Wenn ich träumen will, gehe ich schlafen. Sahra Wagenknecht

Der Satan löscht die Lichter aus und lässt die Welt erblinden

Der erdrutschartige Sieg der AfD in Hessen zeigt, dass Deutschland wieder am Rand apokalyptischer Zerstörung tanzt. Ein Lied aus Zeiten des christlichen Widerstands gegen Hitler klagt an.

Die Kommunalwahlergebnisse in Hessen sind ein Schlag. Aus dem Stand ist die AfD zweistellig, das ohnehin in der Vergangenheit für die politische Rechte anfällig Hessen ist einmal mehr in die „Ausländer raus“-Falle getappt. Hessen ist das Bundesland des Unions-Hartliners Alfred Dreggers und der rassistischen „Kinder statt Inder“-Kampagne von Roland Koch. Es ist ein Bundesland im Westen, nicht im Tal der Ahnungslosen gelegen wie Dresden. Die Landtagswahlen am kommenden Wochenende in zwei west- und einem ostdeutschen Bundesland werden nicht weniger erschreckend werden für Freunde der freien Gesellschaft als die hessische Kommunalwahl.

Die geringe Wahlbeteiligung zeigt erneut, woran unsere Demokratie krankt: dass viele sie für selbstverständlich nehmen. Dass die Suche nach dem verdammten Smartphone-Ladekabel länger und intensiver betrieben wird als die Suche nach einer Antwort auf drängende, komplexe Fragen der Gegenwart.

Es sind nicht die wehrhaften Verteidiger des Abendlands, die Deutschland ruinieren werden, sondern die Abständigen, diejenigen, die so tun als hätte das politische System in dem sie leben, nichts damit zu tun, dass Deutschland eines der reichsten Länder der Welt ist. Mitten in Europa hat es erheblich von den Gastarbeitern profitiert. Auch von denen, die geblieben sind, weil diese Steuern gezahlt, Kinder geboren und die Gesellschaft mitgetragen haben. Mit tragen heißt nicht Schweinefleisch essen und Koma saufen, sondern die Ordnung respektieren, in der man lebt. Tausende türkische Kleinunternehmer, türkische Ärzte und Anwälte hat das Deutschland gebracht. Daneben die Italiener, Spanier, Portugiesen, Griechen. Zum Dank gab es immer wieder und in Schüben xenophobe Attacken, deren Protagonisten behaupteten, die Ausländer nähmen den Deutschen die Jobs weg.

Konstante Selbstbeschäftigung führt in den Untergang Deutschlands

Selbst heute, im Auge von Vollbeschäftigung, Rente mit 63 und Mütterrente behauptet das vermögendste Volk der Erde, das die Flüchtlinge ihm alles nehmen werden. Denn: Die haben sogar Handys! Diese Anti-Flüchtlings-Rhetorik ist bis weit ins bürgerliche Lager verbreitet. Sie wird dadurch nicht richtiger. Und diese Rhetorik trägt auch mit keinem Jota dazu bei, die Flüchtlingskrise zu verstehen und zu bewältigen. Es ist vielmehr die konstante Selbstbeschäftigung der Deutschen mit sich selbst zu besichtigen. Unsere Gesellschaft sei verweichlicht, behaupten die neuen Rechten und setzen auf Macho-Diktatoren wie Herrn Putin in Russland. Weich ist in Deutschland scheinbar nur der Damm zivilisatorischer Errungenschaften, wenn Nicht-Parteien wie die AfD allein mit Menschenfeindlichkeit solche Wahlerfolge erzielen können.

Denn damit unterzeichnet jeder Wähler, jede Wählerin dieser unkultivierten Horde den Schießbefehl an der deutschen Grenze. Jede Wählerin und jeder Wähler sagt ja, zur Bedrohung der politischen Konkurrenz, der Gleichschaltung des Kulturbetriebs, der Einschränkung der Meinungsfreiheit. Dafür steht die AfD und das wird man auch in jedem kleinen Dreckskaff in Hessen merken, wenn sich dieses braune Krebsgeschwür weiter ausgebreitet haben wird.

