Arbeit bedeutet auch Selbstverwirklichung. Norbert Blüm

Ein revolutionäres Projekt

In diesem Jahr wird die Oktoberrevolution hundert Jahre alt. Im nächsten Jahr wird der 200. Geburtstag von Karl Marx begangen. Auf Fachkonferenzen und Tagungen, in Zeitschriften und Magazine wird der Marxismus analysiert. In der universitären Ökonomieausbildung vernachlässigt, immer wieder für ungültig erklärt – und nun doch eine potenzielle theoretische Alternative zur Grenzwerttheorie?

Die Grenzwerttheorie hat offenbar keine Antworten auf die Herausforderungen des digitalen Kapitalismus mehr zu bieten, so jedenfalls scheint es. Für den Marxismus scheint eine unerwartete Renaissance möglich. „[K]önnte es sein, dass wir ihnen vieles verdanken?“ – erinnerte Le Monde diplomatique in der deutschsprachigen Oktober-Ausgabe an den schillernden Diskurs vom „Ende der Geschichte“ aus dem Jahr 1991, als der Kommunismus sich dem Ende neigte und der linksliberale Rechtsanwalt und Mitglied der Académie française, Jean-Denis Bredin, die ketzerische Frage stellte: „All diese Dickschädel und Sektierer, diese Dauerstreiker, diese Unruhestifter in unserer Fabriken, und auf den Straßen, diese Starrköpfe, die andauernd Reformen verlangten und dabei von der Revolution träumten, diese gestrigen Marxisten, die dem Kapitalismus den Schlaf raubten.“

Könnte es tatsächlich sein, dass wir den revolutionären Dickschädeln etwas zu verdanken haben? „Ein progressives Steuersystem, Arbeitsgesetze, Achtstundentag, eine Sozialversicherung und die Weigerung, den Besitzenden die Kontrolle über den Staat zu überlassen“, zählt Le Monde auf, „haben für bestimmte Teile der Gesellschaft den Mythos Oktober nicht gebrochen.“ Nicht zu vergessen: die „umfassende Bildungs- und Forschungspolitik“, die bereits „in den ersten Revolutionsjahren und trotz großer materieller Not“ betrieben wurde und der es zu verdanken war, „dass die Sowjetunion den ersten Menschen ins All schicken konnte“.

Kapitalisten streiken (auch)

Von diesem Hintergrund kaum überraschend, dass es auch ausgerechnet der Marxismus war – in seiner ganz besonderen, auf das südamerikanische Modell beschränkten Form –, der der Kybernetik die Chance einräumte, ihr Können unter Beweis zu stellen. Der Pionier der Kybernetik, der britische Wissenschaftler und Autodiktat Stafford Beer, konnte in einem praktischen Projekt zeigen, was die relativ junge Wissenschaft – die Kybernetik – im Dienste der Menschheit zu leisten in der Lage ist, im Jahr 1972, als ein landesweiter Streik Chile erschütterte. Von konservativen Geschäftsleuten, die durch die Verstaatlichung und Zentralisierung der Wirtschaft zunehmend an Einfluss verloren und die sozialistische Regierung boykottierten, ausgelöst, war der Streik eine der schwersten Krisen, mit denen der damalige Präsident Chiles Salvador Allende ‒ erst seit 1970 im Amt ‒ konfrontiert wurde, erinnerte Eden Medina im Journal of Latin American Studies.

Die Regierung nutzte das sich damals gerade im Aufbau befindliche Computersystem – genannt „Cybersyn“, wobei es sich um eine Synthese aus den englischen Wörtern „cybernetics“ und „synergy“ handelt –, um die Verteilung der knappen Güter im bestreikten Land zu koordinieren. Brennstoff und Nahrung wurden knapp. Tag und Nacht ratterten in der Krisenzentrale die Faxe, um die Ressourcen dorthin umzuleiten, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. Dies gelang durch Unterstützung von gerade 200 regierungstreuen Lastwagenfahrern, während sich 40.000 weitere im Streik befanden. Obwohl der Streik nicht nur das Land schwächte, sondern auch einige für die Regierung verhängnisvolle politische Veränderungen mit sich brachte, wurde Präsident Allende im Oktober nicht gestürzt ‒ um nicht mal ein Jahr später, im September 1973, dem Militärputsch zu unterliegen.

