Ein Präsident ist wie ein Friedhofswächter: er hat viele Leute unter sich, aber keiner hört zu. Bill Clinton

Du bist so wunderbar, Berlin

Aus dem Süden weht ein Lüftchen gen Berlin : Die Hauptstadt könne nichts. Nun, sie kann vor allem tolerant und liberal sein. Zwei Qualitäten, die dem selbstgefälligen Bayern abgehen.

berlin bayern münchen

Nun, der vornehme Süden hat sich mal wieder an der glorreichen Hauptstadt gerieben. In meiner Heimat hätte man dieses Vorgehen mit “der Neid der Besitzlosen” beschrieben – und recht gehabt.

München kann in Toleranz und Weltoffenheit nicht mithalten

Berlin ist seit Frühling 2006 meine Heimat. Zuvor habe ich in München gelebt, davor in Mainz. Der Südenwesten mit seiner katholischen Pracht, den Kaiserdomen, der Fastnacht, dem Riesling hat mich geprägt. Und die tolerante, weltoffene Art am Rhein, wie ich sie in meiner Kindheit erlebt habe, war gute Zurüstung für ein Leben, das mich aus Deutschland hinaus und, wieder zurück, in Deutschland nach Berlin geführt hat. München kann in Sachen Toleranz und Weltoffenheit nicht mithalten. Ich habe meine Zeit dort, ich habe an der LMU studiert, zwar gut verbracht, aber: die Stadt hat eine Einheitskultur: eine Mode, für Mann und Frau, ein Preisniveau. Entweder du gehörst dazu oder eben nicht. Wenn nicht: Pech gehabt. Und damals waren acht Euro für eine Maß im Bootshaus, einem ansprechenden Bierlokal im Englischen Garten, viel Geld. Nicht jeder kann sich das leisten.

Deshalb war nach München Zeit für was Gescheites. Das Leben in einer Stadt, die sich gerade am neu erschaffen war, die Leistungsbereitschaft honoriert und nicht Herkunft betoniert, die locker, liberal und frei ist. In der man bar jeden gesellschaftlichen Drucks single, schwul, vegan, oder sogar CDU-Wähler sein konnte: Berlin! Berlin ist das New York Deutschlands: wer es hier schafft, der bringt es überall zu etwas. Denn mit soviel Vielfalt umgehen zu können, in der Psychologie Ambiguitätstoleranz genannt, ist eine Leistung! Die Konformitätssehnsucht mancher Bayern weist sie als Menschen aus, deren Stärke genau das nicht ist. Viel lieber: Ein Gott, ein Glaube, ein Vaterland.

Dazu folgendes: Ich lebe lieber in einer Stadt mit einer Mehrheit religiös indifferenten Menschen zusammen, als mit einem Haufen CSU-Katholiken, die christlich im Parteinamen führen, ansonsten aber eine Rhetorik an den Tag legen, die den Namen des Nazareners und seine Botschaft auf das widerlichste beschmutzen. Dann lieber das synkretistische House of the One, das im Herzen Berlins gebaut werden soll, und in dem sich die monotheistischen Strömungen begegnen. Religion kann etwas ganz Tolles sein, ist es aber leider nicht immer. Die Bewahrer des Abendlands in Dresden und Budapest sind in Wahrheit Vielfaltsfeinde. So wie Daesh Rom erobern möchte, so ist es ihre Sehnsucht, den liberalsten aller Orte in Deutschland, Berlin, mit ihrer Leitkultur zu planieren und die Besiegten unter der Tatze des bayerischen Löwen zu deponieren.

Unfreundlich sind die Menschen, die in München leben!

Unfreundlich sind die Menschen, die in München leben! Sie haben sich schon vor zehn Jahren im Straßenverkehr aufgeführt wie die letzten Affen. Da wirst du als Radfahrer in den Graben gehupt, angepöbelt, auf das schlimmste beschimpft. In nichts, wirklich nichts, steht die Münchener Bevölkerung an Unerzogenheit hinter dem rhetorischen Können eines Berliner Bus- oder Taxifahrers. Einmal, meine Eltern besuchten mich, flanierten wir über den Viktualienmarkt. Es war nirgend wo ein Platz auf einer der Bierbänke für uns frei und wer glaubt, dass die genusssüchtigen Münchener, so wie es etwa im Goldenen Mainz am Rhein seit Jahrhunderten Brauch ist, zusammenrücken würden, damit wir ihre frohe Runde bereicherten, unterliegt einer falschen Grundannahme im Hinblick auf Münchener Empathiefähigkeit. Aus einer Ecke winkte es dann doch noch heftig, hier, hier sei noch Platz. Nach dem Niedersetzen kam raus: die Leute waren eigenen Angaben zufolge letzte "Exemplare echte Münchener, also solcher mit Benehmen. Und sie beschwerten sich heftig über die vielen Zugereisten, die aus München diese arrogante, neureiche Stadt gemacht hätten.

