Nur Staaten erzeugen die notwendige Stabilität. Gleichzeitig können sie der Quell allen Übels sein. Francis Fukuyama

„Das Leben in Berlin wird nie perfekt sein“

Italiener sind leidenschaftlich und essen Pasta – nur arbeiten tun sie nicht so gerne. Oder? Alessandro Cassigoli und Tania Masi haben einen Film über Italiener in Berlin gemacht. Julia Korbik erzählen sie, warum „La Deutsche Vita“ gar nicht erst versucht, auf Klischees zu verzichten.

The European: Herr Cassigoli, Frau Masi: Ihr Dokumentarfilm „La Deutsche Vita“ beginnt recht bedrückt – Sie erwähnen die typische „Winterdepression“, die Italiener in Berlin befällt. Hat die Winterdepression Sie dieses Jahr schon erwischt?
Cassigoli: Nein, dieser Winter war bisher der allerbeste! Aber generell stimmt es: Die Winterdepression erwischt mich jedes Mal. Wir haben sie tatsächlich als Ausgangspunkt für unseren Film benutzt – und gleich zu Anfang beschlossen, nur im Winter zu drehen. Wir mögen diesen Kontrast zwischen dem Winter und den Italienern, die durch die Stadt laufen und mit ihren Problemen klarzukommen versuchen. Man liest den Titel „La Deutsche Vita“ und blickt gleichzeitig auf den grauen Himmel.

Masi: Im Sommer ist es leicht, Berlin zu mögen – man hat Spaß, alles ist angenehm. Aber der Winter ist wie eine natürliche Selektion: Menschen, die damit klarkommen, und solche, die nicht damit klarkommen. Wir haben uns entschieden, in dieser Stadt zu leben, also mögen wir es natürlich hier. Trotzdem: Was für mich wirklich schwer zu akzeptieren ist, ist der graue Himmel. Dieser Berliner Winter war bisher der tollste – und ich lebe hier seit 1998!

The European: Im Film sagen Sie, die Winterdepression sei „der Moment, in dem einem klar wird: Man ist Migrant.“ Wie muss man das verstehen?
Cassigoli: Ich würde es die „Sieben-Jahres-Krise“ nennen, weil ich seit sieben Jahren in Berlin lebe. Am Anfang dachte ich immer: „Vielleicht ziehe ich zurück nach Italien, vielleicht in eine andere Stadt.“ Im siebten Jahr gibt es plötzlich diesen Moment, in dem man realisiert: „Ich ziehe nicht mehr umher, ich werde wahrscheinlich hier bleiben.“ Und dann beginnt die Konfrontation.

The European: Wie ist die Idee, einen Film über in Berlin lebende Italiener zu machen, entstanden?
Masi: Alessandro und ich sind in Florenz zusammen zur Schule gegangen. Durch Zufall haben wir uns Jahre später in Berlin wiedergetroffen. Wir haben beide Filme gemacht und begonnen, uns über all die Italiener zu unterhalten, die in Berlin eintrafen – sehr viel mehr als noch zehn Jahre zuvor. Wir merkten, dass da eine Art Bewegung im Gange war und wollten ein Bild von diesem Augenblick machen. Es ist interessant: Vor 20 Jahren wollten die Italiener, die nach Berlin kamen, in der Industrie arbeiten, in Fabriken, in der Gastronomie. Die Italiener, die heute kommen, haben einen Master-Abschluss oder einen Doktor. Sie kommen nicht nur, um zu arbeiten – sie kommen, um ihr Leben zu verbessern.

Cassigoli: Wir wollten diese Dinge durch unsere Augen filtern, indem wir etwas sehr Persönliches machten – keine Erhebung oder wissenschaftliche Untersuchung.

„Wir denken ständig darüber nach, zurückzugehen“

The European: 20.000 Italiener leben offiziell in Berlin und noch 10.000 weitere. Das macht sie zur drittgrößten ausländischen Gemeinde. Im Film wird erwähnt, dass es in Italien eine richtige „Berlin-Mania“ gibt. Was ist das Besondere an Berlin?
Cassigoli: Es fing vor ungefähr fünf Jahren an. Ich denke, weil Berlin etwas Neues war. Jeder kennt Paris oder London. Aber Berlin veränderte sich sehr schnell. Und alles, was wir aus Berlin hörten, waren Erfolgsgeschichten. Natürlich gibt es auch andere Geschichten – nichts ist nur schwarz und weiß.

