Deutschland ist, wenn neben den Containern für Weiß-, Grün- und Braunglas drei einsame blaue Flaschen stehen. Marina Weisband

Wir sind schuld!

Unsere Erregungskultur haben wir bis zum Überdrehen gebracht: es fing mit Stuttgart21 an, ging über die Causa Wulf und hat nun einen weiteren Tiefpunkt erreicht. Als Gemeinschaft ist das deutsche Volk am Ende und es kündigen sich amerikanische Verhältnisse an. Angetan hat uns das nicht der Russe oder der Ami, sondern wir selbst mit unserer satten Selbstgefälligkeit.

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Es ist einfach alles gesagt. Für den Moment. Die Stimmen sind heiser, nachdem sie sich zuvor überschlagen haben. Deutschland verwandelt sich in rasanter Geschwindigkeit in ein Irrenhaus. Diese Analyse mag für manchen schon wieder als Parteinahme für die eine Seite gewertet werden, das ist aber nicht die Absicht. Der rationale Diskurs ist schon lange auf Urlaub. Man kann eigentlich sagen, was man will, man wird so oder so nieder gebrüllt. Es gibt kein Diktat von oben, das eine oder andere nicht mehr äußern zu dürfen, wie es manche Brandstifter und Scharfmacher nahe legen. Untereinander achte n die Deutschen schon ausreichend stasi-esk darauf, was der andere wie formuliert und meint, so dass viele das schon, wahrscheinlich zu recht, als geistige Denkblockade wahrnehmen, die ihnen übergestülpt wird.

Aufgelöst werden kann diese vertrackte Situation nur durch das Handeln der Politik. Doch das beschränkt sich im Moment vor allem auf Ankündigungen und findet unter dem Primat der Empörung und Beschwerde dergestalt statt, dass man, wenn man einem Politiker oder einer Politikerin einer der in Berlin regierenden Partei zuhört den Eindruck gewinnt, sie seien gar nicht an der Macht und mit der Gestaltungskompetenz von allen deutschen Staatsbürgern ausgezeichnet worden. Denn wenn man über ein politisches Gedächtnis verfügt, dann weiß man, wie häufig schon bei entsprechenden Ereignissen die „volle Härte des Rechtsstaats“ angekündigt wurde, eine säkulare Form des Zorns Gottes. Aber der Herr und sein Zorn, sie kommen nicht nur in der Bibel, sondern auch in der bundesdeutschen Realität, nur im Säuseln. Die politische Ordnung wird im Moment ausgehebelt an dieser Stelle: Symbole funktionieren nicht mehr, die politischen Akteure scheinen in schnellem echten Handeln nicht mehr geübt zu sein.

Ungarn Entscheidung nicht Schuld an Flüchtlingsanstieg

Denn klar ist: die Aufnahme der Flüchtlinge, die im September 2015 in Ungarn festsaßen, war nicht der Anfang der neuen Migration, sondern nur ein markanter, ikonographischer Moment. Schon vor dem September des vergangenen Jahres waren die Zahlen der Personen, die als syrische, irakische, afghanische Flüchtlinge in Deutschland Obdach erbaten, in die Höhe geschnellt. Die symbolische Handlung, die Aktion vorgeben sollte, war schon nur eine hilflose Reaktion auf die Macht des Faktischen.

So ist die Bevölkerung in Deutschland nach wie vor die tragende Stütze der Unternehmungen mit den Flüchtlingen: ohne die Zivilgesellschaft, das freiwillige Engagement tausender Menschen und der Bereitschaft, wildfremde Menschen bei sich aufzunehmen, wäre das Land schon längst unter der Last der Kriegsflüchtlinge zusammen gebrochen. Nicht nur das sprichwörtliche Gottvertrauen der katholischen Bayern, auch die 1a-Verwaltung des südlichen Bundesstaates, in dem, trotz aller Polterei der dortig regierenden CSU, dafür gesorgt wird, dass Menschlichkeit gepaart mit Kompetenz die Aufgabe der Flüchtlingsregistrierung und Unterbringung meistert. An jeder anderen Landesgrenze wäre schon, das sagt man in Berlin unter nur halb vorgehaltener Hand, schon längst Chaos ausgebrochen.