Nun wir Zugereisten in Berlin sind anders, wir integrieren uns sanft, werden toleranter, gemütlicher und lernen eben, dass andere Menschen Dinge anders sehen als wir selbst. Bayern, dieses trotzige Hinterwäldler-Paradies, hat nie aufgehört, dem Rest des Landes eigentlich überlegen sein zu wollen. Das ist der Unterschied in der Attitüde. Einer Attitüde, die nervt.

In Berlin klappt nicht alles, zugegeben. Auch das nervt. Kein Ausweis seit über einem Jahr, da das Bürgeramt quasi nicht arbeitet. Und bei jeder neuen Inszenierung der Schaubühne ist fest davon auszugehen, dass Ausnahmetalent Lars Eidinger dem kulturell versierten Besucher mindestens einmal sein nacktes Gemächt vorm Gesicht baumeln lässt. Ob man das braucht, sei dahin gestellt. Taxifahrer sind in der Hauptstadt meist ein Graus, nehmen keine Kreditkarte, und wenn, dann kommen €1,50 oben drauf, die direkt an en Senat gehen. Der damit keine Ahnung was macht, auf jeden Fall nicht in die Kapazitäten der Bürgerämter investieren. Das Lageso ist ein Schandfleck und ohne das Engagement der Berliner, das sich wiederum hinter dem der Münchener nicht verstecken braucht, ginge in der Hauptstadt nichts.

Horst spaltet gerade die Union, die Bayern, die Deutschen und Europa

Wenn man die Wahl hat, bei einem gesellschaftlichen Event mit Klaus Wowereit oder Horst Seehofer zu plaudern, glaubt wirklich einer, dass Horst Seehofer dann das Rennen macht? Ich habe Klaus immer gesagt, dass ich ihn nie gewählt habe, aber er war in allem dennoch ein Landesvater, dem man begegnen konnte. Landesväter müssen sammeln, nicht spalten. Nun, Horst spaltet gerade die Union, die Bayern, die Deutschen und Europa. Klasse!

Ja ich weiß, unser Flughafen und so. Ehrlich gesagt: solange Tegel offen bleibt, ist mir alles recht. Denn, nun gut, ihr wisst es ja in München, der Transrapid zum Bahnhof. Prust. Haltet also einfach die Fresse mit eurem funktionalen, aber schlecht angebundenen Flughafen.

Berlin bringt aufgrund seiner erstklassigen Atmosphäre jede Menge Talent in die Stadt: aus Deutschland und aus dem Ausland. Die selbst gekrönte “Weltstadt mit Herz”, in der man in einen Club ohne Hemdkragen nicht reinkommt, ist da weit abgehängt. Die Start-Up-Industrie erwirtschaftet mehr als das Baugewerbe in der Stadt, das sagt schon einiges aus. Ja, es gibt keine DAX-Konzernzentralen. Aber wenn die auch noch nach Berlin zögen, Kinder, dann wäre in der Fläche Deutschlands gar nichts mehr. Ist doch gut, dass sich die wirtschaftliche Kraft über das ganze Land verteilt.

Ich war jüngst in Mexiko. Da kannte jeder, also jeder, der sich für elektronische Musik interessiert, das Berghain, den besten Club der freien Welt. Wer dahin am Sonntagmorgen zum Tanzen geht, der, so nennen es viele, “geht zur Kirche”. Auch eine Art seinen Glauben zu leben, einen Glauben unter vielen. So wie es über 300.000 Muslime gibt und rund 350.000 Katholiken, der Autor hier ist einer davon.

In Bayern habe ich viele Kruzifixe auf den Häusern und an den Wänden gesehen, auch viele Madonnenbilder. Aber letztendlich ist die Rhetorik, die gerade wieder aus Bayern zu vernehmen ist, so Menschen verachtend und unchristlich, dass ich lieber in einer wirtschaftlich schwächeren Stadt mit großer Ambiguität lebe, als in einem Bundesland, dessen Christlichkeit und Bürgerlichkeit nur Fassade ist.

Lesen sie dazu: Fünf Gründe warum Berlin eine miserable Hauptstadt ist

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Alles richtig gemacht

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