Cybersyn

Der Held des Oktoberstreiks war ein kybernetisches System, das jedes Unternehmen in der zunehmend verstaatlichten Wirtschaft mit einem Zentralcomputer in Santiago verbinden und so eine Ad-hoc-Steuerung der Produktion sowie Reaktionen auf etwaige Krisen ermöglichen sollte. Mit dem Projekt befasste sich Stafford Beer persönlich. Er unterbrach dafür andere Projekte und eilte nach Chile, um „Cybersyn“ aufzubauen. Das Kommunikationsnetz von Cybersyn basierte auf einem Netzwerk von Faxverbindungen zu den verstaatlichten Unternehmen und zum Rechenplatz auf einem Großcomputer. Einmal täglich wurde der Produktionsstatus von den Unternehmen in die Zentrale übertragen, analysiert, wurden Entscheidungen getroffen und an die Betriebe zurückgespiegelt. Die ambitionierteste Komponente von Cybersyn war jedoch CHECO, CHilean ECOnomy, auch „Futuro“ genannt. CHECO sollte die Wirtschaft anhand aktueller Daten modellieren und die künftige ökonomische Entwicklung simulieren. Dies erinnert zwar an die heutigen Big-Data-Prognosemodelle, doch CHECO folgte einem wissenschaftlichen Konzept: Das Gros der Arbeiten an dem Simulator wurde in England unter der Leitung des Experten für Operations Research, Ron Anderton, durchgeführt. Die besondere Herausforderung an das System bestand darin, dass die Simulationen unter sich ständig ändernden Marktbedingungen erfolgen mussten.

Die letzte Komponente von Cybersyn war das Opsroom, eine am Modell eines von Briten während des Zweiten Weltkrieges konzipierten „War Room“ angelehnte Kommando- und Krisenzentrale – so konstruiert, dass sie auch vom Arbeiterkomitee bedient werden konnte, nicht nur von Regierungseliten. Die Ausrüstung wurde aus Großbritannien importiert und ein Prototyp des Opsroom eingerichtet. Das Cybersyn sollte – bei optimistischer Planung – für die ersten 30 Unternehmen bis August 1972 „online“ gehen. Eine ambitionierte Zeitplanung, auf die moderne Digitalisierungsprojekte neidvoll blicken dürften.

Technologie ist keine Ideologie

Der Grund, aus welchem dieser enorme Aufwand betrieben wurde, war die Notwendigkeit, eine über große Entfernungen verstreute Unternehmensstruktur Chiles zu koordinieren. Es sollte ein Instrument der ökonomischen Steuerung und Kontrolle sein – und in der chilenischen Gesellschaft ein elektronisches „Nervensystem“ implantieren, welches fähig war, die wirtschaftliche Transformation Chiles mitzutragen und sie mit den sozialistischen Prinzipien der Regierung Allendes in Einklang bringen. Eine enge Korrelation zwischen Allendes Auffassung von Marxismus und der beerschen Kybernetik war im Projekt Cybersyn beabsichtigt. Dennoch wäre es ein Missverständnis, Kybernetik als marxistische Technologie zu klassifizieren. Kybernetik, so die Auffassung von Beer, sollte keine eigenen Ideologien entwickeln. Aber es sollte eine Ideologie bestätigen können. Sein Ziel war es, das Industriemanagement zu transformieren und die chilenische Wirtschaft innerhalb eines Jahres „fully effective“ zu machen, unnötige Bürokratie eliminieren und den Arbeitern neue Möglichkeiten zur Teilnahme an der Fabriksteuerung einzuräumen, schrieb er in einem Bericht im Oktober 1972. Auch wenn Cybersyn die Ziele vom Jahr 1973 nicht mehr erreichen konnte, so bewies es seine Funktionsfähigkeit während des großen Oktober-Streiks: mit 500 Faxgeräten, einem Großrechner, einer kleinen Gruppe von Mitarbeitern und etwa 18 Monaten Projektzeit.

