Am Ende hat alles mit Macht zu tun. Andreas Mühe

Gibt es Facebook in zehn Jahren noch?

Stellen Sie diese Frage nie in einem Raum voller Tekkies. Sie riskieren, eine Antwort darauf zu bekommen. Eine sehr ausführliche, wenn es darauf ankommt. Oder gleich mehrere. Sie müssen Ihnen nicht gefallen. Denn wir wissen beinahe nie mit Sicherheit, welche Entwicklungen sich lohnen werden und welche nicht.

Peter Thiel, Mitbegründer von PayPal und mittlerweile Wagniskapitalgeber, hält die Innovationskraft in den USA für erlahmt: „Wir wollten fliegende Autos, und stattdessen haben wir 140 Zeichen bekommen“, sagt er. Mittlerweile herrscht auch in den deutschen Medien großer Skeptizismus: Wir würden nur noch die Gegenwart verwalten, seien des Fortschritts unfähig geworden und arbeiten immer noch die To-do-Liste aus den 1960ern ab. Forschung, Innovation, Fortschritt: Nihil novi.

Fragen, Fragen und immer wieder Fragen …

„Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?“ – eine tiefgründige Frage (ungefähr so tiefgründig wie die nach den persönlichen Stärken und Schwächen), die zumeist in Bewerbungs- und Motivationsgesprächen mechanisch von apathischen Personalern gestellt wird. Eine Frage, die wir inzwischen routiniert beantworten können. Doch wie sieht die Welt in zehn Jahren aus? Und warum ist es überhaupt wichtig, dass wir uns darüber Gedanken machen?

Weil die Gegenwart die Zukunft beeinflusst, antwortet der belgische Philosoph Pascal Chabot. Das, was wir heute ersinnen, treibt die Innovationen und Ideen von morgen an. Doch auch umgekehrt – die Zukunft beeinflusst die Gegenwart., indem die Visionen der Zukunft, die Zukunftsmodelle, Science-Fiction-Romane und -Filme – von StarTrek, Matrix, Terminator, über Isaac Asimovs Robotergeschichten oder Foundation Trilogie, Stanislaw Lems Solaris oder Der Futurologische Kongress –, denen wir dank VR-Brille von Facebook jetzt erstaunlich nahekommen können – die Ideen von heute speisen. So zum Beispiel die Teene-Komödie Zurück in die Zukunft, die uns im Jahr 1985 eine Vision des Jahres 2015 bescherte. Uns wurden Weltraumreisen versprochen, wir sollten fremde Welten kolonisieren, durch die Zeit reisen und eine Mondbasis bauen. Da das aber alles wider Erwarten nicht eingetreten ist, scheinen unsere Zukunftsperspektiven auf wenige Alternativen geschrumpft zu sein. Wir bekamen Facebook. Und Talkshows.

So verwundert es nicht weiter, dass die beiden Zeitreisenden aus dem Jahr 1985, Marty McFly und Doc Brown aus Zurück in die Zukunft, für ihre Landung am legendären 22. Oktober 2015 ausgerechnet die Jimmy Kimmel Talkshow ausgewählt haben. Und erfuhren: Fliegende Autos gibt es nicht, Howerboards auch nicht, Schuhschnürsenkel muss man sich auch noch eigenhändig zubinden. Kein Problem, das Beste an der Zukunft seien sowieso die Smartphones, erklärt der Talkmaster. Dieser kleine Supercomputer, der es einem Wissenschaftler ermöglichen würde, komplexe Berechnungen in Real Time anzustellen – Doc Brown erkennt sofort das Potenzial dieser Erfindung –, werden von den Menschen dafür benutzt, sich gegenseitig lachende Gesichter (Smileys) zu schicken. „Verzeihen Sie die Frage“, mischte sich Marty McFly alias Michael J. Fox in die Konversation ein, „aber was zum Teufel haben Sie in den letzten dreißig Jahren gemacht?“

