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In babylonischer Gefangenschaft

Ewiggestrige verweigern Papst Franziskus die Gefolgschaft. Dabei ist der Reformer vom anderen Ende der Welt die einzige Hoffnung der verknöcherten Kirchenhierarchie aufs Überleben

Die neue Äußerung des Papstes, sie erregt die Gemüter am rechten Rand der katholischen Kirche. Der Pontifex aus Argentinien höhle das Kirchenrecht aus, zerstöre die Substanz des Glaubens. Die Unauflösbarkeit der Ehe stehe zur Disposition. Es war, ist und bleibt sonderbar, wenn eine Gruppe alter, unverheirateter Männer über die Ehe spricht. Aber geschenkt. Der Papst versucht auf ein Faktum zu reagieren, dass vor allem in den Gesellschaften des Westens offensichtlich ist. Anders als zu Christi Zeiten werden die Menschen heute nicht zwanzig, fünfundzwanzig oder manchmal sechzig Jahre alt: sie werden siebzig, achtzig, neunzig Jahre alt. Und so wird die Dauer einer Ehe länger. Einen Menschen, den man mit 30 geheiratet hat, mag man aus Gründen, die zwar nicht im Kirchenrecht zu fassen aber dennoch allzu menschlich sind, mit fünfzig nicht mehr lieben.

Sind Geschiedene Gescheiterte?

Diese Erkenntnis wird von manchem als Scheitern erlebt. Aber das Leben besteht nicht nur aus österlichen Siegen, sondern auch aus solchen Momenten. Darf die Kirche auch heute noch, angesichts der zunehmenden Lebenserwartung, hier die Geschiedenen zu Gescheiterten erklären? Es ist offenkundig, dass ein menschliches, empathisches “Nein” hier näher am Evangelium und einem lebensbejahenden Verständnis der Sakramente liegt, als das knöcherne, tote und nach Fäulnis riechende Gift der ewig Gestrigen.

Letztendlich könnte der Papst aus Argentinien machen, was er will, denn er ist nicht der Papst der Orthodoxen. Die Freude an Brockat und Spitze, die mit Benedikt XVI. in den Vatikan einzogen, vermissen sie. Die zugegeben rustikale, wenig flamboyante Art des ersten Lateinamerikaners darf sicher irritieren, man muss den Aufritt in Romika Schuhen ästhetisch nicht goutieren. Aber hängen daran das Gesetz und die Propheten? Nein, hängen sie nicht.

Es gibt diejenigen, die wollen, dass sich in der Kirche nichts ändert, weil sie sich nicht ändern wollen. Weil aus der Volkskirche schon längst eine Milleukirche geworden ist, in der hinter den römischen Kragen allerlei Luderhaftes geschehen darf, solange es nicht nach außen dringt. Der Missbrauchsskandal, der die katholische Kirche in allen Teilen der belebten und von ihr christianisierten Welt erschüttert hat, sollte er nicht zu etwas mehr Demut verleiten?

Gewissen über Paragraph

Die Herrschaft des Gewissens über den Paragraphen ist nicht erst seit Luther im Bewusstsein des Christenmenschen lebendig. Sie gilt auch für den Katholiken, der seinem gewissen als innerer Stimme immer verpflichtet ist, vorausgesetzt, er hat dieses Gewissen geprüft und sich auf den Weg seiner Erforschung begeben.

Der Papst aus Argentinien ist ein Segen für die Kirche, die in ihrer europäischen Grundierung um sich selbst kreist. Der Pole auf dem Petrusthron hat geholfen, den Kommunismus zu Fall zu bringen. Der Deutsche hat die Kirche auf ihr philosophisches und patristisches Erbe verpflichtet. Dem Lateinamerikaner kommt eine Mammutaufgabe zu: die Kirche aus der babylonischen Gefangenschaft ihrer Selbstgerechtigkeit führen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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