Reductio ad Hitlerum

von Aleksandra Sowa28.12.2015Gesellschaft & Kultur

Im Januar 2016 verfallen die Urheberrechte an Adolf Hitlers Mein Kampf, die seit nunmehr 70 Jahren beim Freistaat Bayern lagen. Ab Januar kann „Mein Kampf” in jeder deutschen Buchhandlung stehen. Ist das eine gute Idee?

Ab Januar kann „Mein Kampf” in jeder deutschen Buchhandlung stehen. „Ist das eine gute Idee?“, fragt Catherine Newmark in der aktuellen Ausgabe des “Philosophie Magazin”:http://philomag.de/, „Schließlich brennen in diesem Land wieder Asylunterkünfte.“

Doch das Werk, das meist auf rechtsextremen und islamistischen Webseiten im Internet veröffentlicht und zitiert wird, dessen Lektüre den Deutschen fast jahrzehntelang verwehrt wurde und das dadurch zu einer Art Fetisch avancierte, sei ein „schwerfällig geschriebenes Werk“, das im Vergleich zu anderen antisemitischen Schriften „tatsächlich eher wie eine dilettantische Schwundstufe des rechtsextremen Gedankenguts jener Zeit“ wirke, schreibt Newmark. „Historisch gesehen entfaltete Mein Kampf eine weitaus geringere Wirkung als Hitlers öffentliche Reden.“

Die Sprache des Dritten Reiches analysierte der Linguist Victor Klemperer in seiner Studie “LTI (Lingua Tertii Imperii) – Notizbuch eines Philologen”:https://de.wikipedia.org/wiki/LTI_%E2%80%93_Notizbuch_eines_Philologen. Und stellte fest: Das Ausrufezeichen dominiert! „Die Nazis machten einen inflationären Gebrauch von Ausrufezeichen, als wollten sie das Fragezeichen, das Symbol eines zu subtilen, liberalen und folglich anrüchigen Denkens, gleichsam in die Flucht schlagen“, schreibt Jacques de Saint Victor in “Die Antipolitischen”:http://www.his-online.de/verlag/9010/programm/detailseite/publikationen/die-antipolitischen. Ein „bezeichnendes Detail“, so de Saint Victor, das die Sprache des Dritten Reiches mit der Rhetorik des Internets gemeinsam hat. „Die Debatten bestehen mehr aus Behauptungen als aus Argumentationen“, beobachtet er und möchte sich zugleich vor der reductio ad Hitlerum hüten, „der jede etwas länger geratene Diskussion im Netz zu erliegen droht“. Dennoch sei es „ein bemerkenswertes und auffälliges Faktum, dass solche kategorischen Monologe, die derart gegensätzliche Positionen zum Ausdruck bringen, dass sie in gegenseitigen Beschimpfungen ausarten, in den Foren überhandnehmen.

Es sei ein Fehlschluss, so Leo Strauss, etwas als widerlegt bzw. falsch zu betrachten, alleine weil es von Adolf Hitler vertreten oder geteilt wurde. Und das Netz, so de Saint Victor, spiegelt lediglich die Impulse des wirklichen Lebens wider. Heftige Netzdebatten bilden ein Abbild der Gewalt, der man im öffentlichen Leben begegnet, „selbst wenn seine vermeintliche Anonymität manchen Entgleisungen Vorschub leisten mag“.

Die erfolgreiche „schwarzen Rhetorik“ des Dritten Reiches

Zu der unzweifelhaft sehr erfolgreichen „schwarzen Rhetorik“ des Dritten Reiches als Methode bekennen sich nicht erst seit heute Trainer und Coaches, die ihre Dienste den deutschen Politikern und Managern anbieten. Auch wenn die ehemalige Bundesministerin Renate Künast die Ursache für das „rüde Beschimpfen“ im Internet eher in der Anonymität sehen möchte. Und “einige andere”:http://www.heise.de/newsticker/meldung/Urheberkonferenz-Heilige-Kuh-der-Anonymitaet-gehoert-geschlachtet-3029833.html in der Abschaffung der Anonymität eine Lösung für das Problem. Die Hassausbrüche und Lynchjustiz im Netz sind möglicherweise auch nur ein Spiegelbild der Sprache und Umgangsformen, die im öffentlichen und privaten „Offline“-Leben lange schon Status quo sind. De Saint Victor zitiert in diesem Zusammenhang Jérémie Mani aus dem Nouvel Observateur: „Inzwischen sind die rassistischen Kommentare nicht einmal mehr anonym. Viele benutzen ihr Facebook-Profil […]. Es gibt keinerlei Schamgefühl mehr.“

Gewiss gehört zu den größten Errungenschaften unserer Zeit, Meinung über Bücher zu haben, die man nicht gelesen hat. Doch Mein Kampf sollte man schon deswegen lesen, um sich selbst ein Bild von seinen Stärken u/o Schwächen zu machen. Auch wenn der Lektüre vermutlich die Erkenntnis folgt, dass es an dem Buch nichts Dämonisches gibt und es keine wirklichen Geheimnisse (mehr) birge. Die Sphinx ohne Rätsel.

„Das Gebot des Vertrauens“, schreibt Newmark, „gilt auch und gerade angesichts aktueller politischer Radikalisierungen.“ Nicht Verbote (oder Zensur), sondern nur „robuste zivilgesellschaftliche Aushandlungsprozesse“ sind das korrekte Gegenmittel. Dafür muss der Staat seinen Bürgern ihre Mündigkeit – online wie offline – gewähren. Sei es durch das Recht auf Anonymität, Verschlüsselung oder Schaffung privater Rückzugsräume. Denn die Regierung, die das Volk „als unmündige Kinder“ behandelt, schreibt Kant in “Über den Gemeinspruch”:http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/%C3%9Cber+den+Gemeinspruch:+Das+mag+in+der+Theorie+richtig+sein,+taugt+aber+nicht+f%C3%BCr+die+Praxis, sei „der größte denkbare Despotismus“. Das kantsche Projekt der Aufklärung bestand gerade darin, die Menschen aus ihrer Unmündigkeit zu befreien. Heute, wenn dank Internet und der durch die Internetkonzerne geförderten direkten „Webdemokratie“, der Mensch riskiert, „innerhalb weniger Mausklicks für lange Zeit dorthin zurückbefördert zu werden“ , so de Saint Victor, scheinen „Projekte“ wie dieser wichtiger denn je.

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