Zweifel an der Methode

Prognosen sind eine schwierige Sache, so Mark Twain, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Die Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen heutzutage eintreten, macht es noch schwieriger, künftige Trends vorherzusagen. Besonders, da es an der Methode Zweifel gibt, aus historischen Daten Trends der Zukunft ableiten zu können. „Mit Induktion kann man allenfalls Tendenzaussagen für das Verhalten großer Gruppen machen“, sagt der Wiener Ökonom Rahim Taghizadegan der WirtschaftsWoche. Die Prognostiker würden historische Daten sammeln, die Rückschlüsse auf Zusammenhänge in der Vergangenheit zulassen, aber aus denen sich keine Gesetzmäßigkeiten ableiten lassen, die treffende Aussagen über die Zukunft ermöglichten. „Wenn ich sechs Tage hintereinander Orangensaft trinke, kann es sein, dass ich am siebten Tag Apfelsaft bestelle. Aus der Beobachtung, dass ich sechs Tage Orangensaft getrunken habe, lässt sich nicht folgern, dass ich nur Orangensaft trinke“, sagte Taghizadegan. Menschen seien frei in ihren Entscheidungen. Deswegen sei die deduktive Methode – und nicht die Regressionsanalyse – geeignet, um ökonomische Zusammenhänge zu erkennen und daraus dann potentielle Trends abzuleiten.

Sehr vereinfacht gesagt: Bevor sich der Mensch mit künstlichen Intelligenz (KI) auseinandersetzt, muss er sich noch mit der natürlichen Intelligenz befassen. Genau genommen: mit seiner eigenen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass nicht jedes Programm, das große Datenmengen auswerten und die Entscheidungsfindung unterstützende Aussagen liefern kann, automatisch künstliche Intelligenz ist. Vor zehn Jahren hätten wir nicht im Traum daran gedacht, Software wie SPSS oder IDEA als KI zu bezeichnen. Doch genau das tun schon seit Jahren diese Programme: Daten auswerten, Gesetzmäßigkeiten feststellen, Ergebnisse liefern, die Entscheidungen ermöglichen. Eventuell mit dem Unterschied, dass die Auswertungen heute schneller und hypothesenfrei erfolgen. Heißt aber lange noch nicht: besser.

Wer hat die Macht?

Doch mit dem Fortschritt ist die Technologie immer unzugänglicher geworden. Im 21. Jahrhundert verliert der Mensch den Bezug zu den ihn umgebenen Maschinen. Nicht nur als deren Nutzer. Zunehmend auch als ihr Schöpfer. Er kennt die Funktionsweise der Geräte, die er täglich benutzt, nicht mehr. Er kann sie auch nicht mehr reparieren. In grauer Vorzeit war jedem Menschen sowohl die Funktion als auch die Struktur seiner Werkzeuge, vom Hammer bis zu Speer und Bogen, bekannt, beobachtet Stanislaw Lem. In analoger Zeit konnte man mit einem Schraubenzieher das Auto auseinander- und wieder zusammenbauen. Im digitalen Zeitalter braucht man dazu ein Informatikstudium.

Viele Menschen scheinen sich heute nicht mehr in der Position zu sehen, den Fortschritt aktiv beeinflussen zu können. Insbesondere in Bezug darauf, welche Trends und Technologien die jungen Generationen verstärkt nutzen und so, als kritische Masse, deren Wachstum und Verbreitung forcieren. Wir könnten allerdings der jungen Generation Vorbild und Wegweiser sein. Insbesondere, wenn es um die Fragen des Datenschutzes und der Sicherheit geht. Eltern machen sich im ihre Kinder Sorgen. Oft nur deswegen benutzen sie Instagram oder WhatsApp. Um ein Stück Kontrolle über ihre Kinder zu behalten. Und weil sie sie sonst gar nicht mehr erreichen würden: SMS nutzt heute kaum noch jemand, E-Mail ist zu aufwendig, und das Telefonieren ist out.

