-Vierzig-Jährigen nutzen die Mediatheken, geben also wenig auf klassische Programmplanung. Auch hier schlägt die Stunde neuer Geschäftsideen.
Diese Geschäftsideen haben schon längst nicht mehr etwas mit dem Browser-Internet zu tun, sondern drehen sich um mobile Nutzung. Das Smartphone, sei es von Apple oder einem anderen Anbieter, ist das Produkt, für das derzeit die meisten Dienstleistungsprodukte komponiert werden. Der Anteil am Gesamtvolumen der Internetnutzung über das Smartphone ist in den letzten zehn Jahren von einem auf zehn Prozent gestiegen. Wer hier für die Zukunft weiteres Wachstum vorhersagt, ist kein Prophet.
Interessen gegenüber der Politik artikulieren
Je augenfälliger dies ist, umso mehr beginnen sich klassische Anleger für die Start-up-Industrie zu interessieren. Start-ups sind nicht mehr nur etwas für Risiko-Kapitalgeber, sondern auch für einen normalen Anleger. Deshalb wundert es mich nicht, dass seit einiger Zeit die Einladungen beispielsweise von Privat-Banken zunehmen, die zum Kennenlernen in ihre Repräsentanzen einladen. Ein gewisser Fokus liegt bei diesen Häusern auf Fonds, die das Risiko für den ungeübten Start-up-Anleger minimieren und gleichzeitig über die gelernte Mechanik von Fonds eine gewisse Anschlussfähigkeit garantieren sollen. Auch die Politik entdeckt die Start-up-Industrie: Jüngst hat die Bundeskanzlerin eine kleine Anzahl Internet-Unternehmer in das Kanzleramt eingeladen. Die Bedeutung der Industrie nimmt zu – wenn man die Beachtung durch die Politik als Indikator nimmt. In dem Maße, wie dieser Prozess voranschreitet, werden Online-Unternehmer lernen müssen, ihre Interessen gegenüber der Politik zu artikulieren.
Björn Böhnings Argument ist im Übrigen nicht richtig: Nach Angaben des Branchenverbands Bitkom hat die ITK-Branche im Jahr 2010 rund 843.000 Personen beschäftigt. Damit ist sie nach dem Maschinenbau der zweitgrößte Arbeitgeber in der deutschen Wirtschaft.
Newconomy ist die neue Kolumne der Berliner Start-up-Industrie. Sie beschreibt Szenen auf der Schnittstelle zwischen neuer und klassischer Ökonomie, zwischen Politik und Unternehmertum. Newconomy ist gesponsert durch die Factory, der neue Start-up-Standort in Berlins Mitte
https://www.facebook.com/FactoryBrln
www.factoryberlin.com
twitter: @factoryberlin.
Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexander Görlach: Ausgelernt
