The European: Trotzdem sagen Sie im Film: Von Deutschland kommt man nicht mehr los, wenn man einmal hier gelebt hat.
Cassigoli: Für mich ist das normale Leben hier so viel einfacher als in Italien.

Masi: Man muss sich über bestimmte Dinge keine Gedanken machen. In Italien verschwendet man eine Menge Zeit damit, zu überlegen und zu planen. Zum Beispiel, wann man den Bus nehmen muss: Man weiß nie, wann er ankommt. Man muss früher aufbrechen, um ihn zu erreichen. Man muss Steuern hier zahlen, man muss Steuern da zahlen. In Deutschland macht man eine Überweisung einfach per Internet, in Italien muss man dafür persönlich zur Bank gehen. Diese Dinge, die dir qualitative Lebenszeit rauben, sind hier einfacher. Ein Klick auf bvg.de und man weiß, wann die nächste Bahn kommt.

The European: Trotz der guten Lebensqualität in Deutschland: Haben Sie schon einmal daran gedacht, in Ihre Heimat zurückzugehen?
Masi: Natürlich! Meine Familie lebt dort, meine Freunde … Wir denken ständig darüber nach, zurückzugehen, aber dann schauen wir uns die Mietpreise an und die Steuern. Eine Menge Steuern: Ich müsste von Januar bis Juli quasi umsonst arbeiten, um die Steuern zu bezahlen. Von Juli bis Dezember würde ich dann für mich selbst arbeiten. Also verbringt man ein halbes Jahr damit, einzig und alleine für den Staat zu arbeiten. Es ist einfach schlauer, hier in Berlin zu bleiben. Aber klar: Es gibt auch den emotionalen Teil in mir, der will, dass ich in der Nähe meiner Familie bin.

Cassigoli: Wir haben so viele ältere Italiener getroffen, die seit 40 Jahren in Berlin leben. Sie haben uns gesagt, dass sie jetzt wahrscheinlich wieder zurück nach Italien gehen. Da war zum Beispiel dieser Frisör, der nach 40 Jahren in Deutschland immer noch darüber nachdachte, zurückzugehen. Es zeigt, dass das Leben in Berlin nie perfekt sein wird.

„Ein paar Klischees tun nicht weh“

The European: Die Italiener in „La Deutsche Vita“ reden sehr viel über Vorurteile und Klischees: Wie sind die Italiener, wie die Deutschen? An einer Stelle wird die „italienische Doppelmoral“ erwähnt. Was muss man sich darunter vorstellen?
Cassigoli: Es geht um die Verbindung mit der Kirche. Natürlich ist das ein Klischee – nicht alle Italiener sind so. Im Grunde genommen meint „italienische Doppelmoral“, dass man die schlimmsten Dinge tut und dann einfach in die Kirche geht, um sie zu beichten. Man ist wieder „sauber“.

Masi: Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, ist nicht wirklich eine italienische Eigenschaft. In Deutschland muss man immer Verantwortung übernehmen. Das musste ich selbst auch erst mal lernen.

The European: Ist es wirklich so einfach: Italiener sind laut und leidenschaftlich, Deutsche kühl und kontrolliert? Bedient der Film da nicht auch die typischen Klischees?
Masi: Na ja, wir haben nicht versucht, Klischees zu vermeiden. Wir wollten einfach die Dinge annehmen, die die Leute uns gegeben haben.

Cassigoli: Letztendlich ist der Film eine Komödie, er soll lustig sein. In diesem Zusammenhang tun ein paar Klischees nicht weh.

The European: Gibt es an Ihnen denn etwas typisch Italienisches?
Masi: Wenn ich telefoniere, stelle ich immer sicher, dass ich zumindest eine Hand bewegen kann – deshalb habe ich jetzt ein Headset, denn so kann ich mit beiden Händen gestikulieren. Wenn ich die Straße entlang gehe, ins Handy spreche und dabei mit den Händen herumfuchtele, fangen die Leute zu lachen an. Sie wissen sofort: Ich bin Italienerin!

The European: Mit welchen Klischees über Italiener werden Sie immer wieder konfrontiert?
Cassigoli: Ich persönlich mag Kaffee nicht besonders. Ich trinke keinen Kaffee und Deutsche laden mich ständig auf einen Kaffee ein. Es heißt dann: „Ich weiß, wo es tollen Espresso gibt!“ Aber ich esse tatsächlich jeden Tag Pasta. Das ist die Sache mit Klischees: Manchmal stimmen sie, manchmal nicht.

