Ihr seid nicht nur Konsumenten. Ihr seid Bürger, das heißt Gestalter, Mitgestalter. Joachim Gauck

Familie ist nicht gleich Familie

Echte Familienpolitik sollte Erfolgsmodelle besonders fördern, denn nicht jede Familie und jedes Modell haben die gleiche positive Wirkung auf die Gesellschaft. Qualität muss endlich prämiert werden.

Besonders moderne Gesellschaften, mit ihren Entscheidungsfreiräumen in Beruf, Partnerschaft, Familie und Freizeit, können ohne verantwortungsbewusst handelnde Menschen nicht existieren. Regenerationsbasis zur Entwicklung von solch starken Persönlichkeiten ist die Familie als Urzelle zukünftigen Zusammenlebens.

Somit hat ein Staat zur Absicherung seines eigenen Überlebens die Aufgabe, die Erziehungsfähigkeit von Eltern gezielt zu fördern. Denn ungebildete bzw. verwahrloste Kinder erhöhen zwar die Geburtenrate, aber auch vielfältige Folgekosten. Daher sind Qualitätsanforderungen an die durch Familien zu erbringende Erziehungsleistungen zu stellen. Unterbleibt dies, wird der Staat zum Gehilfen für alles und jenes, bis hin zum Verwerflichen. Er konterkariert seine eigenen Gesetze, nach denen aller Umgang mit dem Nachwuchs sich am Kindeswohl zu orientieren hat.

Auch Missbraucher und Gewaltanwender fördern?

Wie unscharf oft Begriffe verwendet werden, wird durch die folgende Sequenz einer Diskussion offenkundig: „Familie ist da, wo Kinder leben.“ Der Einwand: Konsequenterweise sind dann die unzähligen Kinder in den Slums der Welt quasi eine Groß-Familie. Leichte Irritation, dann kam die nächste Definition: „Familie ist da, wo Erwachsene mit Kindern leben.“

Aber nach dieser Umschreibung wären die unter einem Dach mit Kindern lebenden Gleichgültigen, Vernachlässiger, Missbraucher und Gewaltanwender eine traute und zu fördernde Familie. Daher hier ein qualitativer Zugang:

Familie ist da, wo Eltern und Kinder in gegenseitigem Respekt eine in die Zukunft weisende Verantwortung füreinander übernehmen,

  • in Bezug zu den Kindern, die Erziehungsverantwortung
  • als gegenseitige Beistandschaft in Freud, Leid und Not
  • in Bezug zu den Eltern, eine Mitverantwortung für das Leben im Alter

Aber statt Klarheit wird ein Gesinnungskampf offensichtlich. So geben sich Menschen in eher instabilen Formen des Zusammenlebens per Selbstetikettierung das Vorzeichen „modern, bunt, facettenreich und lebendig“. Im Gegenzug wird versucht, stabile familiäre Lebensformen als „alt, konservativ und nicht mehr lebbar“ abzuqualifizieren. Die Kernfrage, welche Familien weshalb wie gezielt zu fördern sind, bleibt bei einem solch undifferenzierten oder polemischen Schlagabtausch offen.

Mehr Geld für „qualitativ hochwertige“ Familien

Ein Zitat des I-DAF (Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie) greift das Dilemma auf: „Im Einzelfalle mögen heute alternative Lebensformen plausibler sein als die Lebensform der Normalfamilie.“ Aber „eine Gesellschaft, die nicht in der Lage wäre, bestimmte Formen ihres Zusammenlebens deshalb zu privilegieren, weil sie sie im Regelfalle als sozial nützlicher ansieht, würde sich in Widersprüche verwickeln und ihren Mitgliedern Orientierungsleistungen vorenthalten, auf die sie im Regelfalle angewiesen sind“, so der renommierte Soziologe Franz-Xaver Kaufmann.

Daher ist es konsequent und notwendig, die sogenannte Modell-Palette der familialen Lebensformen vor einer finanziellen Förderung einem kritischen Qualitätstest zu unterziehen. Schnell würde deutlich, ähnlich wie dies jährlich bei den TÜV-Mängelberichten bzw. Pannenstatistiken von Automobil-Verbänden der Fall ist, welche „Modelle“ wegen ihrer Zuverlässigkeit bzw. ihres qualitativ hochwertigen Erfolgs zu prämieren wären. Längerfristig würden so gleichzeitig die jährlich um circa 10 Prozent steigenden Kosten für Notinterventionen im Rahmen der Jugendhilfe stark reduziert. Dieser Aufwand lohnt, denn Kinder sind das Erbgut einer Gesellschaft und starke Familien ihr Rückgrat.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name ... – 18.01.2012 - 08:42