Gibt es in zehn Jahren Facebook noch? Diese Frage stellte ein Vater seinen 14 und 16 Jahre alten Kindern. Facebook? Sie würden kein Facebook nutzen, das wäre was für die Alten. 40 plus oder älter. Die Jugend von heute schwört dagegen auf WhatsApp und Snapchat. Womit sie womöglich eine größere Sensibilität für die Fragen der Privatheit und Vertraulichkeit beweist als die ältere Generation. Wenn man mal vom Skandal um Snapshot absieht, er würde die Daten, Videos und Bilder, die laut Geschäftsmodell des Unternehmens nach dem Abrufen automatisch gelöscht werden, nicht wirklich löschen.

Zukunft zwischen Dystopie und Utopie

Die Internetkonzerne Facebook, Google oder Apple kumulieren exorbitante Mengen an sensiblen, personenbezogenen Daten, oft ohne Kenntnis oder explizite Zustimmung ihrer Nutzer. Die gute oder schlechte Verwendung dieser Daten – im Sinne der Menschen oder gegen sie – liegt alleine in der Gunst der Konzerne, die – wie Bruce Schneier es ausdrückt – feudale Macht über die Daten ihrer Kunden erlangen und ausüben können.

Szenarien zur guten – oder schlechten – Verwendung dieser Daten gibt es viele. Große Datenmengen ermöglichen einerseits neue Analysemöglichkeiten. Auswertungen, die Maschinen schneller und zuverlässiger durchführen können als der Mensch, können ihm eine gute Grundlage für bessere Entscheidungen liefern. Künstliche Intelligenz als (Background-)Assistent des Menschen. Vielleicht auch als Implantat und Prothese. Oder als Intelligenzverstärker. Im Beruf des Arztes, Security Analytikers, Richters oder Versicherungsagenten. Oder auch im Privaten. Die Schattenseite heißt „predictive analytics“. Im Thriller, wie Marc Elsbergs Zero, wird eine Technik inszeniert, die die Macht über den Menschen erlangt, indem sie ihn kontrolliert, überwacht, später steuert oder gar neu erfinden kann. Die Grenze zwischen Empfehlung und Anweisung schwindet, wenn die Anreize – ökonomischer, gesellschaftlicher oder psychologischer Art – zu stark werden, um noch eigenständigen Handlungsalternativen Raum zu lassen. Doch anders als im Industriezeitalter kommt der Unterdrücker nicht von außen, sondern von innen: Wir unterdrücken uns selbst, schreibt Byung Chul-Han in Psychopolitik.

Die Frage, ob es Facebook in zehn Jahren noch gibt, ob das Unternehmen dann seine Finanzkraft als Wagniskapitalgeber nutzt, sich in sozialen Projekten, im Umweltschutz oder für Weltraumreisen engagiert, ein neues Geschäftsmodell verfolgt, der Markt noch nicht gesättigt ist und die sozialen Medien als Trend eine Dekade überstehen oder sich beispielsweise in eine Diktatur, ja eine Tyrannei verwandelt, die mit eigenen Nachrichtendiensten die öffentliche Meinung manipulieren und Wahlergebnisse beeinflussen könnte, wird man heute nicht abschließend beantworten können. Ein kleiner Hinweis sollte uns dennoch zu denken geben: Im Jahr 2015 wurden erstmalig mehr Cybersecurity- als Social-Media-Start-ups gegründet. Naht das Ende des Homo Ludens, des Spaßmenschen, der Fotos von seinem Mittagessen ins Internet postet? Eventuell. Ein neuer Trend? Womöglich. „Selbst wenn der Mensch alles kann, so doch gewiss nicht auf beliebige Weise“, bemerkt Lem in Summa Technologiae, „[w]enn er es wünscht, wird er am Ende jedes Ziel erreichen – aber vielleicht begreift er vorher, dass der Preis, den er zahlen müsste, das Erreichen dieses Zieles sinnlos macht.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Aleksandra Sowa: Die Antwort lautet nicht „42“

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