Wenn ich mich in eine Idee verliebe, ist der Tag perfekt. David Lynch

Scheeler Beigeschmack

Wir müssen Walter Scheel den Ehrensold aberkennen. 30 Jahre lang so viel Geld abzukassieren, ist unmoralisch. Oder worum geht es bei dem Streit um den Ehrensold von Christian Wulff?

Die Diskussion um den Ehrensold trifft meine Argumentation, dass wir in unserer säkularen Demokratie dann doch auf einen Schuss Metaphysik nicht verzichten möchten. Also der Begriff der Ehre. Das erinnert an Schlachtfelder, Duelle, Rituale in Burschenschaften. Oder jemand wird zur „Ehre der Altäre“ erhoben, also heiliggesprochen. Dieser Begriff also nun im politischen Diskurs im Deutschland des 21. Jahrhunderts. Ziemlich deplatziert.

Als Karl Theodor zu Guttenberg sich im Bundestag zu seiner Dissertation äußern musste, kommentierte einer der Parlamentarier, dass der Adel früher ja gewusst habe, was in einer solchen Situation zu tun sei. Der Parlamentarier, Dietmar Bartsch von der Linkspartei, spielte auf die durch das Plagiat vermeintlich verlorene Ehre des Freiherrn an. Einer solchen Peinlichkeit könne eigentlich nur der Sturz ins eigene Schwert folgen. Ebenso deplatziert.

Zwei Bundespräsidenten an die Ansprüche der fünfziger Jahre verloren

Nun ist der Terminus technicus Ehrensold keiner, der für die Causa Wulff speziell entwickelt worden wäre. Der Bundespräsident wird in den Ruhestand verabschiedet mit der entsprechenden Apanage. Wir erlauben uns auf diese Weise eine Art Royal Family, die Riege der Bundespräsidenten, die für die Interessen des Landes durch dasselbe tourt, für ein bestimmtes Anliegen in der Öffentlichkeit steht und dafür wirbt und auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt als Identifikationsfigur gelten kann.

Dieses ganze Modell ist überholt, was nicht an Christian Wulff liegt, sondern an der Vorstellung, die wir von der Person des Bundespräsidenten als Oberhaupt der Nation haben. Wir haben zwei Bundespräsidenten in Folge an die Ansprüche der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts verloren. Darüber zu reflektieren, was das für uns Deutsche und das Amt heißt, ist sicher keine Zeitverschwendung.

Ein Volk von Sozial-Neidern

Warum wird der Begriff der Ehre nun von allen Seiten bemüht, um Christian Wulff das Ruhegeld streitig zu machen? Hier geht es um die vollkommene Demontage eines Mannes, der bis vor Kurzem noch auf dem Zenit seiner Karriere stand. Den Mann vor den Trümmern seines Lebens zu sehen, reicht anscheinend nicht aus. Nun muss er auch noch materiell zu Boden getreten werden.

Das verrät viel über den mediokren Sinn der Deutschen, denn immerhin sind, laut „Bild“ von heute, 84 Prozent der Bundesbürger gegen den Ehrensold für Christian Wulff. Die Deutschen sind neidisch und bemerken in ihren Reihenhaussiedlungen sehr wohl, wer zwei Tage länger Urlaub macht als sie und wessen Auto nicht nur ein 320, sondern gar ein 320i ist. Der Sozialneid ist so stark ausgeprägt, dass jahrzehntelang alles in die materielle Mitte strebte und ein Konformsein um jeden Preis in dieser Gruppe, der Mittelschicht, raison d’être war.

Walter Scheel soll auf seinen Ehrensold verzichten

Voll Misstrauen beäugen sie den Aufstieg der Anderen in ihrer Gruppe, die durch die Mittelmäßigkeit aufeinander verwiesen bleibt. Christian Wulff wird im Moment im Getriebe dieses deutschen Mechanismus zerrieben. Dass ein ehemaliger Bundespräsident, der bereits 30 Jahre lang die Bezüge der Ehre genossen hat, mit draufschlägt und ex cathedra verlangt, der Pönitent Wulff möge auf seinen Ehrensold verzichten, macht ihn zum traurigsten Vertreter der hier beschriebenen Geisteshaltung.

Kann man wirklich, wenn man den von den Wulff-Kritikern postulierten Ehrbegriff anführt, so viel wertschöpfend für sein Land tun, das einem die Zahlung von Euro 200.000 über mehrere Jahrzehnte rechtfertigt? Oder sollte man aus Gründen der Ehre nach zehn Jahren nicht auf die Hälfte verzichten und nach zwanzig auf alles?

Die Akklamation des Mobs ist nicht ausschlaggebend

Die Formalia für den Ehrensold, nennen wir es weniger pathetisch das Ruhegeld, sind im Falle Christian Wulffs erfüllt. Das hat das Bundespräsidialamt entschieden. Es geht bei diesem Verfahren um die Anwendung von Regeln und nicht um ein affektgeladenes Lynch-Empfinden der Masse. Sollte der Bundespräsident verurteilt werden, auch das wird im Rechtsstaat nicht durch die Akklamation des Mobs festgestellt, sondern durch ein ordentliches Gerichtsverfahren entschieden, wird er diesen Ehrensold verlieren. Weil es die Regeln so wollen.

Der Begriff der Ehre im Sold ist die Wurzel des Übels der aktuellen Diskussion. Ob man Ehre hat oder nicht, ist keine Frage, die über finanzielle Bezüge bestimm- oder rückkoppelbar ist.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Görlach: Alles richtig gemacht

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