Der erfolglose Rückzug ins Private

Und es wird sich leider ausbreiten. Die geringe Wahlbeteiligung mag auch schon – zumindest zu einem gewissen Teil – den ohnehin schon vorangeschrittenen Rückzug vieler in die Privatheit bezeugen. In der falschen Annahme, dass man zuhause wenigstens nicht behelligt werde, zieht man sich in seine vier Wände zurück, die das Persönliche markieren. Dieser heilige Bezirk wird aber von der Verfassung der Republik garantiert. Er wird ganz sicher nicht von einer radikalen rechten Regierung respektiert werden. Die Diktaturen in Nazi-Deutschland und der DDR belegen das. Es gibt keinen Rückzugsort mehr geben. Dann wird wieder gejammert, man habe das alles nicht gewusst und noch weniger gewollt.

Aus der Zeit des christlichen Widerstands gegen Hitler und die Nationalsozialisten gibt es ein Adventslied, das mit der Zeile beginnt „Der Satan löscht die Lichter aus und lässt die Welt erblinden.“ Die Blindheit, mit der viele Deutsche damals geschlagen waren und heute geschlagen sind, wird, bei aller Poetik in der Sprache, nicht vom Leibhaftigen hervorgerufen, sondern von Menschen, die der Komplexität der Wirklichkeit mit der Einfachheit ihrer Antworten begegnen wollen. Dazu kommt ein Feindbild, das so lange bedient wird, bis der andere, im Fall heute der muslimische Flüchtling, kein Mensch mehr, sondern ein Ding ist. Über Flüchtlinge wird empathielos gesprochen, sie werden entmenschlicht. Das Denunzieren der Andersdenkenden, auch ein Signum totalitärer Umsturzversuche, ist bereits im vollen Gange und zielt auf das Parlament und die Medien. Zudem will die AfD den Kulturbetrieb gleichschalten und Deutschtümelei auf unseren Bühnen.

Ein neues, braunes, christliches Bürgertum

So bestärkt fühlte sich das Kölner Konzertpublikum im Jahr 2016 nach Christi Geburt berufen, bestärkt und aufgefordert, einen iranischen Künstler auszubuhen, der sich in englischer Sprache an die Besucher wandte. Sein Spiel, moderne „un-deutsche“ Musik, wurde hernach ebenfalls angegriffen. Das Konzert wurde abgebrochen. Ein weiteres, schockierendes Beispiel: In Bayern hat sich ein katholischer Priester aus einer Gemeinde wegversetzen lassen müssen, weil er aufgrund seiner Hautfarbe Angriffen bis hin zu Morddrohung ausgesetzt war. Der Mann war schon seit einigen Jahren in Deutschland seelsorglich tätig. Es gibt also tatsächlich wieder braune Katholiken, die sich nur von einem weißen Priester den gewandelten Leib des jüdischen Zimmermannsohns, Flüchtling seines Zeichens, in den Mund legen lassen möchten. Das muss man sich einmal, nebst Oblate, auf der Zunge zergehen lassen. Auch das ist, leider Gottes, Deutschland im Jahr 2016. Und eine Realität in der katholischen Kirche.

Man wird sich also in wenigen Jahren wundern, wie eine Kulturnation, eine christliche Nation wie Deutschland sich so rasant wandeln, wie die Stimmung so umkippen konnte. Das freundliche Gesicht der Willkommenskultur des Herbstes 2015 ist im Frühjahr 2016 überrannt von der hässlichen Fratze des ewigen Deutschen, der Ausländer und alles Fremde hasst. Entweder die Anständigen stehen jetzt auf und wählen am kommenden Sonntag demokratische Parteien in die Landtage oder der Weg ins Dunkel wird unumkehrbar. Dann wird aus Deutschland ein neues Russland, eine neue Türkei, ein LePen-Staat. Wie hässlich.


Der Satan löscht die Lichter aus und lässt die Welt erblinden.
Wir suchen einen Weg nach Haus und können ihn nicht finden.

O Heiland, komm, o komm geschwind! Du bist den Schiffen Weg und Wind,
du lässt uns heimwärts finden.

Die Menschen treiben arge List und sinnen viele Lügen. Wir suchen den, der Wahrheit ist, uns seinem Wort zu fügen.

O Heiland komm, o komm herzu! Du bist die Wahrheit und die Ruh, du lässt uns nicht betrügen.

Thomas Klausner 1935


Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Eine echte Politikerin

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