Aber zurück zur Diskurs-Erregung: Was die Deutschen nun ernten, sind die Fürchte von jahrelangen wohlstandsverwöhnten Debatten und Diskussionen. Mal verschärfte sich der Ton aufs Äußerste, weil in Stuttgart ein neuer Bahnhof unter die Erde gelegt werden sollte. Dann war das Land in Dauer-Erregung, weil der Bundespräsident unter anderem wegen einer Verköstigung am Oktoberfest vor Gericht gezerrt (und am Ende erster Klasse frei gesprochen) wurde.

Debatte zu Islam ist nicht neu

Und dann ist da die Dauerdebatte zu Islam und zur Einwanderung; auch sie ist nicht neu: Wir hatten schon vor Jahren einen selbst ernannten „Kalifen von Köln“, der seine Frauen und Kinder vom deutschen Wohlfahrtsstaat durchfüttern ließ, dem Staat der „Ungläubigen,“ den er bis ins Mark verachtete. Nicht zurück geführte, also ausgewiesene Asylsuchende vom Balkan und anderenorts machten öffentliche Orte wie die Frankfurter Konstabler Wache schon vor einem Jahrzehnt zu einem Platz, an dem Spießrutenlauf angesagt war, nicht nur für Frauen, natürlich im besonderen Maße für diese, sondern für alle Bürger, die sich die Augen rieben angesichts der großen Zahl von herumlungernden Gestalten. Die Politik hat in all diesen Fällen nicht entsprechend gehandelt. Die Flüchtlinge des vergangenen Jahres legen das nun mehr allenfalls offen, weil mit ihnen, wie im Brennglas verdichtet, die ganze Misere ans Tageslicht tritt.

Das Fazit ist niederschmetternd: Wenn der letzte Flüchtling dereinst einmal in seine Heimat zurück gekehrt sein würde, bliebe Deutschland als emotionales Trümmerfeld zurück. Das Land im Wohlstand, dass sich danach sehnt, vom Rest der Welt nichts mitbekommen zu müssen, hat sich von den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen (Stichwort Digitalisierung) zu lange vornehm fern gehalten, besoffen am eigenen Erfolg und unfähig, sich selbst zu erneuern. Dafür ist man lieber in die gesellschaftliche Vereinzelung gezogen. Die Volkskirchen sind erodiert, die Gewerkschaften, die Parteien. Im Prinzip ist das Gemeinsame nicht mehr erkennbar, und ein Besuch in München und ein Besuch in Dresden muss dem Gast wie ein Verweilen in zwei verschiedenen Kosmen vorkommen. Die Rechthaberei ist ein Sargnagel für die Zukunft unseres Landes, der Neid und die Beharrung auf dem Status Quo sind die beiden anderen.

Der Rest Europas versinkt im Chaos

Neben Deutschland versinkt der Rest Europas im Chaos: Polen, Ungarn, die Slowakei, Frankreich, England. Alle ziehen sie ihre Zäune und Grenzen wieder hoch, die einen wollen aus der Union aussteigen, die anderen keine Muslime in ihren Ländern. Auch hier gilt: wir schaden uns mehr selbst als die Flüchtlinge dazu jemals in der Lage wären. Im Moment stehen 70 Jahre Nachkriegsordnung auf dem Spiel und die Engländer heulen ihrem Empire nach genauso wie die Franzosen und die Polen wollen einen katholischen Gottesstaat errichten? Es ist grotesk – und Deutschland trägt, aufgrund seiner Alleingänge in der Energie- und der Krisenpolitik der vergangenen Jahre und nun auch wegen seines Alleingangs in der Flüchtlingskrise ebenfalls einen Anteil daran, dass die Europäische Fahne für viele nur noch der Stoff wert ist , aus dem sie gewebt ist.

Die Ereignisse von Köln in der Silvesternacht hat in Deutschland die Rhetorik sich überschlagen lassen. Nun sind alle (langsam, hoffentlich) heiser, wie beim Wachwerden mit einem Rausch am Neujahrsmorgen. Gewonnen haben alle nichts, nur verloren. Europa und sogar Amerika reagieren gereizt auf die Ereignisse. Es gibt leider nichts Mut machendes zu sagen im Moment und keinen Stern, der uns die Richtung weist.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Alles richtig gemacht

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