The European: Sie behaupten, die Deutschen würden die Italiener lieben, aber nicht respektieren. Woran liegt das?
Cassigoli: Nun, man könnte sagen, dass die Deutschen Italien lieben, italienisches Essen. Aber wenn es um „die Italiener“ geht, denken viele Leute: „Italiener arbeiten nicht und sind in der Mafia.“ Ein Klischee mit einem gewissen Körnchen Wahrheit. Italiener hingegen sind immer beeindruckt, wie die Deutschen arbeiten, wie sie Dinge organisieren. Aber auf einer persönlichen Ebene würden wir Italiener wahrscheinlich nicht sagen: „Wir lieben die Deutschen.“

Masi: Im Film sagt jemand: „Deutschland ist Arbeit, Anstrengung und amore.“ Es war unser Ziel, uns als Italiener nicht zu ernst zu nehmen. Wir wollten über uns selbst lachen.

„Das Problem in Italien ist nicht ein Politiker oder eine Partei – sondern das System“

The European: Viele Italiener kommen auch deshalb nach Deutschland, weil in Italien die wirtschaftliche Situation angespannt ist. „Bei uns ist nichts zu tun – nur Arbeitslosigkeit“, heißt es im Film. Jetzt hat Matteo Renzi die Zügel in der Hand. Geht es mit Italien bergauf?
Masi: Tatsächlich kommt Renzi aus unserer Heimatstadt Florenz, auf Italienisch Firenze. Jetzt wird Florenz nicht mehr Firenze genannt, sondern Fir enzi. (lacht) Sicher, ich freue mich darüber, dass die Dinge sich bewegen. Aber wenn man so viele Jahre in Italien gelebt hat, muss man feststellen, dass sich letztendlich nicht so viel ändert. Das Problem in Italien ist nicht ein Politiker oder eine Partei. Das Problem ist wirklich dieses riesige System, das komplett feststeckt – es bewegt sich nicht. Ein Kasten-System. Die politische Klasse in Italien hat so viel Macht und so viel Geld, dass es sehr schwierig ist, daran etwas zu ändern. Das Ganze ist einfach zu weit entfernt von den Bürgern. Eine Person allein wird deshalb nicht viel bewegen können.

The European: Sie haben das Kasten-System erwähnt. Der Film „La Grande Bellezza“, eine Art Hommage an die römische Oberschicht, feiert gerade große Erfolge, hat den Europäischen Filmpreis und den Oscar abgeräumt. Wie realistisch ist die Darstellung von Roms Reichen und Schönen?
Masi: Man muss sich bewusst machen, dass Rom in zwei Welten geteilt ist. Die Welt der Menschen, die ein Haus mit Dachterrasse haben, und die Welt derjenigen, die das nicht haben. Der Film porträtiert diese Parallelwelt, die sich jenseits der Realität befindet. Wenn ein Freund dich zu einer „Rooftop“-Party einlädt, betrittst du eine besondere Gesellschaft!

Cassigoli: In „La Grande Bellezza“ gibt es eine Szene, wo der Hauptcharakter, elegant gekleidet und nonchalant, den Fluss überquert. Er geht an drei Männern vorbei, die sich unterhalten und dabei viele Schimpfwörter benutzen – plötzlich kreuzen sich die beiden Welten, einfach, indem man die Flussseite wechselt. Diese beiden Welten existieren tatsächlich – so ist Rom.

The European: Letzte Frage: Wann wird die italienische Bruschetta sich in Deutschland als Fast-Food-Alternative zu Döner und Co durchsetzen?
Cassigoli: Interessante Frage!

Masi: Bruschetta als Alternative zur Currywurst? Der Italiener, der in „La Deutsche Vita“ Bruschetta auf einem Markt verkauft, Mauro, ist auf dem Fusion Festival sehr bekannt geworden. Er hat dort in den letzten Jahren Bruschetta angeboten und hatte so viele Kunden! Was zeigt: Bruschetta kann dich tatsächlich berühmt machen.

„La Deutsche Vita“ läuft vom 6. bis 19. März in ausgewählten Berliner Kinos.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Jacques Attali: „Deutschland droht der ökonomische Selbstmord“

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