Trotz der unbestrittenen Erfolge endete Cybersyn mit dem Beginn der Militärdiktatur in Chile. Die neuen Herrscher fanden die offenen, egalitären Aspekte des Systems unattraktiv und zerstörten es, schrieb Andy Becket in The Guardian. Stafford Beer soll Angebote aus Brasilien und Südafrika erhalten haben, ähnliche Systeme zu bauen, lehnte diese jedoch im Hinblick auf die damalige politische Lage ab. Hinzu kam die Kritik vonseiten des damaligen US-amerikanischen Computer-Gurus Herb Grosch, der in Zweifel zog, dass Beer in der Lage gewesen sei, sein Modell in wenigen Monaten im Rahmen einer „primitiven“ Infrastruktur umzusetzen“. Beer widmete sich anderen Projekten, Wissenschaftler flüchteten aus dem Land, und Cybersyn endete als eine kurze kybernetische Episode der chilenischen Geschichte: die des kybernetischen Sozialismus.

Schreibmaschinen? Das Ende vom Fax

Dass sich Experimente, wie Cybersyn, heute wiederholen könnten, ist eher unwahrscheinlich. Und das liegt nicht in der Tatsache begründet, dass der Kommunismus, der Projekten wie Cybersyn einen nährhaften Boden bot – nicht nur in Chile, sondern inzwischen auch im gesamten Ostblock – zu Ende gegangen ist, sondern an einem ganz praktischen Hindernis, dass wir nämlich kaum noch Faxgeräte besitzen, um im Krisenfall ein alternatives Kommunikationsnetz aufzubauen und zu betreiben. Der Schwund zeichnet sich zunehmend in den Unternehmen und Behörden ab, in denen die altmodischen Faxgeräte oft nur noch verstaubt im Regal herumstehen in Erwartung der Abholung durch die Schrotthändler. In den alten Briefvorlagen bleibt die Kopfzeile mit der Faxnummer immer öfters frei – oder wird durch eine neue mit E-Mail-Adresse ersetzt. Bei den faxfähigen Multifunktions-Kopiergeräten wird die Faxfunktion bei der Auslieferung gar nicht mehr freigeschaltet. Auch die Entwicklung in den privaten Haushalten ist – stagnierend.

Das Statistische Bundesamt erfasst für fünf Jahre die Ausstattung privater Haushalte in Bezug auf die Informations- und Kommunikationstechnik (letzte Erfassung 2013) . Der Anteil der Haushalte, die mit einem Faxgerät ausgestattet waren, lag 1998 bei 14,8 Prozent und stieg 2003 auf 20,7 Prozent. Dabei ist es praktisch geblieben: Bis zum Jahr 2013 kletterte die Anzahl auf gerade 23,8 Prozent, während die Anzahl der Mobiltelefone von 11,2 1998 auf 92,7 Prozent 2013 hochschoss – und der Anteil der Internetanschlüsse in derselben Zeit von 8,1 auf 80,2 Prozent stieg.

Im Hinblick auf diese Zahlen und angesichts der Internetausfälle oder kaum unkontrollierbarer Angriffe auf sensible kritische Infrastrukturen lässt sich aus dem Experiment Cybersyn noch eine weitere Lehre ziehen: Eventuell wir sollten nicht voreilig auf die alten, analogen Systeme ganz verzichten und sie reparieren, um im Notfall gegebenenfalls darauf zurückgreifen zu können. Wie der Wired-Redakteur Andy Greenberg empfahl: Trotz der Risiken müssen wir nicht auf unsere hyperkonnektive Infrastruktur der Zukunft verzichten, aber wir sollten für einen Bereich zur „manuellen Überbrückung“ sorgen. Wenn Hacker den Aufzug zu unserem Hochhaus-Appartement gehackt haben, wird man nämlich froh sein, wenigstens noch die Treppe nehmen zu können.

Der Essay enthält Auszüge aus dem Beitrag „Kybernetischer Marxismus“, erschienen in: Neue Gesellschaft – Frankfurter Hefte 10,2017.

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