Haltung lässt sich leichter bewahren als wiedergewinnen. Thomas Paine

Helikopter-Eltern auf dem Vormarsch

Statt ihm Eigenständigkeit beizubringen, wollen Eltern nur noch, dass der Nachwuchs es möglich leicht hat. Das eigene Unvermögen wird so zum Handlungs-Maßstab.

Als vor ca. 15 Jahren der Artikel „Droge Verwöhnung“ in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ erschien und dieser Text parallel zu einem beträchtlichen Medienecho von „Zeit“-Mitherausgeber Helmut Schmidt das Feedback erhielt: „Großes Lob, der Autor hat in allen Punkten recht“, war in Deutschland der Begriff „Helikopter-Eltern“ noch unbekannt. Das durch den Text angestoßene Thema Überbehütung und erst recht die Veröffentlichung des Buches „Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenständigkeit“ im Jahre 2000 thematisiert jedoch schon all jene elterlichen und gesamtgesellschaftlichen Umgangstile, wie sie brandaktuell von Josef Kraus in seinem Buch: „Helikopter Eltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“ aufgegriffen werden.

„Rettungs-, Kampf- und Transport-Hubschrauber“

Ein Blick ins Helikopter-Eltern-Buch zeigt: Das erzieherische Unvermögen im Umgang mit unseren Kindern ist extrem steigerungsfähig. Der Irrglaube, dass eine Ausgrenzung von kindgerechter Anstrengung und Mühe den Start ins eigenständige Leben erleichtern könne, verbreitet sich rasant. Aber wie können sich Kinder auf die Herausforderungen des Lebens in Beruf, Familien und Freizeit vorbereiten, wenn ihnen das notwendige Einübungsfeld verwehrt wird? So wird täglich neu deutlich: Wer Selbstverantwortung und Eigenständigkeit nicht erlernt, kann nicht zielorientiert und erfolgreich Handeln, wird kaum zu einer zufrieden stellenden Selbstwirksamkeit gelangen. Insofern führt dieses allgegenwärtige Vorenthalten von altersgerechten Herausforderungen unsere Kinder gezielt zu Nichtkönnen und Versagen.

Auch wenn der israelischen Psychologe Haim Ginott den Begriff der helicopter parents schon im Jahre 1969 aufgriff, populär wurde er vor ca. 10 Jahren durch die amerikanische Familientherapeutin Wendy Mogel. In den USA wird, so Josef Kraus in seinem Vorwort, zwischen elterlichen „Rettungs-, Kampf- und Transport-Hubschraubern“ unterschieden: Dass Eltern ihre Kinder in unangemessener Weise vor alltäglichen möglichen Gefahren schützen wollen, sie selbst anstelle des Nachwuchses Konflikte mit anderen Kindern oder Institutionen lösen und ihre Töchter und Söhne ständig von A nach B chauffieren, obwohl die eigenen Füße, das Fahrrad oder der ÖPV viel angemessener wären, ist zur Alltäglichkeit geworden. Auch wenn Josef Kraus von (nur) ca. 15% überbehütenden Eltern ausgeht: Der alltägliche Umgang von Müttern, Vätern und anderen Erziehungskräften in Kindergarten und Schule belegt in großer Breite, dass den ihnen anvertrauten Kindern zu vieles im alltäglichen Miteinander abgenommen bzw. vorenthalten wird und so wichtige eigene Einübungsfelder vereitelt werden.

Die Folgen sind offensichtlich. So titelt die „FAZ“ vom 19.9.2013 auf der Seite „Beruf und Chance“: „Jung, gebildet, arbeitsscheu? Die Generation Y erobert die Welt“. So hat die Zeitschrift „Time“ den Millennials gerade eine Titelgeschichte gewidmet. Eine junge Frau blickt dabei bewundernd auf ihr Smartphone, offenbar kurz davor, ein Foto von sich selbst zu schießen. „Faul, narzisstisch und mit großer Anspruchshaltung“, nennt das Magazin diese „Me Me Me Generation“, der es offenbar nur um sich selbst gehe. Jason Dorsey – ein Kenner der Generation Y – verdeutlicht, dass die Millennials ein übersteigertes Selbstbewusstsein mitbringen: Sie haben den Anspruch, einmal Vorstandsvorsitzender zu werden, aber nicht unbedingt die Bereitschaft, die nötigen Anstrengungen zu investieren. Dorsey sieht in der Generation „ein um drei bis fünf Jahre verzögertes Erwachsenwerden“, das sich darin zeige, dass sie länger studieren und später Familien gründen. Viele amerikanische Millennials seien von wohlmeinenden Eltern verwöhnt worden, die wollten, dass ihre Kinder es leichter haben. Das erkläre die hohen Erwartungshaltungen. Ein Fazit: „Die Generation Ich-ich-ich ackert nur am Smartphone“.

Aber in unserem Land sieht es ähnlich aus. Auf den Schulalltag bezogen bietet das Buch von Josef Kraus reichlich Beispiele. Hier einige Fakten aus Auswertungsgesprächen mit Verantwortlichen für Kinder- und Jugend-Ferienfreizeiten: Da holt Mutter A. ihre zwei Töchter in der Nacht von einem Zeltplatz ab, weil ein Mädchen aus der Zeltgemeinschaft laut telefonischer Info der Töchter „doof und aggressiv“ sei. Der hauptamtliche Sozialpädagoge konnte die plötzlich aufgetauchte Mutter durch nichts stoppen. „Wenn meine Töchter sagen, ‚die‘ sei unmöglich, dann hole ich sie nach Hause und dann gibt es auch mit Ihnen nichts zu reden.“ Da versorgte Mutter S. die Tochter mit ihrem Lieblingsessen, weil sie einige Produkte der Freizeit-Küche nicht so recht mochte, während Mutter K. – die Ferienfreizeit war nicht so weit weg vom Wohnort – sich täglich abends vergewisserte, ob das Handy auch noch aufgeladen sei. Wenn nicht, hatte sie ein Austauschgerät dabei. Ihre Reaktion, als sie von einer Leitungskraft auf ihr Tun angesprochen wurde: „Sie als Mutter müsse immer überprüfen können, wie es der Tochter gehe.“ Auch wenn diese Begebenheiten aus dem Feld der Jugendarbeit nicht als repräsentativ anzusehen sind, werfen sie aber deutliche Fragen zur Erziehungsfähigkeit der Beteiligten auf.

Normale Spannungen aushalten

Überbehütung ist auf dem Vormarsch. Fehlt hier die Bereitschaft von Eltern, normale Spannungen auf dem Weg zur Eigenständigkeit der Kinder auszuhalten, scheuen dort die Fachkräfte in den Kindergärten mögliche Konflikte mit den Eltern. Das Erlernen von Eigenständigkeit, Verantwortungs-Bewusstsein oder sozialem Verhalten, besonders in Konfliktsituationen, wird nur dann akzeptiert, wenn das eigene Kind dabei geschont wird. Und auch in der Schule wird auf demselben Hintergrund zu vieles durchgehen lassen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Fähigkeit von Eltern und anderen Erziehungskräften, Kindern eine adäquate Unterstützung bei ihren Vorhaben geben zu können, immer mehr abnimmt. Wenn jedoch Ängstlichkeit und eigenes Unvermögen zum Maßstab des Handelns werden, wird eine in die Zukunft führende ermutigende Erziehung vereitelt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alina Papke, Albert Wunsch, Jan-Uwe Rogge.

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