Nichts ist gut in Afghanistan. Margot Käßmann

Eltern überfordern ihre Kinder

Kinder und Jugendlichen altergemäß herauszufordern, scheint für viele Eltern und andere Erziehungs- und Lehr- und Ausbildungs-Kräfte kaum leistbar zu sein. Ein Grund dafür liegt in der weit verbreiten Scheu, eine Autorität sein zu sollen, meint Albert Wunsch.

„Nicht Leistungsdruck überfordert unseren Nachwuchs, sondern Eltern, die ihren Job nicht richtig machen.“ so das Resultat einer exklusiven tiefenpsychologischen Studie des Kölner Rheingold-Institutes im Auftrag der Zeitschrift „Stern“. Demnach sind zuviele Väter und Mütter durch beruflichen Dauerstress, unklare Rollenbildern und ein ins Wanken geratenes Autoritäts-Verständnis verunsichert. Daher erleben Kinder „vom Alltag erschöpfte Eltern, die mal sehr streng, dann wieder als Kumpel auftreten. Sie vermissen zu Hause neben Sicherheit auch eine klare Ordnung – mit verlässlichen Uhrzeiten, eindeutigen Ansagen vom Vater oder der Mutter, eine klare Wertestruktur. Sie wünschen sich Eltern, die wieder als Eltern auftreten und das Kind Kind sein lassen und die sich trauen, einen eigenen Standpunkt zu beziehen, gegen den man auch rebellieren kann.“ Die unmissverständliches Forderung: Eltern, erzieht uns endlich wieder! – ZG 7.8.2016). So sind die häufig als fordernde Könige auftretenden Kinder tatsächlich Gefangene einer unverschuldeten Überforderung.

„Viele Eltern schaffen es anscheinend nicht, ihren Kindern Sicherheit zu vermitteln.“ Das liegt auch daran, dass sie gezielt Festlegungen vermeiden. Während in der einen Woche Mama für die Hausaufgaben zuständig ist, überprüft dies in der nächsten plötzlich Papa – und macht alles ganz anders. Für viele Kinder sind diese ständigen Veränderungen belastend. ‚Es ist zwischen Mutter und Vater nicht mehr klar definiert, wer für was zuständig ist. Nicht, dass ich wieder zurück zu alten Mustern möchte’", sagt Birgit Langebartels, Diplompsychologin und Leiterin der Studie. Aber es müssen Absprachen gelten. – Dass zum Beispiel Mama für die Hausaufgaben und Papa für das Abendessen zuständig ist. – ZG 7.8.2016.

Kinder und Jugendlichen altergemäß herauszufordern, scheint für viele Eltern und andere Erziehungs- und Lehr- und Ausbildungs-Kräfte kaum leistbar zu sein. Ein Grund dafür liegt in der weit verbreiten Scheu, eine Autorität sein zu sollen. Häufig deshalb, weil eine solche Positionierung mit einem autoritärem Verhalten verwechselt wird. Aber fehlende Orientierungsvorgaben führen immer zu Unsicherheiten bei der Selbsteinschätzung von Kindern. Ein unterentwickeltes oder übersteigertes Ego ist meist die Folge. Wird Menschen viel zuwenig zugetraut, erleben sie sich als Nichts. Wird ihnen dauernd alles nachgetragen, müssen sie sich als Mittelpunkt der Welt fühlen. Werden sie ständig überfordert, fehlt ihnen der Atem zum Leben. Mit Aggressionen ist in allen Fällen zu rechnen. Auf diese Probleme mit dem Scheinargument ‚Das gab’s schon immer’ eine Kurskorrektur verhindern zu wollen, wäre grob fahrlässig. Auch Kriege gibt es schon seit Menschengedenken. Trotzdem suchen wir immer wieder neu nach Wegen, dass auftretende Streitigkeiten nicht zu einem gegenseitigen Einhauen der Schädel führen.

Noch nie wussten Eltern so viel über die körperliche und seelische Entwicklung ihrer Kinder. Viele bemühen sich auch um eine gute Erziehung. Und doch sind therapeutische Praxen voll mit verhaltensauffälligen Kindern. Woran liegt das? Kinderpsychiater sind sich einig: Überbehütete Kinder werden ebenso krank wie vernachlässigte. Aber vielfältige Alltags-Belastungen und eine ausgeprägte Unsicherheit behindern den Erfolg der elterlichen Kenntnisse und Bemühungen. Denn ein angespannter Lebensalltag (ver)führt dazu, bei den Kindern zuviel durchgehen zu lassen. Eine Mischung aus Standpunktlosigkeit und Konfliktvermeindung prägt das Geschehen.

‚Einfach sein Ruhe haben wollen’ mag manche Erziehungs-Fehlhandlungen verstehbar machen. Aber ein solches Agieren rächt sich schnell, denn in der nächsten Situation wird das eingefordert, was als Ausnahme gedacht war. Besonders fehlt vielen Eltern ein geübter Umgang mit Kindern in Konfliktsituationen. Fast alles muss in unserem Land erlernt werden, ob Hunde-Führerschein, Erste-Hilfe-Kurs, Autofahren oder Tagesmutter-Ausbildung. Nur um die Erziehungs-Qualifikation von Eltern wird ein Bogen gemacht. Der Staat sollte daher gezielt – z. B. durch einen Bonus zum Kindergeld – Anreize setzen, damit Eltern von sich aus ihre Erziehungs-Kompetenz steigern. Die lässt sich eben nicht ‚einfach so’ aus dem Arm schütteln. Und wenn Mütter und Väter auf die Muster ihrer Eltern zurückgreifen, dann treffen unsortiert gute Vorgehensweisen auf völlig unbrauchbare.