    Und dann werten wir mal wieder, was gar nicht zu werten ist. Was ist eine qualitativ hochwertige Familie? Ich kenne wunderbare Menschen, die so wurden eben weil so viele Stolpersteine im Leben waren und ich kenne andere mit wunderbaren Startchancen, die trotzdem scheiterten. Werten wir doch nicht immer wieder Umstände sondern das Leben an sich. Die meisten Eltern (laut einem Bundespolitiker ca. 90 %) kümmern sich sehr verantwortungsbewusst um ihre Kinder.
    Da ist schon wieder dieser ständige Generalverdacht – jetzt prüfen wir erst mal, ob du Familie das staatliche Geld auch wert bist, das ist so absurd!! Unterstützen wir Familien endlich finanziell, damit Eltern auch zeitlich ihrer Aufgabe gerecht werden können, dann sinken “die von Ihnen genannten steigenden Jugendhilfekosten” von alleine.

  • Theeuropean-placeholder
    Max Munkelmann – 18.01.2012 - 09:13

    Ich verstehe Ihren Kommentar nicht. Er widerspricht keineswegs obigem Artikel. Albert Wunsch hat doch gar nichts gegen Familienförderung und fordert hier doch auch überhaupt keine Einzelfallprüfung aka Generalverdacht – im Gegenteil: Er plädiert doch gerade für eine Förderung, aber eben für eine gezielte und sachlich begründete. Dass so etwas pragmatisch nur anhand von prototypischen Modellen machbar ist, ist eine logische Folge, wenn man eben den Generalverdacht vermeiden will.

    Haben Sie den Text wirklich aufmerksam gelesen?

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name ... – 19.01.2012 - 21:52

    Vor Einführung des Pensionssystems war es für Eltern lukrativ, fleißige, tüchtige und verantwortungsbewusste Kinder heranzuziehen. Seit Einführung des Pensionssystems ist es für Eltern besser, gar keine Kinder heranzuziehen.

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name ... – 18.01.2012 - 11:01

    Er möchte die Familien einem kritischen Qualitätstest unterziehen – warum?
    Gezielt und sachlich begründete Unterstützung – welcher mit hohen Kosten verbundener Verwaltungsapparat soll denn hierfür wieder verantwortlich sein?
    Stellen wir einfach jedem Erziehungsberechtigten eine Summe X pro Kind als Erziehungsgehalt zur Verfügung ohne vorhergehende Prüfung – beim Kindergeld verfahren wir ja ähnlich – das wäre für mich pragmatisch. Ich wehre mich gegen den Begriff qualitativ hochwertige Familie – was soll das sein?

  • Theeuropean-placeholder
    Anonym – 18.01.2012 - 11:52

    Ich möchte nicht prämiert werden. Ich wünsche keine Qualitätstests. Ich hasse den Begriff Familienförderung.
    Es sollte die freie Entscheidung des Einzelnen bleiben Kinder zu bekommen und sie so zu erziehen, wie er es für richtig hält. Kinder sind ein unglaublicher Reichtum. Das Leben ist schön mit Kindern. Ich möchte allerdings als Mutter nicht länger so extrem benachteiligt werden, wie es bislang der Fall ist, wenn ich auch Karriere machen möchte. Da schlagen viele Vorurteile zu, gerade im akademischen Bereich.

  • Theeuropean-placeholder
    J.S. – 18.01.2012 - 12:07

    Der Wunsch als Vater des Gedankens (man möge den Kalauer verzeihen) …

    Es scheint im Artikel vornehmlich darum zu gehen, die eigene Familienform (ergo: sich) als qualitativ höherwertig zu preisen. Mag ja sein, etwas mehr Familienzusammenhalt mag man heutzutage vielen schon wünschen, doch dann bitte direkt belegen. Sonst ist es einfach ein zweiter, sogar noch weniger argumentierter Sarrazin-Aufguss.

    P.S. Natürlich löst Friederike-Klara Glücksgefühle bei Mittelschichts/Oberschichts-Eltern aus, doch: Auf der Erde insgesamt sind bereits ausreichend und immer mehr Kinder & die Bundesrepublik (mit hohem Ressourcenverbrauch pro Nase) hat eine sehr hohe Bevölkerungsdichte für ein Flächenland – um die Grundsatzfrage auch im Auge zu behalten.

  • Theeuropean-placeholder
    C.B.M. – 18.01.2012 - 16:20

    Albert Wunsch,

    ich bin in vollem Umfang bei Ihnen! Ich wüßte auch nicht wirklich, was man an Ihren Aussagen heruminterpretieren können sollte. Die Aussagen sind verständlich und folgerichtig. Basta!

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