Dazu ein Impuls aus Österreich: „Wir müssen das Bewusstsein erzeugen, dass Erziehen heute wirklich eine ganz schwere Sache geworden ist“ und das ich als Mutter oder Vater eine neue Rolle habe. „Außerdem gibt es viele Dinge, die Eltern einfach nicht verstehen: die neuen Medien und wie sie genutzt werden, Computerspiele usw.. Da sollte ‚Elternbildung’ ansetzen. Wenn man es an den Mutter-Kind-Pass knüpfen würde, das wäre ideal. Plus einen Anerkennungsbonus, um jene Eltern zu adeln, die begriffen haben, dass das, was sie heute investieren, morgen herauskommt.“, so die Familientherapeutin Leibovici-Mühlberger – ZG 8.8.2016.

Hier ein beispielartiger Einblick in das Denken und Handeln von drei Müttern – (ob Väter sich genau so verhalten würden, wird stark angezweifelt, müsste noch erforscht werden): Da holt eine Mutter ihre zwei Töchter in der Nacht von einem Zeltplatz ab – die Ferienfreizeit war nicht so weit vom Wohnort – weil ein Mädchen aus der Zeltgemeinschaft – so eine WhatsApp-Info der Töchter an die Mutter – ‘doof und übergriffig’ gewesen sei. Der hauptamtliche Sozialpädagoge konnte die plötzlich aufgetauchte Mutter nicht stoppen. „Wenn meine Töchter sagen, ‘die’ sei unmöglich, dann hole ich sie ab. Da gibt es mit Ihnen nichts zu reden.“ Gleichzeitig hatte sie die Mutter einer Freundin der Töchter entsprechend informiert, welche ebenfalls zur Zeltgemeinschaft gehörte. Auch diese kam nachts, um ihre Tochter aus solch unsäglichen Bedingungen zu befreien. Eine gezielte Recherche ergab, dass es bei einem abendlichen Spiel in nahen Wäldchen zu einer ‘Konfrontation’ gekommen sei. Fakt war, das ’doofe’ Mädchen hatte die Geschwister-Mädchen ‚per Abschlag’ als gefangen erklärt (so die Spielregel), weil die beiden Mädchen der eigenwilligen Mutter halt zur ‘gegnerischen’ Mannschaft gehörten. Dieser Körperkontakt wurde als tätlicher Übergriff gewertet. Eine andere Mutter versorgte während der Ferien-Freizeit den Sohn mit seinem Lieblingsessen, weil ihm einige Küchen-Produkte doch recht fremd seien und er diese nicht mochte. Eine weitere Mutter kam täglich abends vorbei, um sich zu vergewissern, dass das Handy der Tochter auch noch aufgeladen sei. Wenn nicht, hatte sie ein Austauschgerät dabei. Bei diesen mütterlichen Aktionen wurde ein Kontakt zu den Leitungskräften gezielt vermieden. Als eine Leitungskraft die ‘Handy-Mutter’ bei ihren abendlichen Aktivitäten ansprach, wieso sie denn ständig komme, schließlich würden die Leitungskräfte bei Bedarf doch wichtige Infos an die Eltern geben, kam als Kommentar: „Sie als Mutter müsse immer überprüfen können, wie es ihrer Tochter gehe.“ – Die Kinder selbst schienen die mütterlichen Aktionen eher hinzunehmen. Das Fazit der Leitungskräfte: Mit den Kindern und Jugendlichen sind wir – nach einer kurzen Einfindungsphase – recht gut klar gekommen, wenn nur nicht die Mütter dauernd gestört hätten. Auch wenn diese Begebenheiten aus einer Ferienfreizeit keinesfalls repräsentativ sind, sie werfen aber generalsierbare Fragen zur Erziehungsfähigkeit auf.

Erziehung ist Anregung und ermutigende Hilfe für Kinder und Jugendliche durch Eltern und andere Erziehungskräfte. Sie umfasst alle Bestrebungen, die zu einem selbständigen und eigenverantwortlichen Leben in der Gesellschaft führen. Wenn Eltern langfristig für ihre Kinder wollen, dass sie als stabile Persönlichkeit mit viel sozialer Kompetenz und Alltagsgeschick ihr Leben in Beruf und Partnerschaft meistern, hat sich die Erziehung auch von Kindesbeinen an diesem Ziel zu orientieren. Denn wer etwas nicht lernte, kann im weiteren Leben auch mit Herausforderungen nicht umgehen. Im Grunde geht es um Frage: ‚Schonen wir unsere Kinder oder trainieren wir sie auf das reale Leben hin’? Für den dänischen Autor Jesper Juul gibt es da im Buch: „Leitwölfe sein“ keine Kontroverse: „Kinder brauchen Eltern als Leitwölfe, eine liebevolle Führung in der Familie, damit sie sich im Dickicht des Lebens zurechtfinden!“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Albert Wunsch, Florian Josef Hoffmann, Albert Wunsch.

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